Ungern-Sternberg

Der blutige Baron und sein Reich in der Mongolei.

Unter all den grausamen und perversen Gestalten, die der russische Bürgerkrieg in nicht geringer Zahl hervorbrachte, nimmt Baron Ungern-Sternberg sicher eine finstere Spitzenposition ein. In Europa erreichte er unter den Bezeichnungen der "blutige" oder der "verrückte Baron" eine gewisse Berühmtheit, in der Mongolei hielten ihn dagegen viele für den "Wiedergeborenen Kriegsgott" oder den "Wiedergeborenen Dschingis Khan". Seiner eigenen Erzählung nach, bei der die Fakten sicher stark von Legenden überwuchert wurden, entstammte die Familie Ungern von Sternberg einer Mischung aus Deutschen, Ungarn und Hunnen. Einige hatten an den Kreuzzügen teilgenommen; einer war als fahrender Ritter durch ganz Europa gezogen und hatte in Spanien ein ruhmvolles Ende gefunden; ein anderer war ein berüchtigter Raubritter gewesen. Ein Teil der Familie war mit dem Deutschen Orden nach Preußen gegangen, wo dann bei Tannenberg zwei Barone der Familie gefallen waren. Da sich der Besitz der Ungern-Sternberg hauptsächlich in Lettland und Estland befunden hatte, waren sie dann russische Untertanen geworden. Ein Ungern-Sternberg hatte sich im indischen Ozean als Seeräuber betätigt, war schließlich von den Briten gefangen und an die russische Regierung ausgeliefert worden. Während seiner langen Zeit in Asien war er Buddhist geworden, was dann auch die Religion seiner Nachkommen wurde.

Baron von Ungern-Sternberg Sein Enkel Roman Feodorovich diente dann in Sibirien als zaristischer Offizier, wurde aber schließlich wegen mehrerer Duelle und wiederholter Disziplinlosigkeit aus der Armee ausgeschlossen. 1912 hatte er die Mongolen  in ihrem Unabhängigkeitskampf gegen China unterstützt. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges war er dann wieder in die russische Armee aufgenommen worden und hatte wegen seiner Tapferkeit schnell Karriere gemacht. Im Bürgerkrieg schloss er sich dann den weißen Truppen unter Koltschak an. Allerdings diente er dort in den Einheiten des Kosaken-Warlords Semjonov, die weitab der Front im östlichen Sibirien auf unbeschreibliche Weise hausten. Ihr Kampf gegen die Bolschewiken bestand vor allem darin, dass sie ungehemmt die Bevölkerung beraubten, zahllose "Verdächtige" ermordeten, Versorgungsgüter der Alliierten unterschlugen und die Flüchtlinge in der transsibirischen Eisenbahn ausplünderten. Obwohl oder gerade weil im Bürgerkrieg blutiger Terror auf beiden Seiten zum Tagesgeschäft gehörte, spricht es Bände, dass Koltschak nach seinem Rückzug nach Transbaikalien einige von Semjonovs Generälen vor ein Kriegsgericht stellen ließ. Ungern-Sternberg entzog sich der Untersuchung indem er sich mit seinen Kosaken in die Mongolei absetzte.

Nachdem Koltschak im Januar 1920 von der Tschechischen Legion, die sich damit ihren freien Abzug erkaufte, an die Rote Armee ausgeliefert worden war, versuchten sich viele der Überlebenden in die Mongolei durchzuschlagen. Manchmal waren es Offiziere mit den Resten von ehemaligen Regimentern, oft aber einzelne oder kleine Gruppen, die sich nun neu formatierten. In Turkestan im Westen etablierte sich Ataman Annenkov mit seinen Orenburg-Kosaken, bei Chiguchack General Bakich und im Altai Colonel Kaigarodov. Die stärkste Gruppe stand jedoch unter dem Kommando Ungern-Sternbergs, der zudem auf starke Unterstützung der Mongolen zählen konnte. Dabei machte er sich die bestehenden Spannungen zwischen Chinesen und Mongolen zunutze. Da die Mongolei lange chinesische Provinz gewesen war, hatte die einheimische Bevölkerung immer mehr Einfluss und Land an zugewanderte Chinesen verloren. Beim Sturz der Mandschu-Dynastie 1911 hatte Russland die Gunst der Stunde genutzt und die Unabhängigkeit der Mongolei unterstützt und so seinen eigenen Einfluss erweitert. China hatte deshalb während des russischen Bürgerkriegs nicht lange gezögert und 1919 das Land erneut besetzt. Neben zahlreichen kleinen Militärposten stand das größte Kontingent in der Hauptstadt Urga (dem heutigen Ulan-Bator).

