Die Schweizer

Reisläufer aus den Alpen.

Schweizer Wenn man von einem Söldnervolk par excellence sprechen kann, so sind das zumindest in Europa die Schweizer. Wahrscheinlich gibt es aber weltweit kein Volk, das mit einer solchen Ausdauer und Anzahl in fremden Kriegen gekämpft hat. Vom späten 15. bis ins frühe 19. Jahrhundert wurde in Europa kaum eine große Schlacht geschlagen, ohne dass ein Kontingent Schweizer beteiligt war – manchmal sogar auf beiden Seiten. Der Erfolg der Schweizer beruhte vor allem darauf, dass durch sie das Fußvolk wieder zur entscheidenden Waffe wurde. Über Jahrhunderte hatten die schweren Panzerreiter, die "Ritter" die Schlachtfelder des Abendlandes beherrscht. Zwar hatten auch sie einige schwere Niederlagen hinnehmen müssen, doch diese hatten sie meistens durch ihre eigene Überheblichkeit verursacht. Das Fußvolk – die englischen Bogenschützen, die flämischen Bürgerwehren oder die Hussiten - hatte seine Siege vorwiegend aus stark defensiven Positionen heraus erkämpft. Die Engländer wurden aus Frankreich vertrieben, nachdem ihre Gegner gelernt hatten, durch die Kombination verschiedener Waffen selbstmörderische Angriffe zu vermeiden. Flamen und Hussiten wurden auf ähnliche Weise geschlagen. Die Erfolge des Fußvolks hatten zwar dazu geführt, dass man ihm in den neuen Heeren eine stärkere Bedeutung einräumte. So verwendete man gerne eine Kombination aus Schützen, Spießern und Reitern und stützte sich zudem auf eine Wagenburg. Die alles entscheidende Waffe blieb dennoch die schwere Reiterei. Von diesem Thron sollte sie erst – und zwar äußerst nachhaltig – von den Schweizern gestoßen werden.

Die stärkste Streitmacht am Ende des Mittelalters unterhielt wahrscheinlich Herzog Karl der Kühne von Burgund. Je nach Gelegenheit führte er Krieg gegen Frankreich oder das Reich; dem König von England – einem armen Verwandten - lieh er dagegen manchmal ein paar Söldner. In den burgundischen Ordonanzkompanien entfaltete das spätmittelalterliche Rittertum noch eine seine ganze Pracht. Die schwer bewaffneten Gens d’armes kämpften aber schon lange nicht mehr alleine. Sie wurden von einem erprobten Fußvolk – darunter viele in England geworbene Bogenschützen – und einer starken Artillerie unterstützt. Diese bislang unbesiegte Militärmaschine schlugen die Schweizer Aufgebote 1476/77 vernichtend in den Schlachten von Grandson, Murten und Nancy. Der fundamentale Unterschied zu den früheren Erfolgen des Fußvolks war, dass hier kein vereinzelter Sieg unter geschickter Ausnutzung von Geländevorteilen erfochten worden war. Das Schweizer Fußvolk hatte auf sich selbst gestellt in einer ganzen Kette offener Feldschlachten seine Gegner einfach überrannt.

Das Resultat dieser spektakulären Siege war, dass plötzlich alle Mächte an Schweizer Söldnern, den Reisläufern interessiert waren – bereits die Schlacht bei Nancy hatten die Schweizer ja im Sold des Herzogs von Lothringen geschlagen. Die Abgesandten von Fürsten, Kaisern und Königen, von Päpsten und Kardinälen warben um ihre Unterstützung. Es blieb aber nicht allein bei der Werbung; an vielen Orten begann man damit eigenes Fußvolk nach Schweizer Muster auszubilden. Dazu wurde oft eine größere Gruppe Schweizer angeworben, die dann im Verbund mit den Einheimischen als Instrukteure und Korsettstangen dienen sollten. Innerhalb weniger Jahre stützten sich alle Großmächte entweder auf Schweizer Söldner oder auf Infanterieformationen, die diesen in Ausrüstung und Taktik sehr ähnlich waren. Die schwere Kavallerie stieg dabei zu einer unterstützenden Waffengattung ab.

