Wagner Group

Die stärkste Söldnerarmee der Welt?

Seit einiger Zeit liest man immer mal wieder von „Wagner Group“, der mächtigen aber auch geheimen russischen Söldnerarmee, die rund um den Globus für Präsident Putin die Drecksarbeit erledigt. Dabei werden gerne Vergleiche mit der US-Firma Blackwater angestellt. Doch während Blackwater und die diversen Nachfolgefirmen seit Jahren versuchen unter dem Medienradar zu bleiben und negative Schlagzeilen zu vermeiden, scheint man bei Wagner einem üblen Ruf - im Sinne von furchteinflößend - durchaus etwas abzugewinnen können. Allein schon der Name "Wagner" sorgt für Assoziationen von Adolf Hitler bis Apocalypse Now. Angeblich geht der Name auf den Kommandeur Dmitri Utkin zurück, einen ehemaligen Oberstleutnant der GRU Spetsnaz, der außerdem ein Bewunderer des Dritten Reichs sein soll. Wenn dies bei einem russischen Patrioten und Offizier auch mehr als unwahrscheinlich ist, so macht es sich doch hervorragend in den Medien.

Wagner Group bei TRT World Wagner Group bei TRT World

Vor der Gründung von Wagner war Utkin bereits 2013 mit einer anderen russischen PMC, dem sogenannten "Slawischen Korps" in Syrien. Der dilettantisch geplante Einsatz – statt der versprochenen T-72 erhielten erhielten die Söldner lediglich ein paar mit Stahlplatten gepanzerte Busse – endete in einem Desaster. Anschließend wurden die Heimkehrer dann auch noch in Russland wegen illegaler Söldneraktivität verhaftet.

Anscheinend hatte man aber an höherer Stelle die Nützlichkeit einer solchen Truppe erkannt und wollte sie nur etwas fester unter Kontrolle haben. Denn Anfang 2014 war Wagner auf der Krim an der Entwaffnung ukrainischer Truppen beteiligt. Kurz darauf kamen dann Teile bei den Kämpfen im Donbass zu Einsatz.

ISIS-Hunters Zum eigentlichen Schlachtfeld für Wagner wurde dann aber der Krieg in Syrien, wo die ersten Einheiten im Herbst 2015 eintrafen. Anders aber als ihre westlichen Kollegen im Irak oder in Afghanistan beschränkten sie sich nicht auf Logistik, Ausbildung und Security, sondern nahmen auch aktiv an Gefechten teil. Vor allem bei den harten Kämpfen um Palmyra, die zu einer Wende des Krieges wurden, waren ihre Leute als Sturmtruppen an vorderster Front mit dabei. Auch die von ihnen ausgebildeten Eliteeinheit „ISIS Hunters“ wurde ihm Einsatz meistens von Wagner-Mitarbeitern begleitet. Wagner bezahlte dies mit empfindlichen Verlusten.

Die angeblich schwersten hatte Wagner, als die Amerikaner im Februar 2018 kurdische Kräfte bei den Kämpfen um Khasham massiv aus der Luft unterstützten. Die Bombardements trafen zwar hauptsächlich syrische Regierungstruppen, aber auch einige ISIS-Hunter und Wagner-Mitarbeiter. Im Internet wurde kurz darauf über den Tod von hunderten „russischer Söldner“ berichtet, was sicher sehr übertrieben ist. Realistischere Schätzungen gehen von ein bis zwei Dutzend aus. Die Gesamtverluste von Wagner dürften für den gesamten Syrienkrieg irgendwo zwischen 80 und 150 Toten liegen. Das ist zumindest für eine PMC außergewöhnlich hoch, doch Wagner trug sicher entscheidend dazu bei, Präsident Bashar al-Assad an der Macht zu halten.

Nachdem Assads Sieg weitgehend gesichert scheint, beschränken sich Wagners Tätigkeiten in Syrien hauptsächlich auf Ausbildung, Logistik und Informationsgewinnung (für Russland). Daneben ist die Firma aber auch weiterhin in der Ostukraine aktiv, im Sudan, der Zentralafrikanischen Republik – wo die Ermordung von drei Journalisten für viel Aufsehen sorgte-, Venezuela, Mosambik, Madagaskar und in letzter Zeit vor allem in Libyen (eine sehr gute Zusammenfassung der Wagner-Aktivitäten findet man in dem englischen Wikipediaartikel).