Ungern-Sternberg hätte sich mit seinen Kosaken und seinen zusammen geraubten Schätzen wie viele andere auch weiter nach Zentralasien oder China durchschlagen können. Er plante jedoch größeres. Zuerst wollte er mit den geflohenen Russen und den Mongolen, die chinesischen Besatzungstruppen aus der Mongolei vertreiben, dann die Bolschewiken in Sibirien vernichten und aus der Mongolei, Transbaikalien und der Mandschurei ein asiatische Reich schaffen, von dem er wie Dschingis Khan gegen Europa vorstoßen wollte. Man kann wohl davon ausgehen, dass der "verrückte Baron" spätestens hier jeden Bezug zur Realität verloren hatte. Um so erstaunlicher ist es, dass es ihm 1921 mit einer winzigen Armee aus Russen, einigen freiwilligen und noch mehr gepressten Mongolen, Burjäten und Tibetern tatsächlich gelang, sich für einige Monate zum Herrn der Mongolei zu machen.

Man kann die groben Fakten in Lexika nachlesen. Ungern-Sternbergs Schicksal wurde in zwei historischen Romanen und einem französischen Comic verarbeitet, doch dabei verschwindet allzu viel von den Ereignissen hinter Hypothesen und purer Fiktion. Etwas genauer, wenn auch deutlich beschönigend, berichtet Ossendowski in seinem Buch "Tiere, Menschen und Götter" vom Terrorregime des Barons in Urga. Uns interessiert aber viel mehr die Perspektive der einfachen Soldaten, die dort in der Mongolei einen verzweifelten und absurden Kampf im Dienst eines wahnsinnigen Tyrannen ausfochten und sich dabei anscheinend von seinem kranken Geist infizieren ließen, so dass sie in ihrer Verrohung die letzten Reste der Zivilisation abstreiften. Von ihren Strapazen während der Flucht, der unglaublichen Härte und der Grausamkeit der Kämpfe in der eisigen Steppe berichtet ein gewisser Dimitri, der das meiste aus allernächster Nähe miterlebt hatte.

Dimitri hatte am Weltkrieg als Artillerist teilgenommen und sich nach der Revolution dann wie viele Offiziere den Truppen Koltschaks angeschlossen. Nachdem seine Einheit bald nach Koltschaks Ende von der Roten Armee bei Irkutsk zerschlagen worden war, gelang es ihm sich verkleidet als deutscher Kriegsgefangener langsam zu Fuß in die Mongolei durchzuschlagen. Auch in der Mongolei herrschte Bandenkrieg übelster Sorte, in dem sich Chinesische Soldaten, Nomaden, Kosaken, Weiße und Rote erbittert bekämpften. Da jede Gruppe panische Angst vor Spionen hatte, suchte man ständig nach Verrätern, die dann ein grausamer Tod erwartete. Natürlich wurden dabei weit mehr Unschuldige als echte Spione hingerichtet. Ein einzelner Flüchtling hatte in diesem Chaos keine Chance, und so schloss sich Dimitri einer Gruppe weißer Kosaken an. Einige neue Freiwillige beschreibt er folgendermaßen: "Sie waren unterernährt und mangelhaft gekleidet, ohne Munition. Sie waren gefährliche Männer, bereit zu beißen und zu töten. Töten bereitete ihnen großes Vergnügen, nicht nur weil es ihren eigenen Tod hinausschob, sondern auch weil es sie stärkte, sie mit Munition, Essen und Kleidung versorgte."

