Was ist ein Söldner?
Versuch einer Abgrenzung.
Auf den ersten Blick erscheint vielen die Frage, was denn genau ein
Söldner ist, vielleicht etwas banal. Die UNO benötigte allerdings
etwa 20 Jahre, bis sie sich auf einen äußerst müden Kompromiss
einigen konnte. Nach endlosen Debatten, die von der Organisation Afrikanischer
Staaten (OAS) angestoßen worden war, einigte man sich 1989 dann auf
die UN-Konvention "gegen Rekrutierung, Einsatz, Finanzierung und Ausbildung
von Söldnern", die dann zur Folge hatte, dass Söldnern im gleichen
Jahr durch einen Zusatz zur Genfer Konvention der Status von Kriegsgefangenen
abgesprochen wurde. Söldner ist nach dieser Definition, wer nicht
zu den Konfliktparteien gehört, nicht offiziell von einem Drittstaat
entsandt wurde, speziell für diesen Konflikt geworben und nicht Mitglied
einer permanenten Organisation ist. Das heißt durch diese Definition
wurden nicht nur die Fremdenlegionen Spaniens und Frankreichs, die Gurkhas
und die pakistanischen Regimenter in einigen arabischen Staaten ausgeschlossen,
sondern auch alle Militärberater und Instrukteure, wenn ihr Einsatz
nur von ihrer Regierung abgesegnet worden war.
Natürlich hilft diese Definition niemanden weiter, da sie ja über
Söldner so gut wie nichts aussagt, sondern lediglich etwas über
die Interessenslage der Unterzeichnerstaaten, die vor allem ihr eigenes
Personal ins Trockene bringen wollten. Selbst ein Großteil der berüchtigten
Kongosöldner, die ja einer der wesentlichen Auslöser der ganzen
Diskussion gewesen waren, wäre nicht unter diese Definition gefallen,
da sie ja zumindest offiziell in die Armee Zaires integriert waren. Sogar
jemand wie Bob Denard, der heute noch gerne als Paradebeispiel eines Söldners
angeführt wird, müsste von jedem UN-Tribunal freigesprochen werden.
Schließlich konnte er glaubhaft versichern, immer im Einverständnis
mit dem französischen Geheimdienst gehandelt zu haben, und nach seinem
letzten großen Coup auf den Komoren nahm er die dortige Staatsbürgerschaft
an und konvertierte sogar zum Islam. Betroffen sind eigentlich nur die
äußerst finsteren – man könnte auch naiven sagen – Gestalten,
die ohne jede politische Rückendeckung für eine Rebellenorganisation
in den Krieg ziehen oder sich an einem Staatsstreich beteiligen, mit dem
auch wirklich keine Regierung etwas zu tun haben möchte.
Allerdings ging es der UNO nicht um eine allgemeine oder historische Defintion,
sondern darum illegale Söldneraktivitäten zu ächten. Sehr eng
eingegrenzt werden hier deshalb die Aktionen von Kriminellen definiert, damit sich
diese nicht auch noch auf die Rechte normaler Kombattanten berufen können.
Es besteht natürlich kein Zweifel daran, dass Militärberater,
Fremdenlegionäre oder Angehörige von PMCs nicht als Kriminelle zu
betrachten sind. Das Problem ist lediglich, dass sich die UN-Definition vor
allem im Internet, wo besonders schnell und gedankenlos kopiert wird, immer
weiter verbreitet und dann aus purer Bequemlichkeit als allegmeingültig
verkauft wird.
Die UN-Defintion hat sich deshalb weder im Bereich der Geschichtsschreibung noch
der aktuellen politischen Literatur durchgesetzt. Auch im allgemeinen
Sprachgebrauch wird sie vollständig ignoriert, da Presse und Fernsehen
fortwährend von "Söldnern" berichten, wenn es um den Einsatz
so genannter PMCs geht. Besonders peinlich ist, dass einige afrikanische
Staaten wie der Kongo oder Angola, die sich einst für die Ächtung
von Söldnern besonders stark gemacht hatten, inzwischen wieder dankbar
deren Dienste in Anspruch genommen haben. Selbst die UN und zahlreiche
Hilfsorganisationen sind inzwischen bei Transport, Versorgung, Minenräumung
und einer Menge anderer Aufgaben immer stärker auf private Anbieter
angewiesen. Man könnte hier also nur noch zwischen "bösen", dh.
illegalen und "guten", d.h. legalen Söldnern unterscheiden. Wobei
auch diese Unterscheidung mehr als problematisch ist, da ja die Terroristen
von heute bereits morgen als Vetreter ihrer Nation in den UN sitzen können.
Wesentlich einfachen und umfassender sind deshalb die Definitionen in
Lexika, die wie z.B. in Webster’s Dictionary ohne politische Rücksichten
einen Söldner als "a soldier hired into foreign service" definieren.
Doch auch hier stößt man bei genauerer Betrachtung schnell auf
einige grundlegende Probleme: was genau soll man unter "hired" verstehen?
