Die französische Fremdenlegion
im 19. Jahrhundert - ein Überblick.
Aus heutiger Sicht erscheint die französische Fremdenlegion wahrscheinlich
manchem als historisches Relikt und es fällt die Frage, warum eigentlich
ausgerechnet Frankreich auf die Idee gekommen ist, eine solche Einheit
aufzustellen. Betrachtet man jedoch den historischen Kontext, so erscheint
die Fremdenlegion als relativ typisches Produkt ihrer Zeit. Die Zusammenfassung
von Ausländern in eigenen Einheiten, die dann gerne als "Legion" bezeichnet
wurden, war im 19. Jahrhundert noch lange nicht aus der Mode gekommen. Zudem hatten viele
Kolonialtruppen einen hohen Ausländeranteil. In den niederländischen dienten
sogar so viele, dass einige von einer "holländischen Fremdenlegion" sprachen.
Das besondere an der französischen Fremdenlegion ist deshalb eher, dass sie im
Gegensatz zu vergleichbaren Truppen, von denen es wie gesagt eine ganze Reihe gab,
die Krisen in ihrer Geschichte überstand und mit der Zeit zu einem festen
Bestandteil der französischen Armee wurde. Ihre Wurzeln
reichen zurück bis ins 17. und 18. Jahrhundert als Fremdenregimenter
immer einen guten Prozentsatz der französischen Armee stellten. Da
sich diese Fremdenregimenter in der Revolution dem König gegenüber
als besonders loyal erwiesen hatten, wurden sie danach als "Tyrannenknechte"
diffamiert und aufgelöst, bald jedoch unter dem neuen Etikett "Fremdenlegion"
wieder eingeführt. So wurden bereits 1792 die "Légion franche
étrangère" und die "Légion germanique" aus preußischen
und österreichischen Deserteuren gegründet. Unter
Napoleon erlebten
diese Fremdenlegionen einen nie da gewesenen Höhepunkt
Nach dem Sturz Napoleons wurde in der Restauration die Heeresstärke
reduziert und die Fremden fast alle entlassen. Allerdings legten auch
die neuen Könige von Frankreich Wert darauf, sich in guter alter Tradition
von einer Schweizergarde beschützen zu lassen. Daneben gab es noch
das "Regiment Hohenlohe", in dem Ausländer aller Nationen dienten.
Als die Bourbonen dann 1830 in der Julirevolution gestürzt wurden,
richtete sich der Volkszorn vor allem gegen die Schweizer, die seit dem
Sturm auf die Tuillerien in der Bevölkerung einen schlechten Ruf hatten.
Unter dem Druck der Straße musste der neue Bürgerkönig
Louis Philippe die unpopulären Fremdenregimenter schließlich
auflösen.
Die Aufstellung:
Beim Wiederherstellen der öffentlichen Ordnung stand die neue Regierung
jedoch noch vor einem weiteren Problem. Die neue Revolution in Frankreich
hatte zahlreiche politische Emigranten vor allem aus Mittel- und Osteuropa
angezogen, wo die Bemühungen um demokratisch legitimierte Nationalstaaten
wieder einmal unterdrückt worden waren. Voller Idealismus aber mit
leeren Taschen bildeten sie ein beträchtliches Unruhepotential, das
durch die entlassenen Söldner und enttäuschte französische
Revolutionäre verstärkt wurde. Da traf es sich gut, dass das
französische Militär kurz zuvor mit der Eroberung von Algerien
einen äußerst unpopulären Kolonialkrieg begonnen hatte.
Algerien entwickelte sich deshalb schnell zu einer Art "Entsorgungsstelle"
für Problemfälle: Missliebige Offiziere wurden in die neue Kolonie
versetzt; aus verhafteten Pariser Revolutionären und Kriminellen wurden
die berüchtigten Strafbataillone – die "Bataillons d'Afrique", oder
kurz "Bats d’Af" - gebildet und nach Afrika geschickt, und für die
Ausländer schuf man die "Légion étrangère" -
die Fremdenlegion.
Natürlich sagte man ihnen bei der Aufstellung nicht, dass sie am
besten in Afrika verschwinden sollten. Viele der Flüchtlinge waren
der Überzeugung, dass sie bald wie einst unter Napoleon, die alten
Regime in Europa hinwegfegen würden. Zum ersten Kommandeur der neuen
Einheit wurde der Schweizer Oberst Christoph Anton Jakob Stoffel, der wie
sie selbst ein Artefakt längst vergangener Zeiten schien. Stoffel
stammte aus einer Familie aus St.Gallen, die seit dem 16. Jahrhundert Europa
mit Söldnern versorgt hatte. Er wurde in Madrid geboren, wo sein Vater
in einem Schweizerregiment diente, in das er dann auch selbst eintrat.
