Im Herz der Finsternis

Die Gründung der Kongokolonie.

Bronzeplastik aus Benin Wie nur in wenigen der ganz großen Werke der Weltliteratur gelingt Joseph Conrad in seinem Roman "Heart of Darkness" die Konstruktion eines Mythos, einer Geschichte, die weit über die persönlich-aktuelle Ebene hinausgeht und auf menschliche Urerfahrungen verweist. Es geht dabei nicht um die Afrikaner, sondern um den Repräsentanten der Zivilisation, der in einer barbarischen Gesellschaft der Versuchung der Macht erliegt und sich zum König, ja schließlich zum Gott erhebt. Während dieses Prozesses verliert er jedoch die dünne Schale der Zivilisation und mutiert selbst zum "Wilden". Um 1900 besaß Afrika wie kein anderer Kontinent den Ruf des Primitiven, Mythischen und Geheimnisvollen. Sowohl die moderne Kunst, wie auch die neu entstandene Psychoanalyse bezogen von hier grundlegende Inspirationen. Das Zentrum des dunklen Kontinents war der einzige Ort an dem noch Mythen wuchsen, als Europa die seinen längst verloren hatte. Die Reise dorthin wurde für den Europäer automatisch auch zu einer Reise in die Abgründe seiner eigenen Psyche. Das Erschreckende dabei war nicht nur, was er dort an Wildem und Grausamem vorfand, sondern seine geradezu unglaubliche Einsamkeit - die Verlorenheit des modernen, rationalistischen Individuums in einer kollektiven, mystischen Welt.

Die Eroberung Afrikas begann spät. Der Kontinent war verglichen mit Lateinamerika oder Asien arm, seine Bevölkerung kriegerisch, das Klima und die Krankheiten für Europäer mörderisch. Die Kolonialmächte hatten sich deshalb lange auf einzelne Forts an der Küste beschränkt, wo sie Sklaven - den einzigen für sie erkennbaren Reichtum Afrikas - von einheimischen Sklavenhändlern kauften. Als es den ersten Europäern dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelang, ins Landesinnere vorzustoßen, wurde dieser letzte noch uneroberte Kontinent nicht nur zum großen Anziehungspunkt von Naturforschern und Träumern, er erweckte auch die Gier skrupelloser Abenteurer, Karrierristen und verspäteter Conquistadoren.

Eine der schillerndsten Figuren unter ihnen war Henry Morton Stanley. Widerstände räumte er mit Maschinengewehren und Dynamit beiseite, was ihm unter den Eingeborenen den Beinamen "Bula Matari"- der Felsenbrecher - eingebracht hatte. Aber mindestens genauso wichtig waren seine Fähigkeiten im Umgang mit den Medien. Er schrieb Bücher mit der gleichen Besessenheit, mit der er sich den Weg durch den Dschungel bahnte, publizierte Artikel und machte Vortragsreisen. Kaum jemand konnte Afrika besser verkaufen als er. Im Auftrag einer amerikanischen Zeitung hatte er 1871 den verschollenen Afrikaforscher Livingstone am Tanganyikasee gefunden. Ein paar Jahre später hatte er von Sansibar aus die zentralafrikanischen Seen erkundet, war zum Quellgebiet des Kongo vorgestoßen und hatte auf diesem den Kontinent von Ost nach West durchquert. Aber Stanley hatte nicht nur den wichtigsten Verkehrsweg Afrikas erkundet, er hatte sich seinen Weg mehrmals in regelrechten Schlachten freigeschossen und dadurch bewiesen, dass eine Hand voll entschlossener Männer mit Gewehren hier einfach alles erreichen konnte. In den europäischen Salons und Fürstenhöfen, wo er danach häufig zu Gast war wurde er deshalb enthusiastisch als "neuer Pizarro" gefeiert.

