Die Spanier

Zwischen Modernisierung und Stagnation.

Roncevalles Das historische Fundament des heutigen Spaniens ist ganz ohne Zweifel die Reconquista, wie es an den Wappen einiger der ältesten Provinzen (Autonomias) immer noch zu erkennen ist. So beziehen die Ketten im Wappen von Navarra auf die Schlacht bei Las Navas de Tolosa und das Keuz von Asturias geht angeblich sogar auf Don Pelayo zurück, der mit ihm den Kampf gegen die Mauren eröffnete. In einem jahrhundertelangen Kampf wurde den Mauren das Land Stück für Stück entrissen und daraus dann die christlichen Königreiche gebildet, die letztlich zu Spanien verschmolzen.

Auch wenn dieser Gründungsmythos nicht völlig frei erfunden ist, so ist reale Geschichte doch um einiges komplexer. So gibt es wohl nie die "Guten", die vereint über Jahrhunderte für die gerechte Sache kämpfen. Wie überall im feudalistischen Europa stritten sich zuerst einmal konkurrierende Adelscliquen um die Macht, bevor an einen größeren Krieg zu denken war. Und so kämpften auch auf der iberischen Halbinsel Moslems viel häufiger gegen Moslems und Christen gegen Christen als gegen Andersgläubige.

Dies wird bereits überdeutlich beim Zug des fränkischen Heeres unter Karl dem Großen nach Spanien 778, der später den historischen Hintergrund für das Rolandslied abgab, dem Urvater aller christlichen Kreuzzugsdichtung. Die Franken waren nicht aus eigenem Antrieb nach Spanien gezogen, sondern von einigen rebellischen maurischen Provinzfürsten gegen ihren Oberherrn Abd ar-Rahman I. den Emir von Cordoba zu Hilfe gerufen worden. Beim Rückzug wurde die fränkische Nachhut in den Pyrenäen dann nicht etwa arabischen Heerscharen massakriert sondern von christlichen Basken, die von der Beute angelockt worden waren, höchst wahrscheinlich aber auch durch arabische Hilfsgelder Motivationshilfen erhalten hatten.

Dass die Moslems einen Großteil der Halbinsel unter ihrer Kontrolle hatten, führte meistens nur dazu, dass sie sich noch eifriger untereinander bekämpften als es die Christen im Norden taten. Dennoch gab es einen fundamentalen Unterschied und dies war die Verfügbarkeit von Gold und damit von Geld. Während die christlichen Reiche im Abendland wegen Mangel an Edelmetallen fast vollständig zur Naturalwirtschaft zurückgegangen waren, verfügten die Länder des Islam nicht nur über eine florierende Wirtschaft sondern hatten auch Zugang zu allen großen Goldquellen der alten Welt. Arabische Golddinar im Westen oft als "Mancus" bekannt waren deshalb bis ins Hochmittelalter das wichtigste Zahlungsmittel im Abendland.

Nun hatten die Christen nur wenige Handelsgüter zu bieten, und so war der Solddienst bald eine der beliebtesten Methoden, um an die heiß begehrten Golddinar zu kommen. Bald standen zahlreiche Christen aus Navarra, Kastilien, Aragon und Katalonien im Dienst verschiedener maurischer Fürsten. Von diesen wurden sie wegen ihrer schweren Bewaffnung geschätzt und vor allem, da sie als Fremde bei den vielen internen Streitigkeiten als besonders zuverlässig galten. Allerdings hatten die christlichen Rittersöldner auch keine Probleme gegen ihre Glaubensbrüder zu kämpfen. Nachdem der um die Jahrtausendwende regierende "Al-Mansur" mit eiserner Hand die internen Streitigkeiten beendet hatte, verheerte er das christliche Spanien in mehr als 50 Feldzügen. Christliche Söldner stellten dabei immer einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Heere, und er belohnte sie stets reichlich aus der anfallenden Beute, und in seinem Feldlager war der Sonntag ein Feiertag, damit seine vielen Söldner ungestört die Messe zelebrieren konnten.