Lohn ist sicher ein wichtiges Argument, doch versteht man auch "freiwillig"
darunter? Wer unterzeichnet den Vertrag und was
wird als Lohn geboten? Der Begriff "foreign" ist nicht weniger problematisch,
wenn man an Militärberater, Kolonialtruppen oder internationale Freiwillige
denkt, oder daran, wie schnell Landesgrenzen geändert oder bei Bedarf
Ausländer "nationalisiert" werden. Sehr gut kann man die ganze Problematik
im ersten Kapitel von Anthony Mocklers Buch "The Mercenaries” (1970) nachlesen
oder in dem Aufsatz von Michael Sikora "Söldner - historische Annäherung
an einen Kriegertypus" (2003). Wesentlich schlechter und in vielem zu konstruiert
sind dagegen die Definitionsbemühungen von Peter Warren Singer in
"Corporate Warriors" (2003).
In diesen – und einigen anderen – Texten geht es letzten Endes um sechs
Hauptmerkmale: 1. die Bezahlung, 2. die Freiwilligkeit, 3. die zeitlich
begrenzte Tätigkeit, 4. die fremde Nationalität, 5. das Fehlen
eines höheren Ziels und 6. die Lust am Krieg als solchem. Gerade die
beiden letzten Punkte sollen meistens dazu dienen, Söldner von Kriegsfreiwilligen
aus dem Ausland abzugrenzen, wie z. B. den Internationalen Brigaden im
Spanischen Bürgerkrieg. Wir wollen nun im folgenden diese einzelnen
Punkte auf ihre Brauchbarkeit hin überprüfen, um dann nach Möglichkeit
zu einer eigenen Definition zu kommen.
1. Die Bezahlung: der Sold, das schnöde Geld ist sicher eines der
entscheidenden Kriterien. Man sollte dabei aber bedenken, dass Beute, Landversprechungen
sehr oft die Entlohnung in gemünztem Geld ersetzten. Bereits die frühen
Hochkulturen rekrutierten Nomaden jenseits ihres Herrschaftsbereichs
wahrscheinlich allein mit Beuteversprechen, auch im Mittelalter und noch
im 16. Jahrhundert schlossen sich oft große Gruppen den Heeren an,
denen außer der Aussicht auf Beute und Lösegelder nichts versprochen
wurde. Kaperkriege waren bis zur Französischen Revolution eine äußerst
beliebte Methode, mit der sich teure Seekriege allein durch Raub finanzieren
ließen. Man sollte aber nicht denken, dass sich diese Praktiken auf
längst vergangene Zeiten beschränken.
Jean Zumbach erhielt in
Katanga und Biafra zwar einen ganz anständigen Sold als Pilot, weit
mehr verdiente er aber an den Folgegeschäften als Waffenhändler.
Einige moderne PMCs bieten ihre Dienste praktisch gratis an, um dann anschließend
die Rohstoffe ihrer Kunden ganz legal auszuplündern. Und mancher Warlord
im Goldenen Dreieck und in Afghanistan erhielt für den Einsatz seiner
Krieger wahrscheinlich nur die höchst geheime Zusicherung, künftig
das in der Region angebaute Opium allein vertreiben zu dürfen.
Ähnlich verhält es sich mit den Landversprechungen. In der
Antike gab es die so genannten Kleruchen, Militärkolonisten, denen
für ihre Dienste Land überlassen wurde. Die ägyptischen
Pharaonen siedelten tausende griechischer Söldner als Kleruchen im Nildelta
an und auch der persische Großkönig und seine Satrapen machten davon
reichlich Gebrauch. Im Mittelalter war Land dann lange das Hauptzahlungsmittel.
So waren die ersten Normannen zwar im Sold langobardischer Fürsten
nach Süditalien gekommen, als das Geld dann nicht reichte, nahmen
sie nur allzu gerne Land als Ersatz. Auch der Hundertjährige Krieg
wurde zumindest von den englischen Königen teilweise durch große
Landversprechungen in Frankreich finanziert. Wallenstein hat, als seine
enormen Heere vom Kaiser nicht mehr finanziert werden konnten, als Ausgleich
ganze Fürstentümer in Zahlung genommen. Noch im amerikanischen
Unabhängigkeitskrieg warben die Amerikaner Überläufer mit
Landschenkungen, wovon sie ja genug hatten. Aber auch im 19. Jahrhundert
wurden vor allem in Lateinamerika aber auch in Südafrika und Neuseeland
Söldner noch teilweise mit Land bezahlt. Auch wenn die Aussicht auf
eine eigene Farm heute kaum noch jemanden reizt in den Krieg zu ziehen,
so erfüllen doch die von einigen Ländern in Aussicht gestellten
Bürgerrechte eine vergleichbare Funktion.
2. Die Freiwilligkeit: Ganz im Gegensatz zum Kriterium der Bezahlung,
das unseres Erachtens nach nur etwas erweitert und differenziert werden
muss, handelt es sich bei der Freiwilligkeit um einen fatalen Irrtum, der
nur durch eine allzu starke Fixierung auf die neuere abendländische
Geschichte und eine Überdosis
Machiavelli zu erklären ist. Natürlich
wurden für den Solddienst gerne Freiwillige geworben. Wenn der Bedarf
aber das Angebot überstieg, wurde regelmäßig auf Zwang
zurückgegriffen – und wir reden hier nicht davon, dass man die potentiellen
Rekruten betrunken machte und ihnen goldene Berge versprach. So ist die
Verwendung von Kriegsgefangenen, die ja Sklavenstatus hatten, oder der
gezielte Ankauf von Sklaven zum Kriegsdienst seit der Antike eine weit
verbreitete Praxis. Bereits Assyrer und Ägypter kamen auf diese Weise
mit zu ihren besten Soldaten. Die skythischen Bogenschützen, lange
die einzige stehende Truppe der freiheitsliebenden Athener, wurden zum
Großteil auf dem Sklavenmarkt gekauft. Im Mittelalter unterhielten
vor allem islamische Staaten Elitetruppen aus türkischen, slawischen,
europäischen und afrikanischen Sklaven. Das christliche Abendland
wurde von dieser Praxis wahrscheinlich nur abgehalten, da hier niemand
die finanziellen Mittel hatte, ein stehendes Heer zu unterhalten; wenn
aber Not am Mann war, leerte man zumindest die Gefängnisse.