Am stärksten war der Einfluss der Schweizer sicher in Süddeutschland und in Tirol, wo unter ihrem direkten Einfluss die Landsknechte entstanden. Doch gerade im Vergleich mit anderen Reichsteilen sollte man sich die Frage stellen, wie denn der durchschlagende Erfolg der Schweizer eigentlich möglich gewesen war. Das Aufgebot der mächtigen süddeutschen Städte war 1388 bei Döffingen vom Adel geschlagen worden, und der große Bauernkrieg von 1525 war militärisch ein einziges Desaster. Städte und Bauern spielten nach diesen Niederlagen zumindest aktiv keine große Rolle mehr; sogar die Hanse im Norden musste auf ihre einstige Großmachtpolitik verzichten. Da die Dominanz der Schweizer Reisläufer auf dem europäischen Söldnermarkt wohl kaum in einer genetischen Disposition zu suchen ist – man denke nur an den geradezu pazifistischen Ruf der modernen Schweiz - , ist die Antwort in ihrer Geschichte zu suchen.

Der Ursprung des Schweizer Sonderweges liegt sicher darin, dass in den Alpentälern der Urschweiz einige Privilegien seit der Karolingerzeit erhalten worden waren. Sicherung und Pflege des St. Gotthard-Passes der wichtigsten Handelsverbindung zwischen Süddeutschland und Norditalien lagen weitgehend in den Händen kleiner Landgemeinden, die in Krisenzeiten den fränkischen Heerbann aller Waffenfähigen aufboten und ihre politischen und militärischen Führer selbst wählte. Natürlich gab es auch Adlige, aber deren Macht erstreckte sich oft nur auf kleinere Bereiche. Unter den staufischen Kaisern, als der Feudalismus fast überall im Reich an Boden gewann, wurde der Weg über den St. Gotthard zu einer Überlebensfrage und die Bewohner von Uri erhielten von Kaiser Friedrich II 1231 die Reichsunmittelbarkeit und wurden 1240 von fremder Gerichtsbarkeit befreit. Damit hatten sie ungefähr den Status einer freien Reichsstadt.

Schweizerschlacht

Gerichtshoheit bedeutete aber nicht nur Befreiung von Steuern und Abgaben, sondern auch die Ausübung der Polizeigewalt. Die Aufgebote mussten gegen Friedensstörer vorgehen, Burgen brechen und Strafexpeditionen durchführen. Es waren keine ruhigen Zeiten, aber die Bewohner der Urschweiz waren auch alles andere als ein friedliebendes Volk. Wie in anderen kargen Bergregionen Europas – z.B. dem schottischen Hochland oder den Pyrenäen – gehörten kleine Überfälle, Fehden und vor allem Viehraub fast zur Tagesordnung. Die Urschweizer galten deshalb als äußerst rauflustige und kriegerische Gesellen. Da zudem die Almwirtschaft nur unzureichend für Beschäftigung sorgte wurde der Reislauf bereits sehr früh zu einer Art Nebenerwerb. Wenn die Heere der deutschen Kaiser über die Alpen zogen, schlossen sich ihnen meistens auch abenteuerlustige Gesellen aus der Schweiz an. 1241 kämpfte sogar eine große Gruppe Schwyzer vor Faenza; 1278 standen sie im Heer Rudolfs von Habsburg gegen Ottokar von Böhmen und erhielten zum Dank für ihre Leistungen das rote Banner als Zeichen der kaiserlichen Freiheiten. Trotzdem waren es zu dieser Zeit noch keine spektakulären Werbungen. Viele Schweizer verdingten sich bei den Viehhändlern und Maultierkarawanen als Treiber oder Begleitschutz und kamen auf diese Weise nach Italien, wo auch nach dem Ende der Staufer konstanter Bedarf an kräftigen Kriegsknechten herrschte.