Christen und Moslems Als das mächtige Kalifat von Cordoba jedoch nach Al-Mansurs Tod (1002) in zahlreiche Kleinkönigreiche zerbrach, erreichte der Solddienst im maurischen Spanien völlig neue Dimensionen. Diese so genannten "Taifa-Königreiche" mieteten sich für ihre internen Kriege die entscheidende Unterstützung im Norden. Der Bedarf war nun so groß, dass meistens feste Verträge mit christlichen Herrschern geschlossen wurden, die einige tausend Krieger liefern konnten. Mit der Zeit entwickelten sich daraus feste Beziehungen, wobei die christlichen Herrscher im Norden meistens mehrere maurische Klientelstaaten hatten, denen sie für jährliche Schutzgeldzahlungen bei Bedarf zu Hilfe kamen. Zum Teil gab es in diesem Geschäft auch selbstständige Kriegsherren, wie den späteren spanischen Nationalhelden Rodrigo Díaz de Vivar – besser bekannt als "El Cid" –, der mit einer eigenen Truppe verschiedenen Taifa-Königen diente, bis er dann so mächtig war, dass er sich mit Valencia ein eigenes Reich eroberte.

Die christlichen Söldner erfreuten sich schließlich einer solchen Wertschätzung, dass sie sich auch in den nordafrikanischen Staaten Marokko, Tunis und Tlemcen zu einer festen Institution entwickelten. Obwohl in diesen Staaten Rittersöldner aus dem ganzen Abenland dienten, so dominierten jedoch allein schon wegen der geografischen Lage die von der iberischen Halbinsel. Kastilien und Portugal versorgten dabei hauptsächlich Marokko, während Aragon und Katalonien mehr Tunis und Tlemcen belieferten. Bei vielen der Söldner in Nordafrika handelte es sich jedoch auch um ehemalige Kriegsgefangene, Verbannte, politische Emigranten und einfache Abenteurer, die dort auf eigene Faust ihr Glück suchten.

Eine herausragende aber auch nicht ganz untypische Gestalt war Heinrich von Kastilien (1230-1304) ein jüngerer Sohn des kastilischen Königs Ferdinand III. Nachdem er bei internen Thronstreitigkeiten in Kastilien unterlegen war, musste er ins Ausland fliehen und verdingte sich schließlich als Söldnerführer in Tunis. Dort erwarb er große Reichtümer und verfügte über loyale eigene Truppen. Mit seinen Söldnern mehr aber noch mit seinen Schätzen unterstützte er dann Karl von Anjou in seinem Kampf um die Krone von Sizilien. Als Lohn war ihm Sardinien versprochen worden, wodurch er endlich ein eigenes Königreich erhalten hätte. Da Karl jedoch nach dem Sieg nicht daran dachte sein Versprechen einzulösen, wechselte Heinrich in den Dienst der Staufer und stellte mit seinen 200 Spaniern Konradins Elite in der Schlacht bei Tagliacozzo (1268). Seine Männer fielen zum Großteil an diesem Tag; er selbst kam in Gefangenschaft und saß dann 23 Jahre im Kerker.

Neben den schweren Panzerreitern, die ganz besonders von den Mauren geschätzt wurden, entstand im Norden Spaniens noch ein ganz anderer Söldnertypus: der des leicht bewaffneten Infanteristen. In dem langen Konflikt mit den Mauren, waren ritterliche Schlachten die ganz seltenen Ausnahmen, dafür kam es aber fast ständig zu kleinen Scharmützeln, Überfälle und Raubzügen bis tief ins Hinterland. Dabei bewährten sich vor allem abgehärtete und anspruchslose Krieger. Hauptsächlich kamen sie aus den Pyrenäen – einer der ganz großen Söldnerwiegen Europas -, und trugen Kleidung und Bewaffnung von Hirten: Ledergamaschen, einen Sack für Verpflegung, Wurfspeere und kurze Schwerter, seltener einen leichten Helm oder gar einen Schild.