Als in Europa dann ab etwa Mitte des 17. Jahrhunderts genug Geld zur
Finanzierung stehender Truppen vorhanden war, näherten sich die Praktiken
des Soldatenhandels sehr schnell
denen des Sklavenhandels. Es ist uns ein
Rätsel, wieso gerade die Epoche des Absolutismus, die als Höhepunkt
bei der Verwendung von Söldnern gilt – fast alle europäischen
Armeen hatten einen Ausländeranteil von 20-30% -, bei der Definition
des Begriffs völlig ignoriert wird - lediglich Sikora verweist kurz
auf diese Problematik. Das ist um so erstaunlicher, da bei allen Historikern,
die sich mit dieser Zeit beschäftigen, völlige Klarheit über
die Bedeutung von Söldnertruppen und die damit untrennbar verbundene
Unterdrückung herrscht. Die zum Großteil durch Zwang aufgebrachten
Truppen wurden gegen gutes Geld vermietet oder ganz verkauft. Der so genannte
Soldatenkönig, Friedrich Wilhelm I. kaufte seine geliebten "Langen
Kerls" in halb Europa zusammen oder ließ sie von spezialisierten
Menschenjägern rauben. Für das berühmte Bernsteinzimmer
erhielt er vom Zaren 55 besonders groß gewachsene Russen und für
die "Dragonervasen" aus Sachsen 600 Dragoner. Aber auch die "Pressgangs"
der britischen Marine waren gefürchtet. Bei Bedarf stoppten die Schiffe
seiner Majestät auf offener See fremde Handelsschiffe und rekrutierten
einfach einen Teil der Besatzungen; tausende Ausländer dienten auf diese
Weise unter britischen Fahnen.
Erst im Gefolge der Französischen Revolution und der allgemeinen
Wehrpflicht kam diese Praxis in Europa zwar in Verruf (man hatte ja nun
genug Menschenmaterial, das noch billiger war), verschwand damit aber noch
lange nicht von der Bildfläche. So lockte man in den 1820er Jahren
deutsche und irische Immigranten
nach Brasilien, um sie dann zum Kriegsdienst
zu pressen. Auch die Nordstaaten bedienten sich während des Sezessionskrieges
ähnlicher Methoden. Obwohl in Europa im Laufe des 19. Jahrhunderts
auf das Pressen von Ausländern verzichtet wurde, feierte es bei der
Eroberung Afrikas neue Triumphe. Man kann natürlich der Ansicht sein,
dass die Europäer nach der Aufteilung des Kontinents als neue Herren
ein Anrecht auf die Dienstpflicht der Einheimischen hatten – wir sind es
allerdings nicht. Gerade in der Anfangszeit besorgten sich die Ägypter
und Briten im Sudan, die
Force Publique im Kongo
oder die Franzosen in Westafrika einen guten Teil ihrer Soldaten auf dem
Sklavenmarkt und ergänzten ihre Truppen mit denen geschlagener Kriegsherren.
Auch das 20. Jahrhundert brachte trotz des patriotischen Rummels nur
wenig Änderungen. Man hat sogar den Eindruck, dass durch das laute
Geschrei so manches verdeckt werden sollte. So ist es auffallend, dass
gerade die Nazis, die den kranken Kult um Opfertod und Vaterland ja am aufwendigsten
zelebrierten, zigtausende Russen für ihre Ostlegionen rekrutierten.
Nun mögen unter diesen armen Teufeln tatsächlich einige von dem
Wunsch gegen den Kommunismus zu kämpfen erfüllt gewesen sein,
für die große Masse aber war es nur ein Ausweg dem sicheren
Hungertod zu entkommen. Wer meint, dass diese Praktiken endlich auf der
Müllhalde der Geschichte gelandet seien, muss nur nach Afrika oder
Kolumbien schauen, um sich eines Besseren belehren zu lassen. Dort werden
bei Bedarf Gruppen von Kindersoldaten verschachert oder in die Reihen der
Sieger eingegliedert.
3. Die zeitlich begrenzte Tätigkeit: ähnlich wie mit der Freiwilligkeit
verhält es sich mit der zeitlichen Begrenztheit von Söldnerdiensten.