Maxims Geschenk für Stanley Bei diesem Jubel wurde gerne übersehen, dass die europäischen Entdecker nicht die ersten waren, die auf diesem Weg ins Innere Afrikas vordrangen. Alle folgten den Spuren der swahili-arabischen Sklavenhändler von Sansibar. Diese trieben bereits seit Jahrhunderten Handel an der Küste, doch dann ermöglichten ihnen wie auch den Europäern zwei Dinge, ihr Einflußgebiet schlagartig auszuweiten: die Verbreitung des Chinins und die Verbesserung der Feuerwaffen. Dem Fieber fielen weit mehr Weiße in Afrika zum Opfer als den Speeren der Eingeborenen. Stanley benützte Schnellfeuerkanonen von Krupp und Maschinengewehre von Maxim, und die Mahdisten wurden erst in der sogenannten "Maschinengewehrschlacht" von Omdurman besiegt. Den Sklavenhändlern genügten Chinin und Repetiergewehre, um in den 70er Jahren Katanga und Maniema auf der Westseite des Tanganyikasees zu erreichen. Die benötigten Truppen rekrutierten sie wie die Türken einfach unter ihren Sklaven. Was am Nil "Basinger" genannt wurde, hatte am Kongo den Namen "Wangwana". Auch hier bevorzugte man geraubte Kinder, die dann zum Kriegsdienst erzogen ideale Werkzeuge ihrer Herren waren. Oft verfügte ein Sklavenhändler über mehrere tausend Wangwana. Der mächtigste unter ihnen war der gefürchtete Tippu Tip, der sich um Nyangwe ein eigenes Reich erobert hatte. Er galt als der ungekrönte König von Maniema und wurde Stanleys wichtigster Verbündeter in dieser Region. Gegen gute Bezahlung begleitete ihn Tippu Tip eine Strecke entlang des Kongo und nutzte dabei die Gelegenheit seine Jagdgründe nach Norden auszuweiten.

Nach Stanleys Rückkehr nahmen Agenten König Leopolds von Belgien mit ihm Kontakt auf. Leopold suchte schon lange nach der Möglichkeit eine Kolonie zu gründen. An der Küste zwischen den portugiesischen und französischen Besitzungen war zwar praktisch nichts mehr zu bekommen, aber auf das Landesinnere entlang des gewaltigen Stroms und seiner Nebenflüsse hatte bislang niemand Anspruch erhoben. Stanley hatte mit seiner Expedition dem König nicht nur das Ziel gezeigt, sondern sich gleichzeitig als der passende Mann für diese Aufgabe empfohlen. Da man in Belgien wenig Interesse an den afrikanischen Geschäften des Königs hatte, wurde der Erwerb der Kolonie zu dessen Privatsache, deren Ausführung Stanley übernahm.

Soldat der Force Publique mit Gefangenen Die Unterwerfung der Kolonie geschah wie im Sudan hauptsächlich durch Afrikaner, die von einigen wenigen Weißen geführt wurden. Das erste Kontingent rekrutierte Stanley unter den Sklavenhändlern Sansibars, dann folgten schwarze Söldner von der Goldküste, Sierra Leone und Haussa aus dem heutigen Nigeria. Mit diesen Truppen war es dann einfach bei den unterworfenen Stämmen Arbeiter, Träger und neue Söldner zu rekrutieren. Aus ihnen wurde dann 1886 die FP (Force Publique) geformt. Lange unterschied sich eine Kolonne der FP kaum von einer der Sklavenhändler. Den Söldnern folgten Frauen und Träger, und bei Siegen wurde geplündert und gemordet.

Stanley wurde bald von König Leopold abberufen um dessen Sache an der Propagandafront in Europa zu vertreten. Und während er auf Vortragsreisen die internationale Anerkennung der Kolonie mit vorbereitete, begann die FP damit den Kongo durch das Sammeln von Kautschuk und Elfenbein in ein profitables Unternehmen umzuwandeln. Offiziell verbreitete man die Zivilisation und bekämpfte den Sklavenhandel. Doch auch hier ging es mehr darum, die arabische Konkurrenz aus dem Geschäft zu drängen, da die Kolonie einen unersättlichen Bedarf an Gummisammlern, Trägern und Soldaten hatte. Auf der Suche nach neuen Gebieten und Menschenreserven stieß die FP immer weiter ins Landesinnere vor.

Da begann plötzlich die Diskussion um die Befreiung Emin Paschas, der nach dem Aufstand der Mahdisten abgeschnitten in Äquatoria saß. König Leopolds Blick fiel dadurch auf die von Ägypten aufgegebene Provinz, die im Nordosten zumindest hypothetisch an sein Gebiet grenzte. In Emins Magazinen lagerten riesige Mengen Elfenbein und warteten nur auf den Abtransport. Vor allem aber hatte Emin mit den Jahren eine funktionierende Infrastruktur aufgebaut. Er hatte Soldaten, eine Verwaltung und die Häuptlinge der Region hatten sich mit seiner Herrschaft abgefunden. Äquatoria war ein kleines Reich, das nur darauf zu warten schien, sich einer größeren Macht anzuschließen.