Almogavar Diese wilden Krieger lebten zwar hauptsächlich von ihren Raubzügen in maurisches Gebiet, als jedoch während der Reconquista die Grenzen immer weiter nach Süden verschoben wurden, boten sie auch in anderen Ländern in Mitteleuropa ihre Dienste an. In dem langen Konflikt um Aquitanien zwischen England und Frankreich fanden sie reichlich Beschäftigung. Als das 3. Laterankonzil 1179 die Verwendung von Söldnern mit dem Bann belegte, war ausdrücklich von "Aragonesen, Navarresen und Basken" die Rede. Natürlich waren solche Regelungen auch damals nur schöner Schein, vor allem, da die Kirche anschließend viele davon im Albigenserkreuzzug (1209-1229) selbst beschäftigte. Auch in der Schlacht von Courtray (1302) wurden von den Franzosen spanische Wurfspießschleuderer eingesetzt.

Ihren größten Einsatz hatten sie jedoch als der König von Aragon 1282 in den Kampf um Sizilien eingriff und dabei einige tausend Almogávares, wie diese Grenzlandkrieger in Aragon genannt wurden, nach Italien brachte, wo sie in gewohnter Guerillamanier die Franzosen langsam aber sicher zermürbten. Als schließlich Frieden gemacht wurde, wollte sie in Aragon allerdings niemand mehr haben und so bildeten sie die "Große Kompanie" und traten in den Dienst von Byzanz. Nachdem sie wegen ihrer Raublust bald auch mit den Byzantinern aneinander geraten waren, verwüsteten sie jahrelang auf eigene Faust Griechenland und eroberten schließlich 1311 das Herzogtum Athen.

Damit hatten Söldner von der Iberischen Halbinsel im gesamten Mittelmeerraum mehr als ausreichende Beschäftigungsmöglichkeiten. Als dann 1337 in Frankreich der Hundertjährige Krieg ausbrach, der für Generationen zum Hauptanziehungspunkt für Söldner werden sollte, waren Spanier anfangs noch relativ schwach vertreten. Dies lag hauptsächlich daran, dass man auf der Halbinsel zu der Zeit mit eigenen Kriegen und Fehden beschäftigt war. Als ein Resultat der Erbfolgestreitigkeiten kam dann aber 1362 Heinrich von Trastámara, ein illegitimer Sohn des verstorbenen Königs von Kastilien, nach Frankreich und trat mit seinem Gefolge in den Dienst der Krone. Der König von Navarra Karl II. suchte dagegen im Bündnis mit England seine französischen Besitzungen auszubauen und brachte dadurch zahlreiche Basken nach Frankreich, die schließlich einen beträchtlichen Teil der Freien Kompanien stellten.

In der zweiten Phase des Hundertjährigen Krieges (1415-53) spielten spanische Söldner allerdings eine viel wichtigere Rolle. Am bekanntesten war sicher der Baske Rodrigo de Villandrando der mit seinen gefürchteten Écorcheur jahrelang das Land ausplünderte und verwüstete. Er hatte im Dienst der Burgunder begonnen, war dann aber ins königliche Lager gewechselt. Auf dem Höhepunkt seiner Macht kommandierte er eine Kompanie von 8-10.000 Mann, die sich aus allen Nationalitäten zusammensetzte im Kern jedoch aus Spaniern bestand. Nachdem sich Villandrando in die Heimat abgesetzt hatte, übernahm sein Landsmann und Stellvertreter Juan de Salazar die Kompanie. Wie viele Söldner blieb Salazar nach dem Krieg in Frankreich in wurde ein Teil des einheimischen Adels.

