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Zur Geschichte der Söldner

"Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht." (Walter Benjamin)

In den Beinen der Kolosse von Abu Simbel fand man Schriftzeichen einiger griechischer Hopliten, die für Psammetich II. ins ferne Land Kusch gezogen waren. Ob sie mit beutebeladenen Sklaven zurückkehrten oder am Fieber starben, ob sie dort blieben und Familien gründeten oder ob ihre fremdartigen Köpfe und Waffen als Trophäen die Hütten von barbarischen Häuptlingen zierten; man weiß es nicht. Die Expedition war schon zu ihrer Zeit von geringer Bedeutung, und für das fremde Fußvolk hat sich kaum jemand interessiert. Die Geschichtsbücher haben nur wenig Platz für Nebensächlichkeiten. Trotzdem stolpert man in ihnen immer wieder über die Veteranen vergangener Kriege, hungrige Emigranten, überzählige Söhne, entlaufene Priester, verkommene Studenten, Sträflinge und junge Träumer. Über ihre Herkunft ist oft noch weniger bekannt, als über ihr meist elendes Ende.

Man liest in alten Chroniken von "losem Volk aus vielen Ländern", von Menschen, "die bereit waren Böses zu tun". In manchen Geschichtsbüchern steht am Rande, dass die großen Entdecker und Conquistadoren ihre Mannschaften in Hafenkaschemmen und Gefängnissen rekrutierten, vielleicht auch, daß Veteranen des Dreißigjährigen Krieges wie die Fliegen in den Dschungeln Surinams und Amboinas starben, dass europäische Überläufer für Sultane und Zaren Kanonen gossen oder die Armeen indischer Fürsten reformierten.

Oft sind es nur magere Hinweise. Aber bei genaueren Nachforschungen stößt man auf Reiseberichte und Autobiographien von Überlebenden und kann mit ihrer Hilfe einigen Fragen nachgehen: Warum wurde ein schwäbischer Bäckergeselle Pirat? Wie kam ein westfälischer Priesterschüler in die Terrortruppe Iwans des Schrecklichen oder ein bayrischer Knappe in die Horden Tamerlans? Aus welchen Gründen wechselte ein Handwerksbursche aus Berlin als Deserteur ein halbes Dutzend mal die Fahne? Was verschlug süddeutsche Patriziersöhne nach Pernambuco oder verkrachte preußische Offiziere nach Mittelamerika? Wie lebten sie in vergessenen Forts und exotischen Städten, in den Pestlöchern Candias, als Kriegsgefangene auf Galeeren, als Deserteure und Renegaten? Wo verschwanden sie oder was brachten sie zurück?

Dabei geht es nicht um die großen Generäle und deren Schlachten, sondern um die "Gemeinen", ihre Motive und ihre Sicht der Welt. Natürlich spielen Kriege eine wesentliche Rolle, denn sie bildeten schließlich die Geschäftsgrundlage. Doch in den meisten Autobiographien liest man mehr über das Essen, kleine Raubzüge und Soldbetrügereien als über Heldentaten. Der Hunger war bis in unser Jahrhundert ein ständiger Begleiter der Söldner, so dass für viele ein Teller Suppe oder ein Braten wichtigere Ereignisse als ein ruhmreicher Sieg waren. Hunger und Lagerseuchen forderten weit mehr Opfer als der Feind, und in den Kolonien verschwanden ganze Regimenter, ohne je einen Schuss abgegeben zu haben.

Veteranen waren in erster Linie Überlebenskünstler und nur ausnahmsweise Helden; sie fielen beim Marsch nicht zurück, konnten sich bei Krankheiten und Verwundungen helfen und wussten, wo ein Bauer seinen letzten Sack Getreide versteckt hatte. Selbstverständlich schlugen sie sich tapfer, wenn es sich lohnte, und besaßen sogar meistens auch eine Art Berufsethos, zumal nur die Besten in der Regel mehr Sold erwarten konnten und vom Gegner gefürchtet wurden. Es läßt sich aber feststellen, daß von Ehre und Heldentum meistens dann die Rede war, wenn sich das Gewerbe in einer Krise befand.