Der Vorstoss ins Innere Afrikas Die englische Regierung hatte nach dem Desaster der Hicksschen Expedition und dem Fall von Khartoum vorerst das Interesse an weiteren afrikanischen Abenteuern verloren. Da es dennoch ein starkes öffentliches Interesse an einer Rettung Emin Paschas gab, wurde der Entschluß gefasst, Stanley mit einer durch private Spenden finanzierten Rettungsexpedition zu beauftragen. Was dabei von seinen Auftraggebern offensichtlich übersehen wurde war, dass dieser immer noch auf Leopolds Gehaltsliste stand. Und so nahm das Unglück seinen Lauf. Stanley entschied sich nicht für den bekannten und kürzeren Weg von Sansibar durch Ostafrika, sondern für den vom Kongo, um auf diese Weise Äquatoria Leopolds Kolonie anzugliedern. Natürlich begann er seine Expedition in Sansibar, wo er über 600 bewaffnete Träger rekrutierte. Um Verbündete zu gewinnen, ernannte er im Namen Leopolds Tippu Tip zum Gouverneur der Provinz an den Stanleyfällen. Der mächtigste Sklavenhändler konnte dadurch sein Einflußgebiet gewaltig ausdehnen, erhielt Waffen und Munition, und versprach im Gegenzug der Expedition die benötigten Träger zu liefern.

Nachdem Stanley mit seinen europäischen Offiziere, den Sansibariten und 150 Tonnen Waffen und Munition Afrika umrundet hatte, fuhren sie mit den Dampfbooten der Kongogesellschaft bis zur Mündung des Aruwimi, wo sie auf Tippu Tips Träger warteten. Da dieser jedoch immer neue Ausreden vorschob, machte sich Stanley mit den Gesündesten seiner Männer auf den Weg durch den Regenwald zum Albertsee. Die Kranken wurden mit der Masse der Ausrüstung unter der Aufsicht einiger europäischer Offiziere zurückgelassen. Außer Trägern fehlte Stanley vor allem Proviant. Er hatte sicher damit gerechnet beides auf gewohnte Weise bei den Eingeborenen zu beschlagnahmen. Doch die hatten inzwischen ausreichend Bekanntschaft mit den Sklavenjägern oder der FP gemacht, so dass sie beim Herannahen der Expedition sofort flohen, oder sie aus dem Hinterhalt angriffen. Die meisten von Stanleys Männer überlebten die Strapazen nicht. Diejenigen, die auch mit der Nilpferdpeitsche - der gefürchteten Chikote - nicht zum Weitergehen zu bewegen waren, wurden als ausgebrannte Wracks zurückgelassen. Und obwohl Stanley mehrmals "Deserteure" hängen ließ und die Sansibariten den Dschungel fürchteten versuchten viele zu fliehen.

Schließlich erreichte ein armseliger Rest halbverhungert den Albertsee. Emin Pascha war von diesen "Rettern", die er erst einmal füttern und kleiden mußte nicht sehr beeindruckt. Wieder bei Kräften ging Stanley noch einmal zurück, um nach der Nachhut zu suchen. Doch auch von der war in dem Lager am Aruwimi nicht mehr viel übrig. Sein Diener William Hoffmann beschreibt die Szene so: "Lying on the ground, unburied and rotting, where the bodies of dead men. Close by, too weak to stand, crawled the sick, some obviously dying, their flesh eaten away by disease and dysentery, their bodies bearing ulcers as large as saucers. The whole place seemed to me like one gigantic graveyard: the stench was unbearable; the sights were worse. [...] The statistics, too were appaling: out of 257 men that we had left at Yambuya, we found only 71 alive." Tippu Tips Leute hatten die Gelegenheit benützt um von den ausgehungerten Zurückgelassenen Waffen und Munition gegen Essen einzutauschen. Um die Disziplin aufrecht zu erhalten, griffen die weißen Offiziere zu immer drastischeren Methoden, wobei einige ihrer niedrigsten Instinkte zum Ausbruch kamen. Allen voran war der britische Major Barttelot für seine Grausamkeit gefürchtet, bis ihn endlich ein Eingeborener erschoß, der seine Frau beschützen wollte. Barttelot hatte es zum Beispiel geduldet, dass Jameson der "Wissenschaftler" der Expedition eine Sklavin einer Gruppe von Kannibalen übergab, um sich dann Skizzen von den folgenden Szenen machen zu können. Selbst der an einiges gewohnte Stanley schrieb später, dass seine Offiziere Dinge getan hätten "too horrible to describe in all their barbarity-things which were they fully described would make an Englishman’s blood boil and his cheeks flush with shame."