Auf englischer Seite ist dagegen viel von einem Francois de Surienne, genannt "der Aragonese" zu lesen. Er war ein früher Spezialist für den Einsatz der Artillerie und Befestigungen und war ebenfalls in burgundischen Diensten nach Frankreich gekommen und später zu den verbündeten Engländern gewechselt, für die er einige tausend Mann in der Bretagne führte. Letzten Endes führten diese Männer jedoch hauptsächlich Krieg auf eigene Rechung, da sie ihre Truppen nur mit Beute und Lösegeldern zusammenhalten konnten. 1445 versuchte der französische König dann mit seiner "Ordonanz", diese chaotischen Verhältnisse etwas zu regeln und die Freien Kompanien durch feste Bezahlung in ein stehendes Heer umzuwandeln. Natürlich wurden bei dieser Umstrukturierung Franzosen bevorzugt, während Ausländer dagegen möglichst in ihre Heimat abgeschoben wurden. Dennoch wurde eine der 15 Ordonanzkompanien für Spanier reserviert.

Mit dem Hundertjährigen Krieg zeichnete sich militärhistorisch bereits das Ende des Mittelalters ab. Doch während englische Historiker die Wandlung gerne dem Langbogen zuschreiben, französische den Ordonanzkompanien und der Artillerie oder deutsche Schweizer und Landsknechte am Beginn der neuen Zeit sehen, fand die eigentliche Revolution im fernen Spanien statt. Dort waren 1469 durch die Hochzeit von Isabella von Kastilien und König Ferdinand von Aragon die beiden mächtigsten Königreiche vereinigt worden. Nachdem die Katholischen Könige zuerst interne Widerstände gebrochen hatten, begannen sie 1482 mit der Eroberung von Granada.

Obwohl dieser Krieg sicher auch stark von mittelalterlicher Kreuzzugsideologie beeinflusst wurde, so wurde er doch für die Zeit auf geradezu unglaublich moderne Art und Weise geführt. Die militärisch unterlegenen Mauren vermieden offene Feldschlachten und setzten statt dessen auf das unwegsame Gelände und die gut befestigten Plätze. Für die traditionellen schweren Panzerreiter gab es deshalb kaum Verwendung. Viel wichtiger waren dagegen das Fußvolk, das unter den im Grenzkrieg erfahrenen Milizen der Städte rekrutiert wurde, und die leichte Reiterei, die stark von den Berbern beeinflusst war. Entscheidend war die Artillerie, für deren Aufbau französische, burgundische und süddeutsche Spezialisten geworben wurden. Dennoch zog sich der Krieg zehn Jahre in die Länge und spanische Militärs lernten hier neben der Bedeutung der Artillerie die von Logistik, Schanzen, Hinterhalten und schnellen Manövern.

War der Krieg von Granada sozusagen die Grundschule moderner Kriegsführung, so wurden die italienischen Kriege (1494-1559) zu ihrer Universität. Frankreich, das inzwischen wieder zum mächtigsten Staat Europas geworden war, hatte die internen Streitigkeiten Italiens genutzt, um sich das Königreich Neapel einzuverleiben. Das Rückgrat des französischen Heers waren die schweren Panzerreiter der Ordonanzkompanien, dazu kam die stärkste Belagerungsartillerie des Abendlandes und 8.000 Schweizer Söldner, deren Siege über Burgund bereits legendär waren. Dieser geballten Macht eines modernen Territorialstaates hatten die italienischen Condottieri nichts entgegen zu setzen. Das mächtige Florenz kapitulierte bereits beim Anmarsch und auch Neapel öffnete schnell seine Tore.

Franzosen u. Spanier Gegen diese Übermacht schickte Spanien ein kleines Heer unter Gonzalo de Córdoba. Wie die meisten seiner Männer war de Córdoba ein erfahrener Veteran des Granadakrieges. Nach einer ersten Niederlage, zu der ihn seine Verbündeten genötigt hatten, zerschliss er seine Gegner im Kleinkrieg. Um der überlegenen Kavallerie und den Schweizern gewachsen zu sein, entwickelte er aber auch eine völlig neue Infanterietaktik. Er verstärkte konsequent die Anzahl der Schützen und mischte sie mit den Pikenieren. Diese Formationen erhielten die Bezeichnung "colonella" (Kolonne) und unterstanden einem "Colonel". Während Schweizer und Landsknechte allein auf den Massendruck ihrer Gewalthaufen setzten und Schützen nur als Plänkler verwendeten, wurden sie unter de Córdoba zur entscheidenden Waffe, auch wenn sie lange noch den weitaus kleineren Teil der colonellas stellten.