Vielleicht wäre es dabei geblieben und die Schweizer hätten wie Gascogner oder Waliser ihre offiziellen Herrscher über Jahrhunderte mit tapferem Fußvolk versorgt. Der große Bruch begann als die Habsburger, deren Stammlande ja in der Schweiz lagen, als deutsche Kaiser damit begannen ihre Macht auszudehnen. Der Konflikt mit den an ihre Freiheit gewohnten und kampferprobten Bergbewohnern wurde dadurch unvermeidlich. Gegen den Machtanspruch der Habsburger schlossen die drei Unterkantone Uri, Schwyz und Unterwalden 1291 den "Ewigen Bund". Zum Glück für die Schweizer hatten die Habsburger aber durch den Erwerb Österreichs ihr Machtzentrum stark nach Osten verlagert und waren hauptsächlich mit ihrem Machtkampf mit den Luxemburgern beschäftigt, an die auch die Kaiserkrone gefallen war. So gelang es den Schweizern das Habsburger Ritterheer 1315 bei Morgarten zu schlagen. Morgarten war sicher ein beeindruckender Sieg, war aber unter geschickter Ausnutzung des Geländes erfochten worden. So hatte das Schweizer Aufgebot die Habsburger in einem Engpass überrascht, der dann durch herabgestürzte Felsbrocken und Baumstämme blockiert worden war. Ähnliche Siege waren auch von den Dithmarschen oder Friesen erkämpft worden; bezeichnenderweise Gemeinschaften, die sich ihre organisatorischen und militärischen Freiheiten zum Teil durch die Landgewinnung an der Nordsee erhalten hatten.

Im Unterschied zu den norddeutschen Bauerngemeinden entwickelten die Urkantone jedoch eine große Anziehungs- und Integrationskraft, durch die sich immer mehr Talschaften und Städte dem Bündnis anschlossen. Als erste traten Luzern, Zürich, Zug und Glarus traten bei; Bern folgte etwas später. Auch wenn die nächste große Schlacht mit den Habsburgern bis 1386 auf sich warten ließ, sollte man nicht denken, dass es sich dabei um eine Friedensperiode gehandelt habe. Die Ausdehnung der Schweiz wurde konstant von kriegerischen Aktionen begleitet, von Überfällen und Gefechten bis zu drei vergeblichen Belagerungen Zürichs. Dazwischen fielen mehrmals überschüssige Söldnertruppen aus Frankreich in die Schweiz ein und mussten abgeschlagen werden (1365 und 1375).

Schweizer Hauptleute Der Söldnerdienst ging neben dieser Ausdehnungspolitik ungehindert weiter; man kann sogar sagen, dass sich beide Momente wahrscheinlich verstärkten. Die unruhigen und kriegserfahrenen Reisläufer, die "Kriegsgurgeln" bildeten das Rückgrat der Volksaufgebote, und je mehr die Schweiz expandierte und an Selbstvertrauen gewann, desto mehr Bauernsöhne betrachteten den Kriegsdienst als Broterwerb. Obwohl in der Not auch gut situierte Bürger und Bauern mit den Aufgeboten auszogen, dominierten die Kriegsgurgeln. Ihr wichtigstes Rekrutierungsreservoir waren die Jungmännerbünde, in denen alle unverheirateten Männer, die "Mats" organisiert waren. Die Mats übten sich ständig im Umgang mit Waffen und waren für ihre Streit- und Raublust berüchtigt. In der Heimat hatten sie oft wegen ihrer Vorliebe für Spiel und Alkohol und konstanten Gewaltbereitschaft einen schlechten Ruf und viele sahen es nicht ungern, wenn sie in Italien oder Frankreich für immer verschwanden. Dennoch ruhte die Schweizer Wehrkraft vor allem auf ihnen. Der Historiker Walter Schaufelberger kommt deshalb zu dem Urteil, dass das Hauptgewicht des Krieges "auf allen ruhelosen, unzufriedenen, ja asozialen Elementen aus minderem Volke" lastete. Ganz enorm verstärkt wurde diese Bedeutung noch durch die Möglichkeit, dass sich wohlhabende Schweizer von ihren Dienstpflichten loskaufen konnten, indem sie einen Ersatzmann stellten. Das heißt: der Fremdendienst wurde oft durch eine Art internen Söldnerdienst vorbereitet. Viele Bürger ließen sich durch arme Hirten oder nachgeborene Bauernsöhne beim Wachdienst und vor allem bei Kriegszügen vertreten. In den Städten handelte es sich dabei nicht um Einzelfälle, sondern die Regel. So sollen zur Zeit der Burgunderkriege von 157 Luzernern nur 33 aus Luzern selbst gewesen sein.