Damit hatte Stanley Emin nichts mehr zu bieten. Dennoch wollte er seinen persönlichen Triumph haben. Das hieß, wenn er schon Äquatoria nicht für die Kongokolonie gewinnen konnte, so wollte er doch zumindest Emin als Trophäe nach Europa bringen. Doch dieser dachte gar nicht daran sich zurückzuziehen. Auch seine Soldaten wollten bleiben. Sie hatten sich entschlossen gegen die Mahdisten verteidigt und diese mit schweren Verlusten zurückgeschlagen. Alle hatten Familien, die Offiziere oft einen richtigen Harem. Vor allem die unter den Einheimischen rekrutierten schwarzen Söldner waren bereit gegen die Mahdisten, die sie lange genug als Sklavenhändler kennengelernt hatten, bis zum Letzten zu kämpfen. Jetzt mit der Ankunft Stanleys machten schnell Gerüchte die Runde, dass die Weißen nur Emin und die türkischen Offiziere retten wollten, die schwarzen Söldner und ihre Familien aber als Sklaven verkaufen wollten. Es kam zu Verschwörungen und schließlich zur offenen Meuterei, bis Emin nur noch die gemeinsame Flucht mit seinen Rettern blieb. Damit waren zwar Stanleys Dienste für den Kongostaat beendet, aber nicht dessen Interesse an Äquatoria.

Weisser Offizier mit Söldnern der Force Publique Als zehn Jahre später (1892) eine Expedition der FP vom Kongo aus an den Nil bei Wadelai vorstieß traf sie dort auf Reste von Emins Truppen, die sich immer noch hielten. Nachdem sich die FP zurückziehen mußte, versuchten die Belgier fünf Jahre später noch einmal Äquatoria zu annektieren. Dieses Mal hatten sie genug Truppen zusammengezogen und planten sogar Khartoum zu erobern. Doch diese Machtfülle war anscheinend dem kommandierenden Offizier der Vorhut zu Kopf gestiegen. Er hatte seinen Soldaten nicht nur verboten wie sonst üblich ihre Frauen mitzunehmen, sondern drillte sie auch noch am Abend nach den erschöpfenden Märschen mit militärischen Übungen. Zu Festigung seiner Autorität machte er dabei ausgiebigst von der Chikote gebrauch. Kurz vor dem Nil rebellierten seine Soldaten, banden ihn an einen Baum und folterten ihn zu Tode. Nur einigen seiner weißen Offizieren gelang die Flucht zur Hauptmacht. Als dann auch diese von den Meuterern angegriffen wurde, liefen die meisten Schwarzen sofort zu diesen über. Durch immer neue Deserteure verstärkt versuchten die Rebellen am Tanganyikasee ein eigenes Reich zu errichten. Erst Jahre später und nach mehreren blutigen Feldzügen der FP, zog sich der Rest nach Deutsch Südostafrika zurück.

Dieses Beispiel verdeutlicht das Hauptproblem der Weißen im Kongo. Anders als die Engländer in Indien verfügten sie über keine disziplinierten Kolonialtruppen. Da die Kolonie bei geringen Mitteln möglichst schnell Profit abwerfen sollte, stützten sie sich wie die Araber auf Sklavensoldaten, für die es nur zwei Motive gab ihrem Herrn zu folgen: Angst und die Lust auf Beute. Oft beherrschte ein einziger Weißer ein riesiges Gebiet, dem er mit seinen Hilfstruppen immer größere Mengen an Elfenbein, Kautschuk und Menschen abpressen mußte. Auf den Kriegszügen führte eine Hand voll weißer Offiziere über 1.000 Eingeborene, von deren Sprachen sie bestenfalls einige wenige Worte verstanden. Unter diesen Umständen mutierten sie zu Häuptlingen, zu Magiern. Da sie aber für die fremde Kultur keinerlei Verständnis hatten und von der eigenen total isoliert waren, verloren sie oft völlig den Bezug zur Realität. Geiselnahme ganzer Dörfer, hängen, peitschen, der Hungertod von Zwangsarbeitern waren sozusagen "normale" Maßnahmen, die von allen Kolonialmächten praktiziert wurden. Doch die kranken Gehirne der Weißen im Kongo ersannen immer schrecklichere Methoden, um ihre Macht zu festigen. Aus Angst vor Rebellionen erhielten die schwarzen Söldner oft nur eine Patrone, wenn sie die rechte Hand eines getöteten Feindes brachten. Da diese jedoch auch mit ihren Gewehren jagten und im Kampf manchmal ihr Ziel verfehlten, besorgten sie sich die Hände von Lebenden. Und viele der weißen Herren duldeten es, wenn man ihnen die Hände von Frauen oder Kindern brachte. Ein amerikanischer Missionar schrieb 1895: "Stellen Sie sich vor, Sie kommen aus einem Kampf gegen die Rebellen (?) zurück, und sie sehen am Bug ihres Kanus ein Bündel mit irgend etwas. Es sind die Hände von sechzehn von ihnen umgebrachten Kriegern. ‘Krieger!’ Sehen Sie darunter nicht auch die Hände von kleinen Kindern und Mädchen? Ich habe sie gesehen."