Auch sie ist ein völliger Irrtum aus einer modernen eurozentristischen
Perspektive. Selbstverständlich waren die Dienstverhältnisse
oft sehr eng begrenzt – im Mittelalter möglichst auf die wenigen Wochen
eines Feldzuges -, da niemand ein großes Söldnerheer lange finanzieren
wollte und auch nicht konnte. Ganz anders verhält es sich dagegen
mit den Leibgarden, die dauerhaft unterhalten wurden. Die
Germanen der julisch-claudischen Kaiser,
die Waräger in Byzanz oder die
Schotten und Schweizer in Frankreich dienten oft ihr ganzes Arbeitsleben in derselben
Einheit. Und nicht nur das; manchmal wurden diese Posten über mehrere
Generationen in einer Familie weiter gegeben – Söldner waren es trotzdem.
Als der Ausbau der staatlichen Strukturen und Finanzen dann den Unterhalt
stehender Heere erlaubten, war es mit der begrenzten Dienstzeit sehr schnell
vorbei. Gefragt wurden die Söldner dabei nicht, meistens wurden ihre
Verträge willkürlich verlängert.
Das leider weit verbreitete Märchen von der zeitlich begrenzten
Tätigkeit sagt lediglich etwas über die finanziellen Verhältnisse
der Auftraggeber aus aber absolut nichts über die Einstellung der
Söldner. In Zeiten, in denen zumindest für gute Truppen ein relativ
anständiger Sold bezahlt wurde (d.h. etwas mehr als der Lohn eines
Handwerkers), wollten Söldner meistens dienen und nahmen ihre Entlassung
nur widerwillig hin. Dann brachten sie sich bei ihren Familien oder bettelnd
manchmal auch mit Straßenraub mehr schlecht als recht über den
Winter, um dann bei der nächsten Gelegenheit wieder unter der selben
Fahne anzumustern. Sie glichen also mehr Saisonarbeitern, die sich mit
diesen Verhältnissen abfinden mussten. Wer in den wenigen permanent
besoldeten Truppen unterkommen konnte, gehörte zu den Privilegierten.
Im Absolutismus war der Sold dann so weit gesunken, dass viele versuchten
ihrem erbärmlichen Schicksal zu entfliehen, doch da richteten sich die
Hauptanstrengungen der Obrigkeit bereits gegen die Verhinderung der Desertionen.
Entlassen wurden dann nur noch alte Männer und Invaliden.
4. Die fremde Nationalität: Über das Kriterium, dass es sich
bei Söldnern um Ausländer handelt, herrscht weitgehend Einigkeit.
Für einige Autoren wie z. B. Janice Thomson ist es sogar das einzig
gültige. Dennoch ist auch diese Sache nicht ganz so einfach. Nimmt
man z.B. die Zeit der immer wieder angeführten Condottieri im Italien
der Renaissance, so stößt man schnell auf die Tatsache, dass
fast alle Italiener waren. Es wäre nun sicher nicht korrekt, in einem
Truppenverband, der aus den Diensten von Florenz in die von Mailand gewechselt
war, die Mailänder nicht als Söldner zu bezeichnen, die Florentiner
dagegen erst nach dem Wechsel. Ähnlich verhält es sich mit dem
Dreißigjährigen Krieg. Sind in Wallensteins Armee nur richtige
Ausländer Söldner, oder nur Protestanten, ein guter Katholik
dagegen nicht? Was ist mit den Chinesen, die sich von der
"Ever Victorious Army"
für den Krieg in China anwerben ließen, oder mit den
Meo-Stämmen, die von der CIA
für ihren heimlichen Krieg in Laos rekrutiert wurden?
Gerade die aktuelle Weltlage zeigt eine starke Tendenz zum Zerfall von
Staaten, Bürgerkriegen und der Mobilisierung ethnischer und religiöser
Minderheiten im Interesse auswärtiger Mächte. Man sollte es sich
also nicht so einfach machen.
Kompliziert wird diese Fragestellung noch dadurch, dass Söldner
eben oft keiner zeitlich begrenzten Tätigkeit nachgehen, sondern dauerhaft
bleiben. Die Söldnergeschichte ist voller Beispiele von Immigranten
und Flüchtlingen, die freiwillig ihre Dienste anboten oder denen keine
andere Wahl blieb. Viele Germanenstämme waren so ins römische
Reich gekommen, die Türken nach Kleinasien. Zahlreiche schottische,
schweizer, irische und viele andere Söldner wurden auf diese Weise
zu guten Franzosen. Die USA verwendeten Exilkubaner im Kongo und südafrikanische
PMCs warben einen guten Teil ihres Personals unter
Emigranten aus Angola,
die dort für Südafrika gekämpft hatten und nun ein recht
erbärmliches Dasein im Exil fristen. Heute ist es in einigen westlichen
Staaten eine beliebte Methode geworden, die
fehlenden Rekruten mit Einwanderern
zu ergänzen – Tendenz steigend! Ab wann ist also ein Immigrant kein
Ausländer mehr? Sicher nicht ab dem Zeitpunkt, an dem er einen neuen
Pass erhält. Denn diese Papiere werden bei Bedarf schon bei der Einreise
ausgegeben.