Es war ein wildes, archaisches Kriegertum, das seine passende Ausdrucksform im "Gewalthaufen" fand. In diesen gewaltigen Menschenblöcken waren die ersten Glieder mit dem bis fünf Meter langen Langspieß bewaffnet. Ihre Aufgabe bestand hauptsächlich darin, den Ansturm der gepanzerten Reiter abzuwehren, weshalb zunehmend darauf geachtet wurde, dass eine Mindestzahl mit dieser eigentlich unpopulären Waffe ausgerüstet war. Denn die große Masse bevorzugte die Halmbarte (Halm mit Bart), aus der später die Hellebarte wurde. In Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass Spieß und Armbrust aber auch Harnische bei den Schweizern äußerst unbeliebt waren. Sie waren schlecht im Nahkampf zu verwenden und behinderten bei der Verfolgung und beim Beutemachen. Es gab immer wieder Klagen der Tagsatzung (des Parlaments), dass viele Krieger ihre Harnische und Spieße zu Hause gelassen hatten. Manchmal musste den Aufgeboten dann die die notwendige Ausrüstung hinterher geschickt werden, um zumindest die ersten Glieder entsprechend zu bewaffnen. Die eigentliche Stärke war aber der Massendruck des manchmal bis zu 50 Mann tiefen Gewalthaufens. und hier lag auch der grundlegende Unterschied zu anderen mittelalterlichen Fußaufgeboten. Anders als diese beschränkten sich die Schweizer nicht darauf, die Reiter abzuwehren, sondern gingen selbst in einem alles vernichtenden Sturmlauf vor.

1339 schlugen sie bei Laupen erstmals in einer offenen Feldschlacht ein Ritterheer. Zu einem ganz großen Erfolg wurde dann 1386 die Schlacht bei Sempach, in der sie sogar die abgesessen kämpfenden Ritter der Habsburger überrannten. Kurz darauf folgte der Sieg bei Näfels. 1444 wurde zwar ein kleines Schweizer Aufgebot von den Armagnacs – ebenfalls ein Söldnertrupp aus Frankreich – bei St. Jakob an der Birs vernichtet, bereitete seinen Gegnern aber so schwere Verluste, dass diese möglichst schnell abzogen. Die phänomenalen Siege der Burgunderkriege waren so gesehen nur eine weitere Etappe auf einem längst beschrittenen Weg. Man sollte deshalb auch hier nicht geblendet vom Glanz der großen Schlachten die relativ konstante Entwicklung nicht aus den Augen verlieren. Nach Sempach weiteten die Schweizer ihr Gebiet konsequent auf Kosten der Habsburger aus bis diese völlig aus der Schweiz vertrieben waren. Danach folgten Vorstöße über den St. Gotthard nach Italien und das Tessin wurde erobert. Der Zusammenstoß mit Burgund im Elsass und im Waadt waren letztlich nur eine Konsequenz dieser Expansionspolitik.

Aber auch der Fremdendienst hatte sich konstant weiter entwickelt. Bereits vor den Burgunderkriegen dienten große Gruppen Schweizer Söldner bei verschiedenen Fehden im Reich, in Savoyen, Frankreich und Italien. 1465 standen sie sogar im Sold Karls des Kühnen gegen Frankreich. Danach kam das Geschäft allerdings richtig in Schwung. Die immense Beute, die in den Burgunderkriegen gemacht worden war, war der beste Werber. Viele Heimkehrer warfen mit Geld nur so um sich und prahlten mit ihren Heldentaten. So gab es mehr als genug Freiwillige, die bereit waren auf ähnliche Weise ihr Glück zu machen. Alle Versuche der Behörden das Reislaufen zu verbieten - inzwischen machte man sich Sorgen, zu viele Krieger zu verlieren - erwiesen sich als nutzlos. Bald fand man Schweizer in kleinen Gruppen oder als ganze Abteilungen in fast allen Kriegen Westeuropas. Zum Großabnehmer entwickelte sich aber Frankreich, das bald so regelmäßig Truppen in der Schweiz mietete, dass es den Aufbau einer eigenen Infanterie sehr lange vernachlässigte. Im Dienst Frankreichs kamen die Schweizer nach Italien, das sich am Beginn der Neuzeit zum Zankapfel der Großmächte entwickelte und dadurch für Jahrzehnte zum Experimentierfeld neuer Techniken und Taktiken wurde. Als Söldner erlebten die Schweizer dort einige ihre größten Triumphe aber auch einige ihrer bittersten Niederlagen. Vor allem aber wurden die Kriege um Italien zu einem wichtigen Wendepunkt der Schweizer Söldnergeschichte, da dort sowohl das wilde Reisläufertum wie auch die bislang dilettantische aber ungehemmte Außenpolitik der Kantone in ihre Grenzen verwiesen wurden.

