Im Kongo nichts Neues

Diamanten, Kriege, Flüchtlinge und Söldner.

Zaire-Kongo 1997 Wenn es in der Geschichte Regionen gibt die immer wieder das gleiche Unheil anziehen, so gehört der Ostkongo mit Sicherheit dazu. Im Gebiet der großen Seen versuchte sich bereits im 19. Jahrhundert der Sklavenhändler Tippu Tip ein eigenes Imperium zu errichten. Später schoss sich dann Henry Morton Stanley zum Teil als Bundesgenosse von Tippu Tip seinen Weg durch den Ituri-Urwald frei. Auf Stanleys Pfaden folgte dann König Leopolds Force Publique mit ihren Sklavensoldaten, die vom Ituri in den Südsudan vorzudringen versuchte und dort blutig mit den Derwischen des Mahdi aneinander geriet. Erst nachdem die Kolonialmächte sich auf feste Grenzen geeinigt hatte und die Force Publique die letzten Aufstände niedergeworfen hatte, kehrte Ruhe in der Region ein, die in Europa allerdings manche als Grabesruhe bezeichneten.

Als nach dem Abzug der Kolonialmächte im Kongo ein Bürgerkrieg ausbrach, waren es zuerst die reichen Südprovinzen Katanga und Kasai mit ihren Kupferminen und Diamantenvorkommen, die davon erfasst wurden, und wo weiße Söldner erstmals im postkolonialen Schwarzafrika zum Einsatz kamen. Beim großen Aufstand der Simbas 1964 war dann allerdings die Provinz Kivu im Ostkongo das Zentrum - Tippu Tips altes Maniema und Joseph Conrads "Herz der Finsternis". Dieses mal setzte die Zentralregierung auf weiße Söldner und deren bewährte Katanga-Gendarmen, die zum Teil aus ihrem Exil in Angola zurückgeholt wurden. Dieser Krieg wurde die große Zeit der Söldner, in der die Legenden von den "Weißen Riesen" geboren wurden, die Legenden von Black Jack Schramme, Bob Denard oder Mad Mike Hoare. Die Söldner waren so erfolgreich gewesen, dass sie schließlich sogar den Aufstand gegen die Zentralregierung unter dem neuen starken Mann Mobutu wagten.

Nach diesen Erfahrungen verzichtete Mobutu in Zukunft auf die Beschäftigung von Söldnern. Er hatte es allerdings auch nicht nötig. Als treuer Verbündeter der USA zwischen der sozialistischen Republik Kongo und dem von Russland und Kuba unterstützten Angola konnte er sich fest auf Militärhilfe aus dem Westen verlassen. Amerika lieferte Waffen, Israel bildete seine Truppen aus, und wenn auch das alles nichts mehr half, schickte Frankreich die Fremdenlegion, wie 1978 als die Katanga-Gendarmen noch einmal im Süden einfielen. Wahrscheinlich hätte alles so bleiben können, wenn Mobutu mit dem Ende des Kalten Krieges nicht seine Funktion als Bastion des freien Westens verloren hätte.

Laurent Kabila Obwohl das riesige Reich Mobutus fast ständig von Unruhen und Rebellionen erschüttert wurde, konnte er dennoch seine Macht behaupten und weiterhin seine ausländischen Konten auffüllen. Mit dem Bürgerkrieg in Ruanda erreichten die Schwierigkeiten jedoch eine völlig neue Dimension. Nach dem Sieg der Tutsi hatte sich ein Großteil der Hutu-Milizen in den Kongo zurückgezogen und begannen in den Flüchtlingslagern bei Goma neue Truppen zu rekrutieren und Operationen gegen Ruanda zu starten. Ruanda sah sich dadurch genötigt im Kongo direkt einzugreifen. Obwohl die Armee von Ruanda gut ausgebildet und ausgerüstet war, ließ allein schon die Größe des Gegners die Suche nach Verbündeten angebracht erscheinen. Zuerst wurde deshalb mit den alten Partnern der Tutsi in Uganda eine Allianz geschlossen, und dann brachten der Präsident von Uganda Museveni und Ruandas Verteidigungsminister Kagame Laurent Kabila zum Einsatz. Kabila war ein altbewährter Veteran der politischen Verschwörungen und Intrigen. Er hatte bereits in den sechziger Jahren am Simba-Aufstand im Ostkongo teilgenommen, wobei ihn sein damaliger Genosse Che Guevara als skrupellosen und korrupten Machtmenschen charakterisierte. Später agierte er dann auch bei den Kämpfen in Angola und als Exilpolitiker in Uganda und Tansania. Nun sollte er die Unzufriedenen im Kongo unter seinen Fahnen vereinen und gemeinsam mit den Truppen Ugandas und Ruandas gegen Mobutu führen.