mongolische Räuber Gemeinsam begannen sie ein wildes Räuberleben. Sie schlugen sich mit anderen Gruppen und überfielen kleinere Chinesische Außenposten, deren Besatzung sie gnadenlos massakrierten. Gefangene wurden nie gemacht. Als sie einmal in einem Gefecht eine andere Bande zerschlagen hatten, gab es für die Überlebenden keine Gnade. "Wie hungrige Wölfe mit bösen Blicken saßen sie auf dem Boden in der Ecke des Hofs. Wir gaben ihnen Picken und Schaufeln, und sie gruben ihre eigenen Gräber. Taub gegenüber ihren Protesten, Bitten und Seufzern, erstachen wir die zwei Mongolen, und der Chinese begrub sie. Wir hängten den dritten Banditen an seinem Zopf, da es eine unverdiente Gnade gewesen wäre, einen Chinesen schnell zu töten. Er starb später nach langen Todesqualen und unsere Hunde fraßen ihn in den nächsten Tagen. Ich beobachtete all das und beteiligte mich an einigem. Wenn ein Mann durch all das gegangen ist, was ich seit der Revolution erlebt hatte, verliert er viele seiner zivilisierten Eigenschaften."

Fast erstaunt registriert Dimitri den Verrohungsprozess an sich und seinen Kameraden. Das hielt sie dennoch nicht davon ab, manchmal wehmütige russische Lieder zu singen. Besonders sentimental feierten sie Weihnachten, wobei der Baum mangels anderer Dinge mit Patronenhülsen und bunten Stofffetzen behängt wurde. In dieser Zeit hörten sie auch immer mehr vom verrückten Baron, der Ende Oktober 1920 vergeblich versucht hatte Urga zu stürmen. Von der weit überlegenen chinesischen Garnison abgeschlagen, hatte er am Kerulen ein Winterlager bezogen und sammelte nun neue Kräfte. Aber auch unter Dimitris abgebrühten Kameraden galt Ungern-Sternberg als perverser Sadist. So hatte er bei seinem überstürzten Rückzug von Urga die Schwerverwundeten einfach vergiften lassen, da sie seinen Marsch behinderten. Geradezu besessen suchte er ständig unter seinen eigenen Truppen nach "Verrätern", die er oft zu seinem persönlichen Vergnügen zu Tode foltern ließ. Einige wurden langsam über Feuern gegrillt, andere ließ er von seinen Wölfen zerreißen, die meisten wurden aber in guter alter Kosakentradition totgepeitscht. Um die Disziplin unter seinen aufrecht zu erhalten, wurden auch Offiziere bei den geringsten Anlässen gepeitscht. Eine andere äußerst beliebte Strafe war es, die Delinquenten mehrere Tage auf dem Eis eines Flusses oder einem Dach ausharren zu lassen.

Unter diesen Umständen hielt es Dimitris Gruppe für besser, ihren eigenen Krieg zu führen. Als sie sich stark genug fühlten, unternahmen sie Einfälle nach Russland. Dort gelang es ihnen sogar einige bolschewistische Außenposten zu überraschen und niederzumachen. Danach zogen sie sich wieder in die Mongolei zurück und versuchten ihr Glück an anderer Stelle. Damit hatten sie sogar einen gewissen Erfolg, bis die Rote Armee eine Abteilung sibirischer Scharfschützen auf sie ansetzte. Nur unter schweren Verlusten konnten sie sich jetzt den Weg zurück freikämpfen. Als sie endlich ihre hartnäckigen Verfolger abgeschüttelt hatten und noch dabei waren ihre Wunden zu lecken, wurden sie vom Regiment eines mongolischen Prinzen im Dienst Ungern-Sternbergs gestellt. Nun blieb ihnen keine Wahl mehr, sie mussten sich den Truppen des Barons anschließen.

Sie landeten zuerst in der Abteilung von Oberst Kazagrandi, der mit 500 Mann in Bangai Kure herrschte. Ossendowski, der ihm auch kurz begegnet war, nennt ihn zwar "einen Mann aus guter Familie, einen erfahrenen Ingenieur und trefflichen Offizier." Allerdings scheint Kazagrandi fast genauso mordlustig wie der Baron gewesen zu sein. Der wesentliche Unterschied war nur, dass Kazagrandi hauptsächlich aus Geldgier töten ließ. Reiche Händler, auch wohlhabende russische Kolonisten verschwanden in seinem Machtbereich meistens spurlos und ihr Besitz wanderte in Kazagrandis Taschen. Auf unliebsame Zeugen oder Offiziere, die sich Kritik anmaßten, wartete ein ähnliches Schicksal.