Die Trophäen im Kongo Mit die besten Söldner fand die FP unter den kannibalistischen Stämmen. Und auch hier zeigten die Offiziere Verständnis. Selbst William Hoffmann, der in Stanleys Gefolge genug Grausamkeiten gesehen hatte und später noch einige Jahre im Kongo diente, berichtet von den von Gräueltaten während des großen Söldneraufstandes in Kasai als etwas Außergewöhnlichem. Er sah wie Frauen gehängt, gefoltert und lebend geschlachtet wurden. Ein weißer Offizier wies ihn darauf hin, dass er keine Befehle habe, sich in die "Angelegenheiten der Soldaten. zu mischen". Mehrmals wurde er Zeuge wie Gefangene von den Söldnern geschlachtet und gebraten wurden: "it was dreadful to watch them cut up the body for all the world as though it were a beefsteak, and cook it greedily before their little fires".

Natürlich waren nicht alle weißen Söldner in Afrika perverse Schlächter. Bei einigen mischte sich Abenteuerlust mit einer echten Neugier an fremden Kulturen, wie z.B. bei Slatin, der bereits mit 16 Jahren in den Sudan reiste. Er sprach fließend arabisch und hatte trotz seiner langen Gefangenschaft nie Resentiments gegenüber den Arabern. Von ähnlicher Natur war der britische Abenteurer Herbert Ward, der ebenfalls aus gutbürgerlicher Familie stammte und mit 15 Jahren zur See fuhr. Er lebte bei den Maoris, arbeite als Goldsucher in Australien und für eine britische Handelsgesellschaft auf Borneo. Danach zählte er zu den ersten weißen Offizieren, die unter Stanley die Kongokolonie erschlossen. Andere wie der Italiener Romolo Gessi im Sudan oder einige belgische Offiziere bemühten sich wirklich den Sklavenhandel zu unterdrücken, doch alle waren auf schwarze Sklavensoldaten und Träger angewiesen. Von Emin steht fest, dass ihm Gewalt und Brutalität zuwider waren, und er sich ehrlich bemühte die Situation der Eingeborenen zu verbessern. Für Stanley, der besser mit der Chikote umzugehen wußte, war Emin deshalb ein weltfremder Idealist. Sein Diener Hoffmann bezeichnete ihn sogar als: "an indecisive, vacillating, yet charming humbug."

Für die meisten Europäer war Afrika jedoch eine Chance den beengten Verhältnissen ihrer Heimat zu entfliehen, Karriere zu machen und für europäische Verhältnisse ungewöhnlich viel Geld zu verdienen. Dabei mußten sie sich beeilen, denn viele starben einen gewaltsamen Tod, noch mörderischer war das Fieber, und auch der Alkohol forderte zahlreiche Opfer. In der Gründungsphase der Kongokolonie klagte Stanley darüber, dass das ganze Projekt dabei sei, sich in ein Transportunternehmen für Bier und Wein zu verwandeln. Alle waren prozentual am Handel mit Elfenbein und Kautschuk beteiligt und viele machten mit Alkohol und Sklaven Geschäfte auf eigene Rechnung. Dabei gebärdeten sich die schlimmsten wie barbarische Häuptlinge. So dekorierte der belgische Kommandeur der Station an den Stanley-Fällen sein Blumenbeet mit Totenköpfen und hielt sich gleich mehrere schwarze Konkubinen. Aus dem Sudan wurde von dem französischen Elfenbein- und Sklavenhändler Alfons de Malzac berichtet, dass er einen seiner Diener, der im Streit die Partei seiner Lieblingssklavin ergriffen hatte, im Hof an einem Baum, den zahlreiche Eingeborenenschädel schmückten, gebunden und als Zielscheibe benutzt habe.