Aus Langeweile verließ er 1808 den gemächlichen Dienst in Spanien,
um in einem von Napoleons Schweizerregimentern etwas zu erleben. Anschließend
hatte er in Portugal und Brasilien gedient und war schließlich ziemlich
abgebrannt in Paris gelandet. Dem Kommandeur entsprachen die Uniformen,
die seit Napoleons Kriegen in Depots gelagert waren.
Algerien:
Stoffel führte nun diese Mischung aus den Resten der alten Fremdenregimenter,
den politischen Emigranten und was sonst noch an menschlichem Treibgut
in die Werbebüros gespült worden war nach Algerien. Dort verflogen
die romantischen Träume, die mancher noch gehegt haben mochte, jedoch
schnell. Die Legionäre wurden hauptsächlich wie Sträflinge
beim Straßenbau eingesetzt. Der Sold lag weit unter dem der normalen
Armee und wurde von den Legionären meistens komplett in Alkohol umgesetzt.
Die Zusammenfassung der verschiedenen Nationalitäten in bestimmten
Bataillonen führte zu Massenschlägereien, die manchmal erst durch
den Einsatz anderer Truppenteile beendet werden konnten. Am schlimmsten
war jedoch die Cholera, durch die die Fremdenlegion in den ersten Jahren
1/4 ihrer Stärke verlor. Die Zustände in den Hospitälern
waren skandalös. Die Kranken erhielten keinerlei Pflege
und mussten oft ihre Uniformen verkaufen, um sich etwas zu Essen zu besorgen.
Um die Disziplin aufrecht zu erhalten, wurden selbst kleine Vergehen
mit brutalsten Militärstrafen geahndet. Unter diesen Umständen
ist es nicht erstaunlich, dass sich bald die Desertionen häuften.
Aus Mangel an Alternativen liefen viele zu den Arabern unter Abd el Kader
über, in deren Reihen sie dann gegen die Franzosen kämpften.
Als sich diese Kämpfe ausweiteten, konnte endlich auch die Fremdenlegion
langsam ihre militärische Schlagkraft unter Beweis stellen. Doch es
nützte nicht mehr viel. Da man in Paris inzwischen mehr als genug
Beschwerden über Disziplinlosigkeit und Desertionen erhalten hatte,
war man dort fest entschlossen sich die problematische Truppe völlig
vom Hals zu schaffen.
Spanien:
Wieder einmal bot sich ein problematischer Krieg als Lösung an.
In Spanien war 1834 der so genannte
Karlistenkrieg ausgebrochen, in dem die Liberalen
unter der Regentin Christina und die eher Konservativen unter
dem Prätendenten Carlos um die Thronnachfolge kämpften. Die Großmächte
Europas unterstützten zwar die verschiedenen Parteien, vermieden es
aber mit eigenen Truppen einzugreifen. Aus diesem Grund schickte Frankreich
die Fremdenlegion nicht als Teil der eigenen Streitkräfte, sondern
trat sie in guter alter Söldnertradition komplett an Spanien ab.
In Spanien avancierte die Fremdenlegion schnell zu einer bewährten
Stoßtruppe, die bei den Kämpfen in den Bergen Kataloniens und
Aragons meistens an vorderster Front eingesetzt wurde.
Bald begannen die Legionäre jedoch unter der schlechten Versorgung
zu leiden. Essen und Sold gab es nur äußerst unregelmäßig
und für die zerschlissenen Uniformen gar keinen Ersatz. Die Ausländer
sollten als möglichst billiges Kanonenfutter verheizt werden. Als
die Zustände immer schlimmer wurden, liefen auch hier zahlreiche Legionäre
verbittert zum Feind über. Schließlich waren es so viele, dass
die Karlisten aus ihnen eine eigene Legion aufstellten. Das bittere Ende
kam, als im Juni 1836 beide Fremdenlegionen in der Schlacht von Barbastro
aufeinander trafen, wo sich die ehemaligen Kameraden ohne Erbarmen abschlachteten.
Danach war die Fremdenlegion zu keinem Einsatz mehr fähig; die Überlebenden
warteten vergessen und ohne Sold, bettelnd vor Pamplona auf bessere Zeiten.
1839 kehrten dann 63 Offiziere und 159 Mann nach Frankreich zurück.
Das war der klägliche Rest von etwa 8.000 Mann, die inklusive Verstärkungen
nach Spanien geschickt worden waren.