Geschichte ist immer Entwicklung, Veränderung; von einem Modernisierungs- oder Zivilisationsprozess ist dabei oft die Rede. Söldner und Abenteurer erscheinen dagegen als statische Archetypen längst vergangener Zeiten. So bezeichnete ein Autor die Kongosöldner der sechziger Jahre als "frei gelassene böse Geister aus einer anachronistischen, widerwärtigen mittelalterlichen Flasche." Der Soziologe Werner Picht schreibt, dass sich das Kämpfertum vom allgemeinen Volksaufgebot, über Ritter, Söldner und Patrioten zum Soldaten wandelt, um dann festzustellen: "Der Soldat ist ein geschichtliches Gebilde, das heißt er ist zeitbedingt. Der Krieger stellt zwar nicht zu allen Zeiten die historisch wirksame Form des Kämpfers dar; aber als menschliche Urform steht er jenseits der geschichtlichen Bedingtheit."

Diese Urform, der Archetypus des Kriegers hielt sich am dauerhaftesten im Söldner. Allerdings nicht in denen, die für ihren Fürsten oder ihr Heimatland kämpften, sondern in denen, die fremde Dienste suchten oder dazu gezwungen wurden. Im Germanischen und Althochdeutschen bezeichnet das Wort "Recke" einen Flüchtling oder Verbannten, der als herumziehender, heimatloser Krieger sein Schwert vermietet; das moderne "Wrack" trifft den ursprünglichen Sinn weitaus genauer als die Vorstellung vom strahlenden Helden. In einer Zeit, als die Heere fast ausschließlich aus Söldnern bestanden, nannten die Franzosen ihre fremden Söldner "Aventuriers"; die Engländer sprachen von "Free Lances". Das moderne internationale Recht definiert Söldner als Soldaten, die rein um des materiellen Vorteils an bewaffneten Konflikten teilnehmen, aber weder Einwohner der betroffenen Länder noch Angehörige der beteiligten Parteien sind.

Irgendwo zwischen diesen von der Urgesellschaft verfemten und den von den Vereinten Nationen verurteilten Kriegern liegt die Geschichte der Söldner. Natürlich ist auch sie nicht statisch; kein immergleiches Rauben und Morden. Mit den Gesellschaftssyste­men wandeln sich Moral und Rechtsempfinden, und gerade beim Übergang von der archaischen Gesellschaft zum modernen Staatswesen spielt die Bändigung und staatliche Monopolisierung von Gewalt eine entscheidende Rolle. Dabei bleibt allerdings die Frage, wie schnell und erfolgreich sich die einzelnen Menschen dem Zivilisationsprozess anpassen.

Ursprüngliche Formen des Kriegertums findet man in ihrer deutlichsten Ausprägung bei nomadischen Hirtenvölkern. So zum Beispiel in Afrika bei den Somaliern, Gallas und Massai. Ihr Leben wird nicht nur von einer erbarmungslosen und grausamen Natur beherrscht, sondern besteht auch aus ununterbrochenen Kämpfen um Weideplätze und Wasserstellen, Raubzügen, Fehden und Blutrache. Bei manchen ist es nichts Ungewöhnliches, in Notzeiten Alte und Schwache zu töten oder auszusetzen. Abgehärtete und kriegsgewohnte Nomaden stellten von Anfang an einen großen Teil der Söldner höher entwickelter Staaten, und in manchem prägt diese Herkunft das Gewerbe bis in unsere Tage: die Jagd nach menschlichen Trophäen, der Troß mit Dienern, Händlern, Frauen und Kindern als eigentliche Heimat und Familienersatz, die Gier nach Raub und Beute, patriarchalische Strukturen und barbarische Grausamkeit, Prahlsucht und stoischer Gleichmut. Es ist bezeichnend, daß ein Söldner im 17. Jahrhundert über die Eingeborenenfrauen an der Guineaküste schrieb, dass sie ihre Kinder auf dem Rücken tragen würden, "wie in Teutschland die Soldaten-Weiber." Das waren Verhältnisse, die er kannte.