Durch den Angriff auf Urga hatte sich die Lage der Russen, von denen einige tausend Kaufleute, Kolonisten und Flüchtlinge im Land waren, dramatisch verschlechtert. Die Chinesen hatten alle Russen in Urga verhaftet und in engen Käfigen zusammengepfercht, dort vegetierten sie nun unter unmenschlichen Verhältnissen. Diejenigen, die sich an anderer Stelle im Land aufhielten, versuchten sich teilweise nach China oder Mandschuko durchzuschlagen, den meisten blieb jedoch keine andere Wahl als sich Ungern-Sternbergs Truppen anzuschließen. Im Gegensatz zu den Kosaken handelte es sich bei ihnen jedoch hauptsächlich um Zivilisten die keine oder nur wenig Kriegserfahrung hatten.

mongolischer Soldat In der Armee, die der Baron am Kerulen sammelte galt folgende Rangordnung: An erster Stelle stand das mongolische Regiment, das seine Leibwache bildete und sich bei Unterkunft und Verpflegung zahlreicher Privilegien erfreute. Danach kamen die Burjäten und die Tartaren. Diesen folgte ein japanisches Korps. Erst dann folgten die Regimenter aus gepressten Mongolen und die aus russischen Zivilisten, die allgemein sehr verachtet wurden. Aber ganz am anderen Ende rangierten die Weißrussen und Kosaken. Sie waren "dreckig, zynisch und grausam" und das eigentliche Rückgrat der ganzen Armee. Dennoch richtete sich der Hass des Barons vorwiegend gegen sie. Fast alle waren ehemalige Offiziere der zaristischen Armee, die ihn einst ausgestoßen hatte, und das ließ er sie bei jeder Gelegenheit spüren. Immer wieder ließ er einzelne als Verräter hinrichten, oder verteilte großzügige Prügelstrafen. Wie wenig ihm das Schicksal seiner Soldaten bedeutete, wird besonders durch einen Vorfall unterstrichen. Als sich aufgrund der schlechten Versorgung die Krankheitsfälle wegen Skorbut häuften, befahl er dem leitenden Arzt einfach alle Kranken im Lazarett zu vergiften, was dieser auch ohne Zögern tat. Danach gab es keine Krankmeldungen mehr. Die Soldaten zogen es vor, in ihren Jurten zu sterben.

Ende Januar 1921 begann der Baron einen neuen Angriff auf Urga vorzubereiten. Von militärischen Planungen oder Strategie hielt er allerdings absolut. Statt dessen befragte er die zahlreichen mongolischen Schamanen und Lamas in seinem Gefolge, die mit Hilfe verkohlter Schulterknochen von Schafen die Zukunft voraussagten. Als diese nun einen günstigen Termin gefunden hatten, befahl er vor dem Abmarsch eine abschließende Musterung. Erkennbar Kranke und Juden wurden dabei sofort erschossen. Verdächtige "Rote" entlarvte der Baron selbst. Da er von seine höheren Fähigkeiten überzeugt war, hielt er es für ausreichend, jedem Soldaten ins Gesicht zu blicken, um Verräter sofort zu erkennen. Nach diesen Säuberungen, denen Hunderte zum Opfer fielen, blieben ihm nach Schätzungen um die 2.000 Mann; die Chinesen hatten ungefähr 12.000 in Urga.

Überreste von Ungern-Sternbergs Eroberungen Mehrere Tage zog diese Truppe verzweifelter Männer durch Schneestürme und grausame Kälte über das Hochplateau nach Urga. Trotz der feindlichen Übermacht wollten sie kämpfen, allerdings nicht für hohe Ziele, sondern für Essen, Kleidung, warme Unterkünfte und Beute. Zudem hatte ihnen der Baron versprochen, dass sie nach einem Sieg drei Tage ungestört plündern dürften. Nachdem kurz vor der Stadt die Lamas noch einmal ausgiebig ihre Orakel befragt hatten, begann der Angriff. Die Schlacht um Urga dauerte mehrere Tage. Gleich am Anfang flohen viele Mongolen vor der chinesischen Artillerie und auch mit den russischen Zivilisten war nicht viel zu erreichen. Doch die Veteranen des Bürgerkrieges eroberten zuerst die Vorstädte. Sie wussten, dass sie keine andere Chance hatten. Die Verwundeten wurden auf zweirädrigen von Yaks gezogenen Karren zurück transportiert. Das dauerte Tage, und bis dahin waren die meisten erfroren. Schließlich drangen die Kosaken in die Innenstadt vor und es begann ein blutiger Nahkampf, mit Bajonetten Säbeln und Handgranaten. Schließlich waren die gepressten chinesischen Bauern diesen Wilden nicht mehr gewachsen und versuchten zu fliehen, was allerdings nur wenigen gelang. Diejenigen, die ihren Verfolgern entkamen, verdursteten oder erfroren zu tausenden bei ihrer Flucht nach Süden durch die Gobi. Noch Jahre später war die Straße mit Knochen übersät.