Schweizer ziehen 1494 nach Italien Am Ende des Mittelalters war Italien weiterhin in eine ganze Anzahl autonomer Herrschaften zerteilt – u.a. Mailand, Venedig, Florenz, der Kirchenstaat, Neapel. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass dieses fragile Gebilde auswärtige die neuen großen Territorialstaaten geradezu zur Intervention einlud, sobald diese ihre Macht konsolidiert hatten. Als erster erschien Karl VIII. von Frankreich auf der Bühne und machte Erbansprüche auf Neapel geltend. Die Stärke des französischen Heeres waren wie in Burgund die gepanzerten Gens d’armes der Ordonanzkompanien und die mächtige Artillerie. Um das Fußvolk war es dagegen viel schlechter gestellt. Man warb zwar Schützen und Spießen in der Gascogne und der Picardie, doch die waren bestenfalls für Hilfsaufgaben zu gebrauchen. Da die Bedeutung des Fußvolks inzwischen jedoch nicht mehr ignoriert werden konnte, ließ Karl VIII. 1494 insgesamt 10.000 Schweizer anwerben, die dadurch etwa ein Fünftel seiner Truppen stellten.

Diesem mächtigen Heer waren die Condottieri der italienischen Stadtstaaten in keiner Weise gewachsen, und falls doch einmal eine Festung Widerstand zu leisten wagte, wurden ihre mittelalterlichen Mauern in kürzester Zeit zusammengeschossen. Das ganze Unternehmen war militärisch eine Art Spaziergang, bei dem die Franzosen und ihre Schweizer Söldner unerwartet reiche Beute machten. Der schnelle französische Erfolg hatte jedoch nur das Resultat, dass sich alle anderen Parteien – der Papst, Venedig, Mailand, Spanien und Habsburg – zusammenschlossen und die Franzosen zu einem überstürzten Rückzug zwangen. Damit war die lange Reihe der "Italienischen Kriege" eröffnet, die erst 1559 mit dem Frieden von Cateau-Cambrésis zum Abschluss kommen sollten. Die außergewöhnlich lange Dauer ergab sich deshalb, da sich ständig neue Allianzen der Schwächeren gegen den jeweils stärksten bildeten. Die Schweizer wurden dabei sehr schnell zur von allen Seiten umworbenen Eliteinfanterie, da es lange keine Mittel gab den Ansturm ihrer Gewalthaufen zu stoppen.

Um den Schweizern eine vergleichbare Infanterie entgegenstellen zu können hatte Kaiser Maximilian mit der Aufstellung der Landsknechte begonnen, bei denen es sich in Taktik und Ausrüstung um eine Art Kopie der Schweizer handelte. Obwohl die Landsknechte ihren Vorbildern lange nicht gewachsen waren, so waren sie doch die einzigen, die man diesen entgegen stellen konnte. Deshalb warben sogar die Franzosen Landsknechte in großer Zahl als sie selbst mit den Schweizern aneinander gerieten. Diese so genannten Schweizerschlachten, der erbarmungslose Zusammenprall zwischen den Spieße starrenden Gewalthaufen von Landsknechten und Schweizern, gehören dann auch zu den grausamsten Gemetzeln der Söldnergeschichte.

Als sich aber Schweizer und Landsknechte in fremdem Dienst in Italien abschlachteten, gehörten beide bereits zu einer ausklingenden Epoche, standen beide noch mit ihrer Wildheit und ihrem Brauchtum mit zumindest einem Fuß im Mittelalter. Die neue Zeit, deren militärische Grundlagen hauptsächlich in Italien erprobt wurden, gehörte dem Zusammenspiel verschiedener Waffengattungen. 1513 hatten die Schweizer die Landsknechte in französischem Sold noch einfach überrannt. Bereits zwei Jahre später mussten sie jedoch bei Marignano eine schwere Niederlage hinnehmen. Die französischen Gens d’armes hatten durch verlustreiche Flankenangriffe der Schweizer immer wieder gestoppt, so dass es den Landsknechten gelang die gut verschanzte Hauptlinie mit den Geschützen zu halten. Nach zwei Tagen blutigen Ringens zogen die Schweizer ab. Franz I. ließ sie ziehen, denn er wusste, er würde sie noch brauchen.