5. Das Fehlen eines höheren Ziels: Vor allem mit diesem Argument
wird ein fundamentaler Gegensatz zwischen materialistischen (finsteren)
Söldnern und hehren Patrioten oder Idealisten, die für eine gerechte
Sache in den Krieg ziehen, konstruiert. Nun sollte man aber nicht ganz
vergessen, dass die ganz großen Schweinereien in der Geschichte fast
immer in Namen eines Gottes, eines Vaterlandes oder einer anderen höheren
Sache verübt worden sind. Das eigentliche Problem ist aber, dass auch
Söldner am liebsten für höhere Ziele kämpfen. So findet man
die protestantischen Schotten im Dreißigjährigen Krieg vor allem
auf schwedischer Seite, die katholischen Iren später bevorzugt in
französischen oder habsburgischen Diensten. Man kann sehr oft beobachten,
dass Söldner, die sich irgendwo in der Welt schlagen, beim Ausbruch
eines Krieges in ihrem Vaterland, erleichtert zu den heimischen Fahnen
eilen. Aber auch in dem Interview mit
Kongo-Müller kann man – wenn
man will – einen echten Idealisten auf seinem Kreuzzug gegen den Kommunismus
erkennen. Natürlich sei er gerne beim Aufbau einer "Legion Vietnam"
oder der "Befreiung der DDR" behilflich, betont er durchaus glaubhaft.
Manche der alten Veteranen von Executive
Outcomes sollen Tränen in
den Augen gehabt haben, als sie von der Bevölkerung Sierra Leones
als Befreier bejubelt wurden. Bei ihrem früheren Dienst fürs
Vaterland (das Apartheid-Regime von Südafrika) waren sie stets als
Rassisten beschimpft worden. Wenn sie die Möglichkeit haben, wählen
Söldner ihren Arbeitgeber durchaus unter ideologischen Gesichtspunkten
aus. Es ist kein Zufall, dass viele eher rechtsgerichtete Europäer
im Jugoslawienkrieg unter kroatischer Fahne kämpften, ihre russischen
Kollegen dagegen auf serbischer Seite.
Für echte Berufssoldaten war es schon immer wesentlich einfacher,
ihr Handwerk im Namen ihres Königs oder ihres Vaterlandes auszuüben.
Da konnten sie auf bestehende Beziehungen vertrauen, ihr Besitz kam nicht
in Gefahr und im Alter konnten sie vielleicht sogar mit einer Pension oder
ähnlichem rechnen. Für viele entstanden die Probleme erst, wenn
in der Heimat keine Soldaten gebraucht wurden, oder sie sich beim Garnisonsdienst
zu Tode langweilten. Vor allem diejenigen, die ohne Zwang und materielle
Not in fremde Kriege zogen, folgten dabei sehr oft ideologischen Vorlieben.
Ihnen fehlten also nicht die Ideale, sondern lediglich die Möglichkeit
diese in der Heimat auszuleben. Der Bürgerkrieg in Jugoslawien zog
viele Freiwillige aus Westeuropa an, die auf eigene Kosten anreisten und
dann oft weniger Sold erhielten als das, was sie zu Hause an Sozialhilfe
bekommen hätten. Es kann ihnen also kaum ums Geld gegangen sein.
6. Die Lust am Krieg: Ganz besonders in diesen
"Fahrenden Rittern",
die oft eher Kampf, Abenteuer und Ehre (was auch immer sie darunter verstehen
mögen) suchen als Geld, sehen viele den Idealtypus des Söldners.
Mockler unterstellt ihnen "a devotion to War for its own sake". Singer
schreibt: “they simply harbor an open commitment to war as a professional
way of life.” Und sicher lassen sich dafür in der Söldnergeschichte
zahllose Belege finden. Wenn ein Häuptling bei keltischen oder germanischen
Stämmen Krieger für ein Söldnerkontingent sammelte, spielte
Abenteuerlust sicher eine mindestens ebenso wichtige Rolle wie die Aussicht
auf materiellen Gewinn. Im Mittelalter wird diese Einstellung so programmatisch
für den Adel, dass man schon nach den materiellen Motiven dahinter
suchen muss. Man kann aber auch an die süddeutschen Bürgersöhne
denken, die sich von den niederländischen
Handelsgesellschaften anwerben
ließen, um endlich einmal ferne Länder zu sehen. Das 19. Jahrhundert
ist voll verkrachter und gelangweilter Offiziere, die in verschiedenen
Revolutionen und Kolonialkriegen zwar auch manchmal ihr Auskommen vor allen
Dingen aber Abenteuer und Abwechslung suchen. Oft sind es die Jungen, die
nach einem Krieg mit den Erzählungen ihrer Väter aufwachsen und
nun selbst etwas erleben wollen. "Wir haben das aufgesogen wie Schwämm",
erzählt ein Fremdenlegionär der Nachkriegsgeneration, der in
Indochina diente. Der Brite Peter McAleese erzählt, wie es ihm als
Fallschirmjäger auf die Nerven ging, dass die Alten ständig von
Arnheim erzählten. Schließlich wurde er Söldner, da ihm
die britische Armee nicht genug Action zu bieten hatte.
Es gibt zahlreiche Studien über die Traumatisierung von Vietnamveteranen.
Das hält aber viele junge Rekruten der US-Army nicht davon ab, gerade den
Vietnamkrieg romantisch zu verklären und ihn als "verpasste Chance" zu betrachten.
Sicher gehen viele zur Armee, um ihrem Land zu dienen, einen sicheren Job
zu haben oder eine Ausbildung zu bekommen. Aber nicht wenige wollen vor
allem etwas erleben. Moderne Armeen machen sich dieses Bedürfnis zu
Nutze und werben deshalb nicht nur mit materiellen Anreizen (Bezahlung
Ausbildung, Papiere, sicherer Job), sondern appellieren gezielt an die
Abenteuerlust potentieller Rekruten. Die Lust am Krieg ist also etwas,
das man auch unter Berufssoldaten und idealistischen Freiwilligen finden
kann.