Wagner Group bei TRT World "Putin's Chef" Yevgeny Prigozhin

Wagners Dienste sind immer dann gefragt, wenn zur Durchsetzung von Russlands geopolitischen Zielen militärische Schlagkraft benötigt wird, man aber nicht gleich die Armee schicken möchte oder kann. Eine entscheidende Rolle in diesem engen Zusammenspiel zwischen staatlichen Interessen und privater Militärfirma spielt Yevgeny Prigozhin, der gerne auch als Putins Koch (Putin's Chef) bezeichnet wird. Prigozhin ist angeblich der Eigentümer von Wagner und einer ganzen Reihe anderer Firmen; vor allem aber unterhält er enge Beziehungen zu Putin, dem Verteidigungsministerium und der GRU.

Über Prigozhin wird gerne berichtet, dass er eine längere Haftstrafe verbüßt und dann seine kapitalistische Karriere als Hotdog-Verkäufer begonnen hat. Solche Halbwahrheiten dienen jedoch wie das ganze Nazi-Wagner-Geraune nur dazu, die eigentlich recht nüchterne Geschichte einer modernen PMC hinter mystisch Nebeln verschwinden zu lassen. Anstatt von rationaler politischer Interessen ist dann nur noch von blutrünstigen Söldnern, finsteren Nazis und skrupellosen Kapitalisten die Rede.

An allererster Stelle müsste man doch im Fall Wagner den Begriff „Söldner“ grundsätzlich in Zweifel ziehen. Er erklärt nicht nur absolut nichts, sondern dient ganz im Gegenteil dazu, grundlegende Sachverhalte zu verschleiern. Die Medien schert dies wie üblich leider wenig, da sich Söldner nach wie vor so gut in den Schlagzeilen machen. Laut der äußerst lauen UN-Definition ist ein Söldner zumindest niemals „Staatsangehöriger einer der am Konflikt beteiligten Partei“. Nun ist aber Wagner praktisch nur dort im Einsatz, wo es um russische Interessen geht, oft gemeinsam mit russischem Militär. Hört oder liest man Interviews von Wagner-Mitarbeitern, so sind fast alle überzeugte russische Patrioten, die in Syrien oder Afrika für Mütterchen Russland kämpfen. Dazu kommt, dass Dmitriy Utkin und einige seiner Kameraden von Putin höchstselbst für ihre Dienste in Syrien mit Orden als Helden des Vaterlandes ausgezeichnet wurden.

Ähnlich wie bei Blackwater handelt es sich bei der Wagner Group also keineswegs um eine "Söldnerfirma", sondern um einen diskret ausgelagerten Zweig des nationalen Geheimdienstes. Mit Hilfe solcher Firmen können Regierungen geheime militärische Operationen – so genannte "black operations" - durchführen ohne vorher das Parlament zu befragen. Man kann – natürlich in nationalem Interesse – in fremde Kriege eingreifen, ohne irgendwem den Krieg zu erklären, und wenn etwas schief geht, verweist man einfach auf die Privatfirma, mit der man offiziell ja gar nichts zu tun hat.

Russische Kämpfer in Syrien
Russische Kämpfer in Syrien

Man sollte sich an dieser Stelle auch einmal die Frage stellen, wenn die Amerikaner mit ihren Bomben bei Khasham hundert - offiziell so deklarierte - russische Soldaten getötet hätten. In so einem Fall wäre Putin wahrscheinlich gar nichts anderes übrig geblieben, als irgendwie zurückzuschlagen. Die Folgen sind nicht auszudenken. Aber so handelt es sich ja nur um ein paar Private; die Zahlen kann man problemlos vertuschen, da keine staatlichen Medien Aufklärung verlangen.

Dieser Trend, an politischen Kontrollinstanzen vorbei Krieg zu führen, ist meiner Meinung nach viel schauriger als das ganze Getue um Söldner, die keine sind. Allerdings ist Putin hier nur dem Beispiel der USA gefolgt, die spätestens seit dem Desaster des Vietnamkriegs dabei sind, besonders kritische Operationen in den privaten Bereich zu verlagern. Obwohl der Trend zur Verwendung von PMCs durch staatliche Stellen im Westen sicher eine Gefährdung für die demokratischen Institutionen darstellt, so handelt es sich bei Wagner um ein unfreiwilliges Zugeständnis an die Demokratie. In der guten alten Zeit der Sowjetunion wäre eine PMC wie Wagner schlicht und ergreifend nicht notwendig gewesen, da der Oberste Sowjet jederzeit Soldaten nach Afrika, Asien oder Kuba schicken konnte, ohne irgendwen zu fragen oder sich dafür zu rechtfertigen. Putin ist sicher alles andere als ein Demokrat, dennoch muss er auf die öffentliche Meinung Rücksicht nehmen; er kann noch nicht einmal mehr in die Ukraine einmarschieren wie einst in Ungarn oder die Tschechoslowakei. Aus diesen Gründen braucht er Wagner; um Söldner handelt es sich dabei allerdings nicht.

© Frank Westenfelder  
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