Doch dabei handelte es sich nur um die deutlich sichtbare Oberfläche des Konflikts. Hinter den Kulissen wurden bereits seit längerem weit komplexere Fäden gespannt. Es ging darum, dass einige große US-amerikanische und kanadische Bergbaukonzerne an den Schürfrechten im Ostkongo interessiert waren. Neben und Gold und Diamanten wurde dort seit kurzem der Löwenanteil des Minerals Coltan abgebaut, ohne das die Mobilfunkindustrie nun einmal keine Handys bauen kann. Über Weltwährungsfond und Weltbank war seit langem Druck auf Mobutu ausgeübt worden seine ineffektiven und korrupten Staatsbetriebe zu privatisieren und für private (d.h. vor allem US-amerikanische Investitionen) zu öffnen. Da mit Mobutu in seiner seit Jahrzehnten gesicherten Position anscheinend keine befriedigenden Abschlüsse getroffen werden konnten, begannen diese Konzerne nun damit die Rebellengruppen im Ostkongo von Uganda aus zu unterstützen. So sollen bereits 1996 amerikanische Special Forces Kabilas Milizen in Uganda trainiert und mit Ausrüstung wie Nachtsichtgeräten versorgt haben. Die Firma American Mineral Fields (AMF) unterstützte Kabila nicht nur mit Geld, sondern vermittelte ihm den belgischen Ex-Oberst Willy Mallants als Militärberater. Mallants hatte ausreichend Erfahrung, da er bereits als Polizeioffizier im Belgisch-Kongo und von 1964 bis 73 Mobutu gedient hatte.

Sozusagen als Hausmacht konnte Kabila bereits am Anfang des Konflikts auf die alten Katanga-Gendarmen zurückgreifen. Diese hatten sich samt ihren Familien nach den Kämpfen der sechziger Jahre nach Angola zurückgezogen und dort am Bürgerkrieg über die Jahre für verschiedene Fraktionen gekämpft. Man mag jetzt denken, dass es sich hierbei nur noch um die Einheit handelte, aber nicht mehr um die gleichen Männer, die über 30 Jahre zuvor unter Bob Denard und Mad Mike Hoare gekämpft hatten. Weit gefehlt! 1997 erschienen 8.000 von ihnen im Ostkongo, der Jüngste war 55 Jahre alt, und obwohl die meisten bestenfalls ihren Namen schreiben konnten, bestand die Truppe aus 4.000 Generälen, 2.000 Obristen und 2.000 Majoren. Als sie bei Kisangani mit Mobutus Truppen aneinander gerieten, deckten nach den Angaben ruandischer Militärs drei Stunden später 16 tote Generäle, 13 Obristen und 32 Majore das Feld. Wenn damit auch keine Militärgeschichte geschrieben wurde, so sollte die Schlacht doch zumindest ins Guinness Book of Records aufgenommen werden. Bevor man jedoch zu laut über diese alten Krieger lacht, sollte man sich vielleicht vorzustellen versuchen, wie sie die langen Jahre zuvor überstanden haben. Drei Jahrzehnte im Exil, immer wieder gescheiterte Verschwörungen und geplatzte Träume, dazwischen die Kämpfe in Angola, als Lohn ein bisschen Schutz und Nahrung für die Familie, um beim nächsten Waffenstillstand als Fremde doch wieder ignoriert zu werden. Sicher brutale Kerle aber nicht ohne Tragik, und vielleicht findet sich einmal ein afrikanischer Grimmelshausen, der angemessen von ihrem Schicksal berichtet.

Aber auch Mobutu griff auf Rezepte und Personal der sechziger Jahre zurück. Nachdem die Rebellen an Boden gewannen und er vergebens auf Unterstützung aus den USA, Israel oder Frankreich gehofft hatte, erinnerte er sich wieder an seine alten Helfer: die Weißen Riesen. Einigen Meldungen zufolge soll er zuerst versucht haben mit Executive Outcomes ins Geschäft zu kommen, doch die sollen einen zu hohen Preis gefordert haben. Allerdings gab es da noch Christian Tavernier, ein belgischer Söldnerführer aus den Sechzigern und Kampfgenosse Bob Denards. Tavernier war mit Mobutu über die Jahre in Kontakt geblieben und hatte ihm immer wieder als Berater gedient. Er übernahm es Anfang 1997 auch für Mobutu eine "Weiße Legion" zu rekrutieren. Man nimmt an, dass an dieser Aktion auch der französische Geheimdienst beteiligt war, was aber von offizieller Seite immer bestritten wurde. Es liegt allerdings auf der Hand, dass die französische Regierung ihren alten Schützling nicht völlig im Regen stehen lassen wollte und deshalb mit Kontakten und etwas Logistik behilflich war. Zudem kann man darüber spekulieren, dass auch französische Konzerne ihre Hand im Spiel hatten, da ja aus Ruanda und Uganda eher anglo-amerikanische Firmen zum Zug kamen. So wurden von den Medien mehrfach der französische Mineralienhändler Jean-Pierre Rozan und die Telekommunikationsfirma Geolink in diesem Zusammenhang genannt. Deutliche Indizien für diese Vermutungen sind auch das Personal und das Material, das dann geliefert wurde.