In der Schlacht bei Cerignola (1503), einer der ganz großen Meilensteine auf dem Weg der so genannten "Militärischen Revolution", schlug de Córdoba dann mit lediglich 8.000 Mann ein französisches Heer von 32.000 und doppelt so viel Geschützen vernichtend. Die wiederholten Angriffe der französischen schweren Kavallerie und der Schweizer scheiterten alle am vernichtenden Feuer der Arkebusiere. De Córdoba wurde als "el Gran Capitán" berühmt und gilt als Vater der modernen Infanterie, da er im Gegensatz zu manchem genialen Feldherrn ein stabiles Fundament für dauerhafte Reformen hinterließ. Deshalb setzten andere seine Arbeit fort, auch nachdem er längst nach Spanien zurückgekehrt war, und die großen Siege von Bicocca (1522) und Pavia (1522) sind ohne seine Vorarbeit nicht denkbar.

Es besteht kein Zweifel daran, dass um die Mitte des 16. Jahrhunderts Spanien über die beste Infanterie der Welt verfügte. Und mit diesem mächtigen Instrument dominierten die Habsburger dann fast ein ganzes Jahrhundert Europa, schlugen Franzosen, Türken, Niederländer, Engländer und deutsche Protestanten, eroberten große Teile Italiens, Portugal und ein riesiges Imperium in Übersee.

Natürlich waren diese Truppen auch im Ausland sehr begehrt, und, wenn es die politischen Beziehungen zuließen, erlaubte Spanien, dass einzelne Hauptleute mit ihren Truppen fremde Dienste suchten oder lieferte gegen gute Bezahlung diese gleich selbst. Trotz seiner Vorliebe für den Langbogen hätte der englische König Heinrich VIII. In seinen Kriegen gegen Frankreich und Schottland nur wenig ausgerichtet, wenn ihn nicht spanische Arkebusiere mit der notwendigen Feuerkraft versorgt hätten. Auch die französischen Katholiken erhielten während der Hugenottenkriege (1562–98) oft entscheidende Schützenhilfe von spanischen Söldnern, und der Dreißigjährige Krieg (1618–48) wäre sicher viel früher zu Ende gegangen, wenn nicht einige der gefürchteten spanischen Tercios die Reihen der Bayern und Kaiserlichen gestützt hätten.

spanisches Tercio Es ist leicht verständlich, dass diese enormen Aufgaben Spaniens natürliche Ressourcen schnell überforderten. Für die verlustreichen Kriege von Nordafrika bis in die Niederlande, von Portugal bis Ungarn gab es auch im vereinten Spanien nicht annähernd genug Soldaten. Dazu kam das immense Kolonialreich, das ständig nach neuen Truppen, Seeleuten und Kolonisten verlangte. All diese Kriege konnten nur dank des Silbers geführt werden, das sich ab der Jahrhundertmitte in einem anschwellenden Strom aus den Minen Südamerikas nach Spanien ergoss. Mit diesem Silber wurden nun nicht nur viele brave spanische Bauern und Handwerker zu Soldaten gemacht, sondern auch immer mehr Ausländer geworben, vor allem Italiener, Süddeutsche, Wallonen, Flamen, Iren und Portugiesen. Spätestens in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts war Spanien vom einstigen Söldnerlieferanten zum Großabnehmer in Europa geworden.