Neue Einsichten setzen sich unter sieggewohnten Truppen nur schwer durch, und so lernten auch die Schweizer nicht viel. Ein englischer Militärhistoriker bezeichnet den Konservatismus der Schweizer sogar als "ein unverzeihliches Verbrechen" im Krieg. Aber was war schon eine Niederlage nach all den zahllosen Siegen; das nächste mal würden sie einfach noch energischer angreifen, sagten sie sich. 1522 war es dann so weit. Die Schweizer standen jetzt wieder in französischem Sold den kaiserlichen Landsknechten und Spaniern bei Bicocca gegenüber. Da die Kaiserlichen eine gut verschanzte Stellung hielten, wollte der französische Marschall Lautrec mit dem Angriff warten. Doch die Schweizer wollten endlich die Entscheidungsschlacht, um dann mit Sold und Beute nach Hause zu ziehen. Nachdem Lautrec ihren Drohungen nachgegeben hatte, begannen sie mit ihrem üblichen Angriff, dabei wurden sie aber von den spanischen Arkebusieren furchtbar dezimiert und anschließend von den Landsknechten in den vor der Stellung liegenden Hohlweg zurückgetrieben. Drei Jahre später bei Pavia ergriffen sie sogar vor den Landsknechten auf freiem Feld die Flucht. Aber auch Pavia war nicht durch Landsknechte, sondern die gelungene Zusammenarbeit zwischen Artillerie, Schützen, Reiterei und Infanterie entschieden worden.

Vor allem in deutschen Geschichtsbüchern kann man immer wieder lesen die Landsknechte seien bei Bicocca und Pavia mit ihren Lehrmeistern gleichgezogen oder hätten sie gar als überlegen erwiesen. Das ist eindeutig falsch. Während der Hugenottenkriege (1547-89) trafen Schweizer und Landsknechten noch oft genug aufeinander, ohne dass sich die Letzteren als ernst zu nehmende Gegner erwiesen hätten. Doch zu dieser Zeit hatten die Schweizer bereits viel von ihrer anarchischen Wildheit verloren und konnten keine Schlachten mehr allein entscheiden; sie dienten als Eliteinfanterie im Verbund des französischen Heeres.

Die Italienischen Kriege führten aber neben den zahlreichen militärischen Neuerungen noch zu einem politischen Umbruch in der Schweiz, der für den Fremdendienst entscheidend sein sollte. Der lose Staatenbund hatte wie gesagt auch eine relativ erfolgreiche Expansionspolitik betrieben und sein Territorium auf Kosten der Habsburger und Burgunds erweitert. Bereits im frühen 15. Jahrhundert hatten die Schweizer dann auch damit begonnen über die Alpen ins Tessin vorzustoßen, waren dort aber von Mailand zurückgeschlagen worden. Nachdem der Kampf um Italien dann im großen Stil begonnen hatte, war es deshalb nicht erstaunlich, dass die Schweizer auch wieder eigene, "nationale" Interessen verfolgten. Nach größeren Eroberungen im Tessin, besetzten sie 1511 sogar Mailand und wurden so zum Gegner Frankreichs. Unter gewissen Umständen wäre es zu dieser Zeit vielleicht möglich gewesen, dass sich die Schweiz als europäische Großmacht mit Häfen am Mittelmeer etabliert hätte. Doch dazu war die Schweiz letzten Endes viel zu anarchisch, zu föderalistisch. Während der ganzen Zeit warben die Abgesandten Frankreichs, Habsburgs und des Papstes in der Schweiz mit viel Geld für ihre jeweilige Sache. Konnte sich die Tagsatzung also tatsächlich einmal zu einem Kriegszug durchringen, so hieß das noch lange nicht, dass alle Schweizer mitzogen oder im Feld blieben. Vor Marignano ließen sich viele Schweizer Hauptleute von den Franzosen bestechen und zogen mit ihren Kontingenten nach Hause.