Man sollte sich aber bei "Krieg" nicht allein auf Kampf und Töten konzentrieren.
Ganz zentral geht es um "soldatische Werte": die Zugehörigkeit zu
einer verschworenen Gemeinschaft, Kameradschaft, Treue, Tapferkeit, Anerkennung
aus der Gruppe. Manche mögen dies für reaktionär oder gar
lächerlich halten, dennoch sind es Gedanken, die Männer (manchmal
auch Frauen) umtreiben und die man deshalb nicht einfach ignorieren oder
mit ein paar Schlagworten abtun sollte. Ein Gurkhaoffizier sagte in den
70er Jahren: "Every man in this world wants to be brave and woulds like
other people to call him brave. The army is the easiest way by which one
can demonstrate one’s braveness to the world. It is this that makes men
enlist in the Army".
Die genauere Betrachtung der verschiedenen Kriterien verdeutlicht, dass
sicher einige Punkte auf Söldner zutreffen können, aber nicht
müssen. Sehr oft demonstrieren sie nur deren Nähe zu anderen
Formen des Kriegertums, wie Berufssoldaten, Abenteurern, ausländischen
Freiwilligen und unterstreichen dadurch das Problem der Abgrenzung. Es
ist deshalb wahrscheinlich besser frei nach Sartre eine Sache dadurch zu
definieren, was sie nicht ist. Einen absoluten Gegenpol zu jeder Art von
Söldnertum findet man in allen Zivilisten, die nur in Zeiten der Not,
wenn ihre direkte Umgebung, ihre Heimat, ihr Haus, ihre Familie bedroht
werden, zur Waffe greifen. Sie kämpfen dann vorwiegend defensiv und
zeitlich äußerst begrenzt in Volksaufgeboten und Milizen. Natürlich
ist auch das nicht immer ganz freiwillig. Die Gruppe erwartet aus gutem
Grund, dass sich alle der Gemeinschaft gleichermaßen an den Lasten
und den Risiken des Kampfes beteiligen. Gegen Unwillige, die sich dem zu
entziehen versuchen, wird deshalb oft mit aller Härte vorgegangen.
Fast immer ist die Zugehörigkeit zu einer Gruppe - z.B. das Bürgerrecht
- mit der Pflicht, sich an der Verteidigung zu beteiligen fest verbunden.
Deshalb wird normalerweise auch keine Art von Sold bezahlt. Oft müssen
sich die Kombattanten sogar selbst ausrüsten und verpflegen. Man findet
diese Art des Kriegsdienstes in den meisten bäuerlichen Gesellschaften,
in den Stadtstaaten der Griechen, den mittelalterlichen Städten und
letzten Endes auch abgewandelt in der allgemeinen Wehrpflicht moderner
Staaten. Alles, was sich auf die eine oder andere Weise von diesen Aufgeboten
entfernt, nähert sich bereits mehr oder weniger dem Söldnertum
an.
Diese Problematik lässt sich bereits bei barbarischen Stämmen wie
Kelten, Germanen oder nordamerikanischen Indianern beobachten. Zur Verteidigung
der Heimat waren alle verpflichtet - vom Jügling bis zum Greis. An den
Kriegs- und Raubzügen in die Fremde dagegen beteiligten sich Freiwillige,
die sich davon Beute, Trophäen, Sold, Abenteuer oder nur Ruhm und Ehre
versprachen. Ob eine benachbarte Großmacht mit Geschenken und Beuteversprechen
zu einem solchen Kriegszug motiviert oder ob man nur Vieh auf eigene Faust
rauben möchte, ändert daran wenig. Imperiale Mächte wie die
Römer und später die Briten, die konstant fern der Heimat Kriege
führten, konnten das nie mit Wehrpflichtigen tun, sondern mussten dazu
Berufssoldaten einsetzen, die dann zunehmend durch Södner verstärkt
manchmal sogar weitgehend ersetzt wurden. Selbst im Feudalismus, wo ja eine
Schicht professioneller Krieger zur Verfügung stand, waren Kaiser
und Könige bald gezwungen bei auswärtigen Kriegen Sold zu bezahlen,
da die Lehnsfolge räumlich und zeitlich sehr begrenzt war. Auf diese Weise
wandelte sich der Lehensdienst
zum Söldnertum, und das meist so schnell, wie es die bescheidenen
Finanzen erlaubten.
Möchte man nun Söldner im Gegensatz zu Milizionären definieren,
so kann man sagen: Ein Söldner kämpft für eine Sache, die
ihn eigentlich nichts angeht, d.h. für ihn ließe sich auch unter
weit gespannten Kriterien keine Art von Dienstpflicht konstruieren. Wir
sagen "eigentlich", da sich in der Regel meisten eine Art Identifikation
entwickelt, sofern diese nicht schon vorher bestanden hatte. Deshalb handelt
es sich bei Söldnern trotz aller Problematik um "Ausländer",
besser gesagt um "Fremde", worunter natürlich unter gewissen Umständen
auch die Einwohner der nächsten Stadt zu verstehen wären. Im
Gegensatz zu Milizionären werden Söldner auf irgendeine Weise entlohnt,
da sie als Profis von diesem Einkommen leben müssen.