Damit begann das allgemeine Gemetzel. Es folgte ein dreitägiger Alptraum aus Vergewaltigung, Raub und Mord. "Betrunkene Reiter galoppierten durch die Straßen, schossen und töteten aus purem Spaß". Gesteigert wurde diese Gewaltorgie noch, als die russischen Gefangenen aus den Gefängnissen befreit wurden. Halb wahnsinnig vor Hunger und voller Rachegelüste ergossen sie sich in die Straßen. Die Juden wurden durch die Straßen gejagt und zu Tode gequält; auch die chinesischen Händler teilten dieses Schicksal. Viele Frauen wurden brutal vergewaltigt; andere boten sich im Tausch gegen das Leben ihrer Männer oder Söhne freiwillig an und wurden dennoch oft betrogen. Der Baron ließ seine Männer gewähren, wahrscheinlich fühlte er sich nun wirklich wie Dschingis Khan. Erst nach den zugesagten drei Tagen sorgte er mit eiserner Faust wieder für Ruhe.

Kurz darauf wurde eine chinesische Entsatzarmee, die noch nichts vom Fall von Urga erfahren hatte, vernichtend geschlagen. Anscheinend rechnete Ungern-Sternberg nun mit einem größeren Bedarf an Soldaten, denn er ließ nun nur die Offiziere erschießen, während die Mannschaften in seine Armee eingereiht wurden. Einige wenige Monate, nur so lange wie sein sprunghafter kranker Geist es zuließ, kümmerte er sich um den Aufbau seines Reiches. Er ernannte ein Kabinett, ließ Geld drucken, Steuern erheben, und natürlich mongolische Soldaten ausbilden. Dabei schmiedete er Pläne mit anderen weißrussischen Warlords unter General Semenov, die sich ganz im Osten im Amurgebiet unterstützt von den Japanern noch hielten. Zusammen planten sie einen großer Schlag gegen die Bolschewisten.

mongolische Soldaten Am 27. Mai wurde die letzte Musterung abgehalten, dann begann der Marsch nach Norden. Dieses Mal verzichtete der Baron zwar auf größere Säuberungen innerhalb der Truppe, dafür ließ er aber die in Urga bleibenden russischen Zivilisten ermorden, da er keine Zeugen zurücklassen wollte. Wieder gab es keine genaueren Pläne, dafür hatte Ungern-Sternberg ja seine buddhistischen Lamas mit ihren Gebetsmühlen und Orakeln aus Tierknochen, die sie immer häufiger befragen mussten. Auch Truppenstärke hielt er für sekundär, da er der festen Überzeugung war, dass sich die russische Bevölkerung bei seinem Erscheinen sofort gegen die Bolschewisten erheben und zu seinen Fahnen eilen würde. Um so erboster war er, als die Russischen Bauern dann voller Panik in die Berge flohen. Im ersten "befreiten" Dorf ließ er deshalb die wenigen Zurückgebliebenen in einer Scheune verbrennen. Nachdem noch einige andere Dörfer erobert worden waren, wurden einige Tage mit der Befragung von Orakeln vertan. Dann rückten die ersten Abteilungen der Roten Armee an. Bald waren Ungern-Sternbergs Truppen umzingelt und gerieten in mörderisches MG-Feuer. Nur durch Erfahrung der alten Veteranen, die auch in verzweifelten Situationen stoisch die Ruhe bewahrten, gelang es auszubrechen und in die Mongolei zu entkommen. Dabei ging jedoch die gesamte schwere Ausrüstung samt der Artillerie verloren. Dimitri kommentiert die Ereignisse so: "Er wurde von einem viel schwächeren Gegner, der nur halb so viel Artillerie und Männer hatte, geschlagen. So wurden die Mysterien der Schafschultern vom gesunden Menschenverstand der Kommunisten besiegt."