Ratsherren zählen den Sold Wenn ihre Heimat bedroht war, eilten die Schweizer immer mit Begeisterung zu den Fahnen. Zog sich ein Feldzug jedoch in die Länge, häuften sich sehr schnell die Schwierigkeiten. Unterschleif und Geldgier der schweizerischen Heeresversorger waren berüchtigt und wurde wahrscheinlich von kaum einem anderen Staat übertroffen. Ein Großteil der politischen Entscheidungsträger, die Räte, Vögte und Ortsvorsteher verdienten seit langem hervorragend an den Pensionen und Geldgeschenken ausländischer Mächte, um im Gegenzug Werbungen zu erlauben. Es gab zwar immer wieder Versuche, das "wilde" Reislaufen zu unterbinden und in feste Bahnen zu lenken. Doch die einfachen Knechte und auch viele Hauptleute scherten sich wenig darum. Schließlich hatten sie auch gute Gründe dafür anzunehmen, dass die Großen ihnen das Reislaufen nur verbieten wollten, weil sie das Geld von der anderen Seite eingestrichen hatten. In der Schweiz hatten ganze Generationen mit dem Krieg glänzende Geschäfte gemacht und Korruption durchzog die Führungsschichten wie ein Krebsgeschwür. Auch als schließlich der Reformator Zwingli gegen den Fremdendienst wetterte, hatte dies nur den Erfolg, dass er sich zahlreiche Feinde in den Urkantonen machte, die ja um ihre Pfründen fürchten mussten, so dass diese streng katholisch blieben.

Da die Reisläufer in dieser Hierarchie ganz weit unten rangierten und fast kontinuierlich betrogen wurden, hatten sie nicht allzu viele Gründe mehr als unbedingt notwendig im Feld zu bleiben. Nach siegreichen Schlachten, vor allem wenn gute Beute gemacht worden war verlief sich manchmal das ganze Heer. Die Reisläufer waren dann einfach nicht mehr zu führen und gingen nach Hause. Wenn sie dennoch Versprechungen oder Drohungen nachgaben, wurden sie meistens durch ausbleibende Versorgung und unterschlagenen Sold eines besseren belehrt. Zentrale Institutionen um solche Missbräuche abzustellen oder zumindest einzuschränken gab es praktisch keine.

Eines besonders peinliches Beispiel war der so genannte "Verrat von Novara". Kurz vor 1500 hatten vor allem die antifranzösischen Kräfte in der Schweiz geworben. Der vertriebene Herzog von Mailand Ludovico Sforza genannt "il Moro" warb sogar 11.000 Schweizer und verjagte mit ihrer Hilfe die Franzosen aus Mailand. Nachdem aber der französische König Ludwig XII. viel Gold in der Schweiz verteilt hatte, gestattete man ihm 24.000 Mann anzuwerben. Mit diesen belagerte er dann Ludovico Sforza in Novara. Dessen Schweizer wollten sich nun mit ihren zahlenmäßig überlegenen Landsleuten nicht schlagen und übergaben die Stadt gegen freien Abzug. Ludovico Sforza hatten sie zwar versprochen, ihn verkleidet aus der Stadt zu bringen, lieferten ihn dann aber doch an Ludwig aus, der ihn in einem französischen Kerker sterben ließ. So ein offenkundiger Verrat war natürlich geschäftsschädigend und so kam es in der Schweiz zu einer großen Untersuchung. Obwohl es sicher viele Schuldige gab, beschränkte man sich schließlich aber darauf einen zu enthaupten.

Am Beginn der Neuzeit, die sie ja mit eingeläutet hatten, fehlte es den Schweizern nicht an militärischer Schlagkraft aber an den politischen Institutionen, um sich auf eine einheitliche Außenpolitik festzulegen und diese dann auch durchzusetzen. Sie blieben deshalb ein loser Staatenbund, der eigentlich erst durch seine gegebene Armut und das Unvermögen, sich auf eine gemeinsame Außenpolitik zu einigen, in die Lage kam, seine Söhne zu seinem Hauptexportartikel zu machen. Diese Situation lässt sich sehr gut mit dem klassischen Griechenland vergleichen. Auch dort hatten sich tapfere Volksaufgebote in spektakulären Freiheitskriegen - gegen Persien - einen ausgezeichneten Ruf als Kämpfer erworben. Da es jedoch nicht gelang, gemeinsame staatliche Institutionen zu schaffen, wurden die Griechen für Generationen zu den wichtigsten Söldnerlieferanten der Antike. Es ist wahrscheinlich auch kein Zufall, dass Griechen und Schweizer ausgerechnet in der Phalanx die ihnen angemessene Form des Kampfes fanden.

© Frank Westenfelder  
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