Abd el Kader:
Es gab wieder Verwendung für sie. Denn da die Algerier unter Abd
el Kader unerwartet harten Widerstand leisteten, hatte man sich in Frankreich
zur Neuaufstellung der Fremdenlegion entschlossen, in die nun die Heimkehrer
eingegliedert wurden. Wesentlich umfangreichere Verstärkungen brachten
jedoch die geschlagenen Karlisten, von denen viele nach Frankreich flohen
und sich anwerben ließen. Ein Vorgang der typisch für die Geschichte
der Fremdenlegion werden sollte. Im Krieg um Algerien zeigten die Legionäre
dann ihren Wert als Stoßtruppe und wurden bei den härtesten
Gefechten oft an vorderster Front eingesetzt. Für den Kleinkrieg in
der Wüste und den Bergen erwiesen sich jedoch die aus Einheimischen
gebildeten Söldnereinheiten als wesentlich effektiver. Und so sollte
man bei aller Heroisierung nicht vergessen, dass die Fremdenlegion hauptsächlich
als Bautruppe verwendet wurde. General Lyautey formulierte es später
bei der Eroberung Marokkos einmal so: "Ich brauche eure Bajonette nicht.
Ich brauche Männer mit Picken und Schaufeln. Ihr Legionäre seid
gut zum Graben." Die Legionäre gruben Kanäle, planierten Straßen,
schlugen Tunnel in die Felsen, bauten Befestigungen und ihre eigenen Kasernen,
so auch ihr neues Hauptquartier in Sidi bel Abbes.
Die Krim und Italien:
Nachdem der Krieg in Algerien zu einem Ende gekommen war, diskutierte
man in Paris wieder einmal über die Auflösung der ungeliebten
Einheit. Da kam mit Napoleon III. wieder ein Kaiser an die Macht, dessen
Sinn nach neuen großartigen Eroberungen stand. Gemeinsam mit England
unterstützte er die Türkei im Krimkrieg, der schnell so verlustreich
wurde, dass England sogar mit der Aufstellung von drei Fremdenlegionen
begann. 1859 kam es dann mit Österreich zum Krieg um Italien, wo die
äußerst blutigen Gemetzel von Magenta und Solferino den Schweizer
Henri Dunant zur Gründung des Roten Kreuzes anregten. Die Fremdenlegion
hatte auch hiervon einen guten Teil zu tragen, und einigen Zweiflern war
klar geworden, dass sie nicht nur als Kolonialtruppe, sondern auch im Kampf
gegen Europäer sehr gut verwendbar war.
Mexiko:
1863 stürzte sich Napoleon dann in sein "mexikanisches Abenteuer",
das in Frankreich schnell so unpopulär wurde, dass der Einsatz von
Ausländern zur Methode wurde. Während die französischen
Truppenteile nach und nach abgezogen werden sollten, hatte Napoleon Kaiser
Maximilian zugesagt, dass die Fremdenlegion unbegrenzt in Mexiko bleiben
würde. Mit Duldung der Habsburger hatte man außerdem in Österreich
und Belgien zwei Freikorps geworben, die in Mexiko schließlich der
Fremdenlegion angegliedert wurden. Zusätzlich hatte man sogar Ägypten
um ein Bataillon Sudanesen gebeten, die dann in Mexiko für einen Kaiser
aus Österreich sterben durften.
In Mexiko wurde in erster Linie ein schmutziger Guerillakrieg geführt,
den die Legionäre für ausgiebige Plünderungen und Raubzüge
nutzten. Da im Gegensatz zu Nordafrika Überläufer meistens mit
offenen Armen aufgenommen wurden, stiegen die Desertionen schnell auf 10%
im Jahr. Einige Legionäre nutzten die Dienstverpflichtung als billiges
Ticket nach Amerika und schlugen sich in die USA durch. Dennoch schlug
die Legion hier ihr legendärstes Gefecht. Am 30.4.1863 wurden etwa
60 Mann unter Hauptmann Jean Danjou abgeschnitten und mussten sich vor
einer erdrückenden Übermacht in eine Hacienda zurückziehen.
Dort kämpften heldenhaft sie bis zur letzten Patrone; allerdings nicht
wie manchmal kolportiert wird bis zum letzten Mann. Ungefähr die Hälfte
kam verwundet in Gefangenschaft und wurde dort von den Mexikanern respektvoll
behandelt. Die Erinnerung an Camerone als heroische, beispielhafte Tat
wurde später von der Legion jährlich mit pompösen Feiern
zelebriert, und die hölzerne Hand des gefallenen Hauptmanns Danjou
avancierte zur Legionsreliquie.
Frankreich:
Als sich die Franzosen 1867 unter dem Druck der USA aus Mexiko zurückziehen
mussten, wurde die Fremdenlegion wieder einmal stark reduziert und in Algerien
hauptsächlich im Straßenbau beschäftigt. Im preußisch-französischen
Krieg wurden dann die deutschen Legionäre in Marokko gelassen und
die Einheiten durch französische Wehrpflichtige verstärkt. Hier
nützte es allerdings wenig, dass die Fremdenlegion in inzwischen gewohnter
Weise tapfer kämpfte, denn sie kam vor allem durch ihre Beteiligung
an der Niederschlagung des Aufstandes in Paris ins Gerede. Wie immer fand
man später nicht wenige der geschlagenen Ex-Kommunarden in ihren Reihen.