So verschieden diese Männer auch waren, eines hatten sie gemeinsam: Alle waren Entwurzelte, die als echte Abenteurer im Dienst fremder Herren ihr Glück zu machen suchten. Die erste größere Gruppe stellten wie gesagt Veteranen Napoleons. Ihnen folgten dann entlassene Offiziere des Sezessionskriegs. Sowohl im Sudan wie im Kongo trifft man auch immer auf Deutsche und Italiener. Als dann Deutschland und Italien eigene Kolonien in Afrika hatten, ging ihre Zahl zurück. Schweizer und Skandinavier blieben König Leopold dagegen erhalten. Eine weitere Gruppe bildeten die Briten, unter denen sich viele ehemalige Seeleute befanden. Natürlich dominierten im Kongo die Belgier, aber unter diesen wiederum die Flamen, die in ihrer Heimat kaum Aufstiegschancen hatten. Bezeichnend mag hier auch das Schicksal Emins sein, dem nach dem Medizinstudium in Deutschland aufgrund seiner jüdischen Herkunft die Zulassung verweigert worden war. Ein extremes Beispiel ist sicher die Biographie von Stanley, der unter erbärmlichen Umständen in einem englischen Armenhaus aufgewachsen war. Später war er in die USA emigriert, hatte auf beiden Seiten am Sezessionskrieg teilgenommen und war sicher bereit für den gesellschaftlichen Aufstieg fast jeden Preis zu bezahlen.

Aber auch Joseph Conrad war einer dieser Männer von überall und nirgendwo. Als Pole ohne Heimat war er mit russischer Nationalität aufgewachsen, dann war er auf englischen Schiffen in Asien gefahren, um schließlich König Leopold seine Dienste anzubieten. Er war diesen abgemusterten Seeleuten, Ex-Offizieren und Abenteurern schon oft begegnet. Sie suchten nach Gold in Kalifornien oder Transvaal, verkauften Waffen an die Maoris in Neuseeland, die Buren in Südafrika oder die Aufständischen in Kuba, handelten in Asien mit chinesischen Kulis und in Afrika mit Elfenbein und Sklaven. Gordon der Verteidiger von Khartoum war in Asien als Conrad sich dort aufhielt bereits als "Chinese-Gordon" eine Legende, genauso die Beute, die seine Söldner beim Plündern chinesischer Städte gemacht hatten. Auch Ward und Barttelot hatten in Asien gedient, bevor sie in den Kongo gekommen waren. Conrad war diesem Menschlag, den er im Kongo antraf, bereits zu Genüge in asiatischen Hafenstädten begegnet. Obwohl Conrad viele dieser Männern sicher verachtete, muß er doch bemerkt haben, dass die Unterschiede innerhalb der Gruppe größer waren, als die zwischen ihm selbst und so manchem von ihnen. Die Übergänge waren fließend, und oft verlief zwischen dem "noch Akzeptablen" und dem "schon Verdorbenen" nur eine hauchdünne Trennlinie. Mit dem Überschreiten dieser Grenze - besonders in extremen Situationen - beschäftigte sich Conrad immer wieder. 1890 besuchte er am oberen Kongo das Grab von Major Edmund Musgrave Barttelot, dem Helden der britischen Armee und Sohn eines Parlamentsabgeordneten, der als Kommandeur von Stanleys Nachhut gerade zwei Jahre zuvor in sadistischen Orgien den Verstand verloren haben mußte. Im Gegensatz zu Edmund Morel, Roger Casement, Mark Twain oder Arthur Conan Doyle, die  die Gräueltaten in Königs Leopolds Kolonie anklagten, interessierte sich Conrad mehr für die Psyche der Täter, die aus seinem eigenen sozialen Umfeld kamen. Und dabei gelang es ihm "den Schrecken" eindringlicher und dauerhafter zu vermitteln als seinen Zeitgenossen

© Frank Westenfelder  
amz Spannende und interessante Bücher zum Thema Geschichte.
Buch Kabeljau

Kurlansky

Faszinierende Kulturgeschichte eines Fischs

Buch Die Kultur des Krieges

John Keegan

Ein Standardwerk über die Geschichte des Krieges, das nicht glorifiziert sondern erklärt.

Buch Die militärische Revolution.

Geoffrey Parker

Wie kam es zur dominierenden Rolle Europas? Ein Muss für alle an Militärgeschichte Interessierten.