Wenn also ein Ausländer für eine Sache kämpft, an die
er so stark glaubt, dass er bereit ist sein Leben für sie hinzugeben,
so könnte man auch sagen, dass für ihn zumindest eine hypothetische
Dienstpflicht besteht; es sich also nicht um einen Söldner handelt.
Das war sicher zu Zeiten der Kreuzzüge bei vielen der Fall, aber auch
bei den Glaubenskriegern von der anderen Seite. Auch wenn ein überzeugter
Kommunist in den Internationalen Brigaden kämpfte, war er wahrscheinlich
der Überzeugung, einer höheren Pflicht Folge zu leisten. Ähnliches
muss man dann aber auch für die europäischen Freiwilligen der
Waffen-SS gelten lassen. Bei denjenigen, die sich Hitlers Ostlegionen "nur"
anschlossen, um nicht zu verhungern, ist die Sache dann schon nicht mehr
so einfach. Wir würden am liebsten all diese Idealisten und Fanatiker,
die unbedingt für ein höheres Ziel sterben wollen, vollständig
ignorieren. Das Problem ist nur, dass sie immer wieder gerne für Söldnerdienste
missbraucht wurden, oder dass sie selbst, nachdem ihre Ideale erst einmal
zerbrochen waren, ihre Tätigkeit für Geld ausübten. Eines
der übelsten Beispiele ist hier sicher das Schicksal der
Polnischen Legion auf Haiti.
Sogar die Französische Fremdenlegion
wurde vor allem deshalb gegründet um politische
Flüchtlinge zu "entsorgen", und in fast allen Söldnerformationen
des späten 19. Jahrhunderts stößt man auf gescheiterte
48er Revolutionäre. Noch in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts leisteten geflohene
deutsche Terroristen von der Roten Armee Fraktion und solche von der Wehrsportgruppe
Hoffmann Söldnerdienste für die PLO im Libanon.
All diejenigen, die zwar auch für eine gute Sache kämpfen
wollen, bei denen aber die Abenteuerlust im Vordergrund steht und die tatsächlich
keine materiellen Vorteile im Auge haben, bezeichnen wir als "Fahrende
Ritter", um das historisch unzeitgemäße zu unterstreichen. Die
Unterscheidung von den reinen Idealisten ist natürlich schwierig,
da man über die Motivation des Einzelnen nur schlecht urteilen kann.
Oft erkennt man sie aber daran, dass sie alleine reisen und auch gerne
den Schauplatz wechseln, wenn die Sache zu langweilig wird. Auch wenn sie
oft von "höheren Zielen" reden, so bekommt man doch leicht den Eindruck,
dass sie eine Art Abenteuerurlaub machen. Von den typischen Söldnern
unterscheiden sie sich schon deshalb, da sie es sich leisten können,
auf den Sold zu verzichten und deshalb in ihren Wahlmöglichkeiten
wesentlich freier sind. Dennoch findet man diesen Typus in fast allen
Söldnerformationen, und sehr oft, wenn ihm das Geld ausgeht, verrichtet
er seinen Dienst wie alle anderen auch.
Treten bei einem Fahrenden Ritter materielle Interessen in den Vordergrund,
spricht man gerne von einem "soldier of fortune", was man im Deutschen mehr
schlecht als recht mit "Glücksritter" übersetzen könnte.
Der Begriff kommt aus dem romanischen Sprachraum, wo man lange alle fremden
Söldner als "aventuriers/aventureros" oder "soldati di fortuna/soldats
de fortune" bezeichnete. Im Englischen verwendete man häufiger die
Bezeichnung "Free Lance", was heute völlig auf den zivilen Bereich
übergegangen ist. Alle diese Begriffe unterstreichen die Unabhängigkeit
dieser Krieger. Im Gegensatz zum einfachen Fußvolk suchen sie sich
ihre Arbeitgeber meistens relativ frei und erwarten auch nicht immer
pünktliche Bezahlung. Sie haben Größeres vor: eine gut
dotierte Offiziersstelle, ein Ministeramt, Handelsprivilegien und immer
wieder Land, nach Möglichkeit ein eigenes Reich. Kipling hat diesen
Typus in seinem Roman "Der Mann, der König sein wollte" am besten
beschrieben.
Völlig fließend ist die Unterscheidung zwischen Söldnern und
Berufssoldaten. Das liegt schon allein daran, dass die historische Entwicklung
vom Volksaufgebot zum Söldnerheer meistens über diesen Weg verläuft.
Sobald eine Gesellschaft komplexer wird, kommt sie zwangsläufig zu
der Einsicht, dass es für viele besser ist, den zivilen Geschäften
nachzugehen und das Kämpfen einigen Spezialisten zu überlassen,
die dafür bezahlt werden. Daran ist sicher nichts auszusetzen, so
lange diese Berufskrieger, den selben sozialen Schichten entstammen wie
die Entscheidungsträger. Irgendwann kommt dann aber der Punkt, an
dem die Soldaten für ihre harte und gefährliche Arbeit nur noch
miserabel bezahlt werden. Dann geht man dazu über den Nachschub fast
ausschließlich unter den sozial Schwachen zu rekrutieren. So war
und ist es auch heute noch in vielen Ländern mit "Wehrpflicht" möglich,
sich von diesem unbequemen Dienst freizukaufen. "Rich man’s war, poor man’s
fight", war ein berühmter Slogan im amerikanischen Bürgerkrieg.