Außergewöhnlichen Zulauf erhielt sie jedoch durch die deutsche
Annexion von Elsass-Lothringen. Tausende flohen nach Frankreich, um weiter
unter französischen Fahnen zu dienen. Dort dankte man es ihnen wenig
und behandelte sie genauso schlecht wie die anderen Ausländer auch.
Afrika und Indochina:
Die französische Niederlage führte einige Jahre später
zu verstärkten Bemühungen sich einen Ausgleich in Übersee
zu verschaffen. Frankreich begann deshalb in den achtziger Jahren mit großen
Eroberungen in Westafrika, Madagaskar, Marokko und Indochina. Es sollte
die große Zeit der Fremdenlegion werden. Überall ganz vorne
dabei erwarb sie sich den Ruf einer ausgesprochenen Elitetruppe. Jetzt
entstand langsam ihr Mythos. Immer häufiger erschienen Memoiren, in
denen sie nicht selten als ein Refugium der Gescheiterten mit einer tragischen
Vergangenheit geschildert wurde. Man erzählte von harten Kämpfen
mit wilden Eingeborenen, verlorenen Forts in exotischen Landschaften, Prinzen
im Exil und Söhnen aus guter Familie, die vor Liebeskummer geflohen
waren. Dies entsprach durchaus dem Geschmack der Zeit, wo Berichte über
Entdeckungen und fremde Länder groß in Mode waren. Für
einige Romantiker wurde die Fremdenlegion wie einst die
holländische VOC
zu einer Möglichkeit exotische Länder zu besuchen und Abenteuer
zu erleben. Allerdings blieben diese Abenteurer immer eine Minderheit,
die Masse der Rekruten kam nach wie vor aus Not und Hunger.
Das soll allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die
Legionäre nach wie vor eine Art billiges Kanonenfutter waren. Allen
Berichten vom Heldentum zum Trotz, war das Schicksal des Legionärs
immer noch mehr das zu sterben und nicht das zu kämpfen. Viele verreckten
elend, da sie bei dilettantisch geplanten Expeditionen eingesetzt wurden,
wo gegen Krankheiten praktisch keinerlei Vorsorge getroffen wurde, von
einer medizinischen Versorgung ganz zu schweigen. So verlor die Fremdenlegion
1895 bei der Eroberung Madagaskars zwar 226 Tote, davon aber nur 5 (!)
im Gefecht. In Indochina starben zwischen 1887 und 1909 271 Legionäre
im Kampf, 2705 dagegen an Krankheiten.
Der Sold:
Dem entspricht auch die miserable Bezahlung der Legionäre. Sie
erhielten um 1900 alle 5 Tage 8 Sous (1 Sou = 5 Centimes = 4 Pfennige)
und damit etwa ¼ des Soldes eines normalen Soldaten. Seit einiger
Zeit wird immer wieder behauptet, dass ein Söldner sozusagen als Definitionskriterium
mehr verdienen müsse als ein normaler Soldat der selben Armee. Wir
wollen hier nicht darüber streiten ob es sich bei modernen Fremdenlegionären,
die ja den selben Sold erhalten wie ihre französischen Kameraden,
um Söldner handelt. Dass die im 19. Jahrhundert als Söldner zu
betrachten sind, ist allerdings zumindest unter Historikern unumstritten.
Als eines der typischsten Produkte des Kapitalismus erhalten Söldner
eben nicht automatisch mehr Sold als normale Soldaten, sondern das, was
sich auf dem Markt durchsetzen lässt. Wenn es dem Auftraggeber gelingt,
die Bezahlung durch Zwang, Betrug oder das Ausnutzen von Notlagen zu drücken,
so wird er das tun, hat es immer getan und wird es höchstwahrscheinlich
auch in Zukunft tun. Das materielle Elend und die Armut der Fremdenlegionäre
werden besonders deutlich, wenn man die Kaufkraft betrachtet. Von ihren
8 Sous konnten sie sich um 1900 in Algerien ganze 4 Liter billigen Wein
kaufen, wofür sie schließlich mit Abstand das meiste Geld ausgaben.
Das entspräche heute einem Monatssold von maximal 50,- Euro!
Ein Industriearbeiter in Frankreich verdiente 1890 durchschnittlich
4,85 Francs täglich, was für 2002 auf 15,5 Euro umgerechnet wurde.
Ein Legionär verdiente mit 2,40 Francs etwa die Hälfte – im Monat!!
Dafür hatte er allerdings Kost, Logis und Uniform frei.
© Frank Westenfelder
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