Doch das Silber aus Südamerika hatte wesentlich fatalere Folgen. Die spanische Infanterie war einst als eine Art Notlösung entstanden, da man sich die prächtigen Ordonanzkompanien wie in Frankreich und Burgund nicht leisten konnte. Nun erstickte das Geld jeden Ansatz zu neuen Reformen. Bürokratie und Korruption wucherten und die steigenden Preise ruinierten Landwirtschaft und Handel. Und wie immer kam der Hochmut vor dem Fall. Die zahllosen Siege und Eroberungen förderten ja nicht gerade kritische Gedanken, und so florierten Intoleranz und Fanatismus. Man muss diese Zustände nicht von einem modernen bürgerlich-liberalen Standpunkt aus kritisieren, denn sie erweisen sich für Staaten und deren Militär ganz wertfrei als fatal. In Spanien vertrieb man zuerst die Juden, die eine wirtschaftliche Elite gestellt hatten; später dann die Moriskos, die ehemaligen Moslems, die in vielen Regionen einen beträchtlichen – und fleißigen – Anteil an der Bevölkerung bildeten. Zum Ausgleich stärkte man die Kirche, deren zigtausend Priester und Mönche nichts zu Produktivität beitrugen. Da das Silber aus Übersee für Krieg, Klerus und Günstlinge bei weitem nicht ausreichte, erhöhte man ständig die Steuern und trieb dadurch immer mehr ins Elend und die Kolonien.

Um 1600 hatte Spanien mehrere Millionen seiner ohnehin nicht sehr großen Bevölkerung eingebüßt und die Wirtschaft war in einem katastrophalen Zustand. Das Militär hatte die wegweisenden Oranischen Reformen der Niederländer weitgehend ignoriert; moderne Schusswaffen wurden schon lange nicht mehr selbst hergestellt, sondern (meist aus den Niederlanden) importiert. Als dann 1643 die einst unbesiegbaren Tercios auf eine modern geführte französische Armee trafen, wurden sie von der mobilen Kavallerie abgeschnitten und mit an Reichweite überlegenen Musketen und Kanonen zusammen geschossen. Die Spanier sollen dabei tapfer gestorben sein, doch ihr Stolz war schon längst zur Borniertheit geworden. Es zeugt allerdings von ganz besonderer Dummheit, wenn in modernen spanischen Romanen und Filmen wie "Alatriste" diese Unfähigkeit zur Reform auch noch glorifiziert wird.

Später überfielen Niederländer, Franzosen und Engländer mit technisch überlegenen Schiffen die Silberflotten und eroberten Teile des überdehnten Kolonialreiches. Die spanische Armee war dabei längst zweitklassig geworden und mit der Verteidigung des Imperiums mehr als überfordert. Unter diesen Umständen findet man im 18. und 19. Jahrhundert praktisch keine spanischen Söldner mehr in fremden Diensten, auch diejenigen, die auf eigene Faust Abenteuer oder schnellen Gewinn suchten, konnten ihr Glück in den Kolonien in Lateinamerika versuchen.

Sturm eines Presidio Nachdem die große Zeit spanischer Söldner völlig vorbei war, fällt der Blick auf das Strandgut, das die großen Imperien immer zurücklassen: auf die Überläufer, Deserteure und Renegaten. Es hatte dieser Männer immer gegeben, die als Gefangene in den Dienst des Gegners getreten waren, um ihr Schicksal zu erleichtern, oder die aus Zorn, Angst oder einfach Hunger desertiert waren. Zum Kampf gegen die Piraterie unterhielt Spanien an der nordafrikanischen Küste eine ganze Reihe von Festungen, so genannter "Presidios" wie Ceuta, Oran, Peñón de Vélez oder La Goleta. "Das Leben in den Presidios konnte nur Mühsal sein. So nahe am Wasser verfaulen die Lebensmittel, und die Menschen sterben am Fieber. Die Soldaten hungern das ganze Jahr. [...] Um ihre unerträgliche Schuldenlast abzuschütteln , desertieren die Soldaten und gehen zum Islam über." So beschreibt Fernand Braudel die Situation.

Da nur selten Freiwillige für den gefürchteten Dienst in diesen isolierten Forts gefunden wurden, belog man die Rekruten bezüglich ihrer Verwendung oder schickte gleich Sträflinge; entlassen wurden sie ohnehin oft erst bei schwerer Invalidität. Im modernen Spanisch hat das Wort "Presidio" deshalb bezeichnenderweise einen Bedeutungswandel zu "Zuchthaus" erfahren, und ein "Presidiario" ist kein Soldat sondern ein Sträfling. Es erstaunt also nicht, dass viele Soldaten letzten Endes lieber zum Feind überliefen und den Glauben wechselten, als in einem Presidio auf den Tod zu warten.