Man befindet sich in diesem Fall bereits auf einer Vorstufe zum Söldnertum.
Der nächste Schritt kommt dann, wenn es auch den Unterschichten so
gut geht, dass man unter ihnen nicht mehr genug Freiwillige findet und
sie politisch so einflussreich sind, dass man sie nicht mehr zwingen kann.
Dann geht man notgedrungen dazu über die Lücken mit Ausländern
zu füllen.
Aber auch die einheimischen Berufssoldaten nähern sich manchmal
dem Söldnertum an, und zwar dann, wenn materieller Gewinn und Abenteuerlust
immer stärker in den Vordergrund rücken. Absolut keine Probleme
gibt es, wenn der bezahlte Profi mit der aufgebotenen Miliz bei der Verteidigung
seines Landes kämpft. Schwieriger wird es schon, wenn er in fremde
Länder geschickt wird, um dort mitunter äußerst dubiose
Interessen durchzusetzen. Sehr oft erwarten Berufssoldaten dann mit Recht,
dass sie an den erwarteten Gewinnen, durch höheren Sold oder Beute
beteiligt werden. Bereits im Mittelalter war die Dienstzeit der Ritter
zeitlich auf 4 bis 6 Wochen begrenzt und Einsätze in Übersee
waren oft ausdrücklich davon ausgenommen. Wollte ein Herrscher also
seine Lehnsleute zu einem solchen Kriegszug gewinnen, musste er Sold bezahlen
oder andere Dinge wie Land und Beute in Aussicht stellen. In einem Großteil
der Fachliteratur werden deshalb die englischen Truppen während des
Hundertjährigen Krieges durchweg als Söldner bezeichnet.
Dieser Trend verstärkt sich während der kolonialen Expansion. Natürlich
sprachen auch hier alle vom Dienst an König und Vaterland; letzten
Endes aber ging man in die Kolonien, um sein Glück zu machen, um reich
zu werden. Nationale Aufgebote hätte man kaum dahin schicken können.
In diesen Zusammenhang gehört auch, dass im 19. Jahrhundert, als in
Europa kaum noch Söldner verwendet wurden, diese in den Kolonien ein
letztes Refugium fanden. Gleichzeitig nahm die Verwendung einheimischer
Kolonialtruppen – ein preiswerter Ersatz europäischer Söldner
– immer größere Ausmaße an.
Wir wollen nicht behaupten, dass es sich bei Berufssoldaten, die in
Übersee dienen, um richtige Söldner handelt. Schließlich
gelten die spanischen Konquistadoren und ihre französischen und englischen
Nachfolger als nationale Heroen. Dennoch möchten wir auf den engen
Zusammenhang verweisen. Außerdem war gerade der Kolonialdienst einer
der letzten größeren Söldnerproduzenten neuerer Zeit. Viele
der Söldner der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts hatten ihr
Handwerk in den Kolonialkriegen Frankreichs und Großbritanniens gelernt.
Auch von denen, die heute aus der Ex-Sowjetunion und den USA auf den Markt
kommen, haben die allermeisten vorher als Berufssoldaten im Ausland gedient.
Noch einen Schritt näher am Söldnertum stehen Militärberater,
die zwar meist auch irgendwie mit der Erlaubnis ihrer Regierung arbeiten,
vorwiegend aber den Interessen der Rüstungsindustrie dienen. Für
sie besteht keinerlei Dienstpflicht; sie erledigen ihren Job gegen gute
Bezahlung und zum Teil sicher auch aus Abenteuerlust.
Bei "Kriegsreisende" werden wir uns mit denjenigen beschäftigen,
die in fremde Kriege gezogen sind. Ob sie dies freiwillig, aus Leichtsinn
oder aus Zwang taten, ist dabei für uns genau so irrelevant wie die
Frage, ob sie hauptsächlich Geld, Land oder Ruhm und Abenteurer erwarteten.
Nur die wirklich überzeugten Kreuzritter und anderen Menschheitserlöser
werden wir weitgehend beiseite lassen, und uns nur dann mit ihnen beschäftigen,
wenn sie etwas von ihren tugendhaften Pfaden abwichen. Vor allem wollen
wir uns aber nicht auf einen Idealtypus konzentrieren, sondern möglichst
viele der unzähligen Facetten, Grauzonen und Widersprüche des
Gewerbes aufzeigen. Denn letzten Endes werden ja Begriffe nur im Vergleich
und im Kontrast deutlich. Unsere Leser mögen dann selbst entscheiden,
wen sie für einen echten Söldner halten, wen für einen gescheiterten
Idealisten und wen für ein bedauernswertes Opfer der Umstände.
Literatur zum Söldnerbegriff:
Mockler, Anthony
The Mercenaries; 1970
Thomson, Janice
Mercenaries, Pirates, and Sovereigns; 1994
Singer, Peter Warren
Corporate Warriors; 2003
Sikora, Michael
Söldner - historische Annäherung an einen Kriegertypus; 2003
© Frank Westenfelder
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