In der Mongolei sammelte Baron Verstärkungen von anderen Detachements und neue mongolische Regimenter, und stieß noch einmal nach Russland vor. Wieder wurden ein paar verlassene Dörfer erobert. Schließlich gelang es sogar eine rote Kavallerieabteilung zu schlagen. Die Gefangenen wurden alle erschossen, die Krankenschwestern dagegen der Soldateska übergeben - nicht eine überlebte die Vergewaltigungen. Bald waren jedoch neue Abteilungen der Roten Armee zur Stelle, darunter die gefürchteten sibirischen Scharfschützen. Ungern-Sternbergs Truppen hielten kämpften zwei Tage verzweifelt, dann begann der überstürzte Rückzug in die Mongolei.. Allerdings hatte sich die Lage nun gewaltig verschlechtert, denn die Rote Armee hatte inzwischen Urga und die meisten größeren Orte im Norden erobert. So zog sich der Ring der Verfolger immer enger.

Burjäten und Kosaken desertierten in Massen, und die Verbleibenden waren nicht mehr bereit, den wahnsinnigen Befehlen des Barons zu folgen. Allerdings hatten sie immer noch panische Angst vor ihm. Deshalb beschossen sie in einer Nacht sein Zelt mit einem Maschinengewehr. Aber der Baron entkam unverletzt, und floh zu Pferd zu seinem treuen Burjätenregiment. Als ihn die aber mit einer Salve empfingen, ritt er weiter zu den Mongolen. Doch die ergriffen vor ihm die Flucht. Schließlich überwältigten ihn einige der Tapfersten. Da sie aber nicht wagten ihren wiedergeborenen Kriegsgott zu töten, ließen sie ihn gebunden in Steppe zurück. So fand ihn eine rote Patrouille. Als wichtiger Gefangener wurde er gut behandelt und nach Sibirien gebracht. Dort wurde ihm dann im September 1921 der Prozess gemacht. Kurz darauf wurde er in Nowosibirsk hingerichtet

Soldaten? Nach Ungern-Sternbergs Flucht wurden im Lager zuerst seine treuen Diener und Spitzel massakriert. Die gepressten Nomaden ritten zu ihren Stämmen zurück oder nahmen in kleinen Gruppen ihr altes Räuberleben wieder auf. Auch die überlebenden Kosaken teilten sich. Dem Gros gelang es, nach Südosten auf chinesisches Gebiet zu entkommen. Zu ihrem Glück zeigten sich die Chinesen wenig rachsüchtig. Nach Abgabe der Waffen transportierten die Truppe mit der Bahn nach Wladiwostok, wo sie sich Semenovs Kosaken anschließen konnten. Andere versuchten sich nach Mandschuko durchzuschlagen. Dimitri wollte dagegen mit einer relativ kleinen Gruppe über Tibet nach Indien in englisches Gebiet. Im Altai verweigerten ihnen allerdings die kriegerischen Stämme den Durchzug, da sie in ihnen nichts als räuberische Banditen sahen. "Tatsächlich haben Wilde und Kinder ihre eigene Logik, eine furchtlose Logik, die die Sachen bei ihrem richtigen Namen nennt," musste Dimitri zugeben.

Also wandten sie sich wieder nach Süden, wo es ihnen schließlich gelang mit der Hilfe Einheimischer in zwei Monate die Gobi zu durchqueren. Als sie endlich chinesisches Gebiet erreichten, machten auch sie keine schlechten Erfahrungen. Der in dieser Region herrschende Warlord war ein strenger Antikommunist und wollte sie sofort als Ausbilder engagieren. Aber auch nachdem sie abgelehnt hatten, erhielten sie Verpflegung und freien Bahntransport von Baotou nach Peking. Dort löste sich die Gruppe dann auf. Einige fuhren nach Wladiwostok, um sich einem anderem weißen General anzuschließen, zwei Kosaken gingen nach Indochina in die Fremdenlegion, andere blieben in China. Damit waren sie nicht untypisch für die zahlreichen Reste der zerschlagenen Weißen Armeen, die um diese Zeit in China eintrafen. Viele dienten anschließend als Söldner chinesischen Warlords, endeten in der Fremdenlegion oder als Türsteher in Pariser Nachtclubs. Unter den chinesischen Gangstern in Shanghai gehörte es jedenfalls bald zum guten Ton, sich einige Kosaken als Leibwächter zu halten.

© Frank Westenfelder  
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