Viel mehr als militärische Niederlagen, bei denen auch oft Tausende in Gefangenschaft gerieten, versorgte der stetige Strom von Deserteuren aus den Presidios die Maghrebstaaten mit militärisch erfahrenem Personal. Sie wurden dort besonders als Schützen und Artilleristen besonders geschätzt und trugen wesentlich zur Modernisierung der Kriegsführung bei. Man sollte auch nicht denken, dass es sich dabei lediglich um einige wenige handelte. Ahmad al-Mansur (1578–1603) der mächtige Sultan von Marokko soll ungefähr 4.000 ehemalige Christen – hauptsächlich spanische Renegaten - in seinem Dienst gehabt haben. Ungefähr 1.500 von ihnen waren dann 1591 unter der Führung von "Djuder Pascha" entscheidend an der Eroberung des Sudan beteiligt. Auf Spanische Renegaten stößt man auch immer unter den Korsaren der Barbareskenstaaten Algier, Tripolis und Tunis. Bereits 1581 waren zwei Spanier unter den 32 Korsarenkapitänen in Algier. Renegaten wurden hier als Seeleute und als Kanoniere geschätzt.

marokkanischer Kanonier Als die Korsaren dann im 19. Jahrhundert endgültig ihre einstige Bedeutung verloren, stellen spanische Renegaten immer noch den wichtigsten Teil des marokkanischen Heeres. Einige tausend dienten in der so genannten "renegados legion".und stellten den Großteil der Artilleristen und Festungsbesatzungen. Beim Krieg zwischen Frankreich und Marokko (1844) kämpften sie angeblich sehr tapfer, da sie im Fall einer Gefangennahme keine Gnade zu erwarten hatten. In der Schlacht von Isly standen Spanier an den marokkanischen Geschützen und beim folgenden Bombardement von Mogador war der beste Artillerist ein spanischer Renegat namens Omar Ei-Haj. Nach seinem Tod brach der Widerstand zusammen.

Doch die Renegaten verschwanden nach und nach, wie Marokko und die anderen Maghrebstaaten ihre Unabhängigkeit verloren. Die Renegaten hatten damit ihr letztes wichtiges Refugium verloren. Von spanischen Söldnern und Abenteurern ist danach nur noch wenig zu hören. Spanier stellten zwar immer einen guten Anteil an der französischen Fremdenlegion, und mit anderen Ex-Legionären kämpften auch einige im Kongo in den 60er Jahren. Eine etwas seltsame Randerscheinung ist die "Antikommunistische Fremdenlegion" die General Rafael Trujillo, der Diktator der Dominikanischen Republik, 1959 aufstellte. Sie wurde zu einem Sammelbecken für Rechtsradikale aus aller Welt, darunter auch zahlreiche Spanier; General Franco schickte sogar einige Veteranen der Blauen Division als Ausbilder.

Wie in den meisten westeuropäischen Staaten gibt es heute sicher auch die eine oder andere spanische Firma im Bereich Security-Dienstleistung. Im Allgemeinen ist der Militärdienst jedoch äußerst unpopulär, so dass sich das Militär mit Immigranten aus Lateinamerika behelfen muss. Spanische Söldner sind also äußerst seltene Relikte einer fernen Vergangenheit.

© Frank Westenfelder  
amz Bücher zum Thema Söldnerfirmen PMCs und Irakkrieg.
Buch Blackwater

Jeremy Scahill

Der Aufstieg der mächtigsten Privatarmee der Welt

Buch Die Kriegs-AGs

Peter W. Singer

Über den Aufstieg der privaten Militärfirmen

Buch Private Military Companies

Gero Birke

Eines der wenigen deutschen Bücher zu diesem aktuellen Thema.