Wie gesagt war Mobutu offensichtlich knapp bei Kasse und nicht bereit für Söldnerdienste seine Reserven bei den Schweizer Banken anzugreifen. Für einen Monatssold von zwischen 3.000 und 10.000 US$ winkten bei der Schwierigkeit der Aufgabe die meisten Profis in Frankreich jedoch dankend ab. Allerdings existierte da noch ein größerer "Restposten" an arbeitslosen Kämpfern und nutzlosem Militärmaterial, zu dem französische Dienste lange beste Kontakte gepflegt hatten. Nachdem die kroatische Armee in einer Blitzoffensive die Krajina erobert hatte, gab es in Serbien plötzlich eine Menge arbeitsloser Kämpfer, für die ein paar tausend Dollar nicht nur eine Menge Geld waren, sondern die auch gelegentlich Gründe hatten das Land zu verlassen.

serbischer Ausbilder in Zaire Taverniers "Weiße Legion" bestand dann auch zum Großteil aus Serben, die kurz zuvor noch in der Krajina und in Bosnien gekämpft hatten. Eine 80 Mann starke Gruppe, die an dem Massaker in Srebrenica 1995 beteiligt gewesen sein soll, stand unter dem Kommando eines Leutnants Milorad Palemis. Eine weitere wichtige Figur soll ein gewisser Jugoslav Petrusic gewesen sein, ein ehemaliger Fremdenlegionär, dem ebenfalls die Beteiligung an mehreren Morden und Massakern in Ex-Jugoslawien vorgeworfen wird. Die Times schrieb er habe im Kongo "wie ein kleiner Tyrann geherrscht" und Dutzende von Menschen exekutiert. Zu den Serben kamen dann noch etwa 16 Franzosen, einige Rumänen - angeblich Ex-Securitate - und ein paar Belgier. Eine wichtige Funktion hatten ukrainische Piloten, die die ebenfalls aus serbischen Beständen stammenden Mi-24 "Hind" Helikopter flogen.

Neben Söldnern und Helikoptern lieferte Serbien dann auch sonst noch, was an Kriegsgerät gewünscht war: AK47-Gewehre, russische Maschinengewehre, Granat- und Raketenwerfer und SAM-Luftabwehrraketen. Die Aufgabe der Söldner bestand dann auch hauptsächlich darin, die zairischen Soldaten im Gebrauch dieser Waffen zu unterweisen. Allerdings blieb es nicht dabei. Als die Rebellen immer weiter vorstießen, wurden auch die Söldner in Gefechte verwickelt. Zu den schwersten Gefechten kam es dabei im Kampf um Kisangani, von dessen Flugplatz aus die Helikopter der Söldner operierten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dabei einige der Krajina-Emigranten mit den alten Katanga-Gendarmen zusammenstießen. Mitte März war dann auch Kisangani nicht mehr zu halten; die Söldner sprengten ihr Hauptquartier und zogen sich in den Helikoptern zurück. Anfang April wurden dann einige verwundete Serben in einem ukrainischen Flugzeug nach Belgrad ausgeflogen. Der Rest scheint kurz darauf gefolgt zu sein. Über Petrusic war dann wieder während des Kosovo-Krieges 1999 zu hören, und man kann annehmen, dass dort auch einige seiner alten Kampfgefährten aus dem Kongo erneut im Einsatz waren.

Flüchtlinge in Zaire Der Einsatz der serbischen Söldner blieb ohne große Wirkung, verdeutlicht aber, dass die große Zeit der "Weißen Riesen" lange vorbei ist. Gegenüber den gut ausgebildeten Truppen aus Uganda und Ruanda, hatten sie keinerlei Vorteile, waren wahrscheinlich sogar schlechter auf die besondere Art der Kriegsführung vorbereitet. So soll die Ankunft der weißen Söldner den Soldaten Mobutus anfangs zwar starken moralischen Auftrieb gegeben haben, als sie dann aber feststellten, dass die Weißen auch keine Wunder mehr vollbringen konnten, rechneten sie sich sehr schnell aus, was diese verdienten, während sie selbst sich mit einem Monatssold von 2 US$ begnügen mussten. Das führte selbstverständlich zu Neid und Konkurrenz, zudem gab es Sprachprobleme, da sich sicher nur wenige der Serben in Französisch verständlich machen konnten. Von großer Bedeutung blieben dagegen Fachkräfte wie die ukrainischen Piloten, und einzelne Spezialisten, die in den Bereichen Logistik, Planung und Telekommunikation zum Einsatz kommen. Das einfache Fußvolk dagegen, wird inzwischen in Afrika selbst in immer größeren Mengen produziert. Als z. B. nach dem Sturz Mobutus die Koalition zwischen Kabila, Uganda und Ruanda zerbrach und der Krieg damit in eine neue Phase trat, kämpften angolanische Regierungstruppen für Kabila, während die Angolaner der UNITA Uganda und Ruanda unterstützten. Dazwischen gibt es im Ostkongo tausende von Hutu-Emigranten, die ebenfalls bereit sind für die eine oder andere Fraktion in den Kampf zu ziehen, wenn nur das Geld stimmt.

© Frank Westenfelder  
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