Ein Historiker bescheinigt den Fremdenlegionären eine "nomadische Grundeinstellung". Aber auch für die Opfer waren die Unterschiede oft verschwindend. So sind in osteuropäischen Sagen und Legenden Tataren, Türken oder schwedische Söldner austauschbar. Sie erscheinen als kannibalistische Ungeheuer, die Kirchen schänden, Blut trinken und Menschen in die Sklaverei verschleppen. Die nomadische Abkunft des Kriegswesens verdeutlicht auch das deutsche Wort "Reise", das ursprünglich Kriegs- oder Raubzug bedeutet. Der "Reisige" war der zum Kampf gerüstete Krieger und der "Reisläufer" ein Schweizer Söldner, der sein Glück in der Fremde suchte. Es gab also lange Zeit hauptsächlich einen Grund, um zu verreisen. Andererseits sollte man wissen, dass die Kunstworte "Heimweh" und "Nostalgie" im 17. Jahrhundert erfunden wurden, um eine neu entdeckte Söldnerkrankheit zu beschreiben.

Wer möchte, kann also bei Kriegsreisende Artikel über großteils vergessene aber manchmal gerade deshalb interessante Ereignisse und Personen lesen. Doch eigentlich geht es mir um einiges mehr als darum allein kuriose Geschichten zu erzählen. Der Söldner mag als archetypische Gestalt zwar etwas außerhalb der historischen Entwicklung stehen, dennoch verrät seine Verwendung sehr viel über den Stand derselben. Per definitionem aufs Engste mit dem Geld verbunden (das englische "mercenary" hängt mit so fundamentalen Worten wie "market" und "merchandise" zusammen) ist der Söldner ein geradezu idealer (materialistischer) Indikator um historische Veränderungen aufzuzeigen.

In einfachen Stammesgesellschaften gibt es praktisch keine Söldner, da einerseits alle Männer Kriegsdienst leisten und andererseits Mittel fehlen um Fremde zu bezahlen. Söldner treten historisch erst mit zunehmender Arbeitsteilung und der Geldwirtschaft in Erscheinung. Mit der Steigerung von Finanzwesen und staatlicher Strukturen steigt auch fast kontinuierlich die Verwendung von Söldnern, angefangen vom Mittelalter, über Renaissance und Frühe Neuzeit bis hin zu ihrem Höhepunkt im Absolutismus.

Erst als mit der Französischen Revolution der Patriotismus zwar nicht erfunden aber militärisch in großem Stil umgesetzt wurde, gerieten Söldner zuerst ins Abseits und wurden schließlich ganz überflüssig gemacht. Moderne Kriege wurden mit patriotischen Wehrpflichtigen geführt, und die letzten Söldner wurden zu exotischen Randerscheinungen, die bestenfalls noch in fernen Kolonialkriegen Verwendung fanden.

In diesem historischen Kontext ist es deshalb besonders interessant, dass diese fast vergessenen Relikte seit dem Ende des 20. jahrhunderts weltweit ein Comeback erleben. Die allgemeine Wehrpflicht, die einst zum Untergang des Gewerbes führte, ist weitgehend abgeschafft, und es könnte sein, dass die bürgerlich-demokratischen Gesellschaften, die wir so gerne als non plus ultra politischer Systeme betrachten, eine historische Episode sein werden.

Meiner Ansicht nach ist es also lohnend, die Geschichte der Söldner in zahlreichen Facetten und aus unterschiedlicher Perspektive zu betrachten. Denn dann könnte es sein, dass sich all diese Fragmente zu einem neueren, größeren Bild zusammenfügen.



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