Zwischen Weiss und Rot

Die Kriegsgefangenen im russischen Bürgerkrieg.

Admiral Koltschak "Schmidt, kannst du schießen? [...] Kannst du reiten?" Nachdem der Kriegsgefangene beide Fragen mit ja beantwortet hatte, wurde er unter dem Namen Schmidt Kosak in Koltschaks sibirischer Armee. Er war bereits 1915 in russische Gefangenschaft geraten und dann in ein Lager nach Sibirien geschickt worden. Insgesamt befanden sich fast zwei Millionen Angehörige der Mittelmächte als Kriegsgefangene in Rußland, viele davon in Zentralasien oder in Sibirien. In den meisten Lagern waren die Zustände so katastrophal, daß jährlich Zehntausende an Skorbut, Flecktyphus und anderen Krankheiten starben. War die Not immer einer der erfolgreichsten Werber gewesen, so war es inzwischen völlig undenkbar Deutsche oder Österreicher zu rekrutieren. Deshalb beschränkte sich die Entente auf die Slawen der Donaumonarchie in den russischen Gefangenenlagern, die dann in der Tschechischen Legion in Frankreich eingesetzt werden sollten, da England und Frankreich die Kosten für ihre Ausrüstung übernommen hatten.

Das änderte sich jedoch mit der Kapitulation der Mittelmächte und dem russischen Bürgerkrieg. Plötzlich wurden die "Plennys", wie die Gefangenen nach dem russischen Wort Woennoplennyj für Kriegsgefangener genannt wurden, von allen Seiten umworben. Verglichen mit früheren Zeiten war die Resonanz jedoch ausgesprochen gering. Die Plennys wollten nach Hause, und sie hielten es für ihr gutes Recht, daß man sie ziehen ließ. Doch nachdem die Weißen Sibirien und die Ukraine kontrollierten war an eine Heimkehr durch das europäische Rußland nicht mehr zu denken. Die Plennys waren im asiatischen Teil abgeschnitten und gerieten dabei immer mehr zwischen die Fronten. Da die Siegermächte ihrer eigenen Bevölkerung zur Unterstützung der Weißen keinen neuen Krieg zumuten konnten, beschränkten sie sich bei ihrer Intervention auf kleine Expeditionskorps, Fremdtruppen und die Lieferung von überschüssigem Kriegsmaterial. So schickte Frankreich Griechen, Polen, Senegalesen und Algerier in die Ukraine, und Großbritannien finanzierte die Tschechische Legion in Sibirien. Die Tschechen, die sich aus Patriotismus freiwillig gemeldet hatten, kämpften nun für englische Bergbaukonzessionen und Weltmachtinteressen. Viel war unter diesen Umständen allerdings nicht von ihnen zu erwarten. Sie brachten die transsibirische Eisenbahn unter ihre Kontrolle und bekamen dadurch den einzigen Rückweg und den gesamten Nachschub in ihre Hand. Dieses Monopol nutzten sie in echter Söldnermanier gnadenlos zur Bereicherung. Während ihre beutebeladenen Züge nach Wladiwostok rollten, gaben russische Flüchtlinge ihren Schmuck für eine Fahrkarte oder ein paar Lebensmittel. Der Terror der Tschechen trieb viele Russen ins Lager der Bolschewisten, die versprachen das Land von den ausländischen Imperialisten und ihren Soldknechten zu befreien.

Panzerzug der Tschechischen Legion Vor allem aber bekamen die Plennys den Haß der Tschechen zu spüren. Gleich nach dem Zusammenbruch Rußlands kursierten bei den Alliierten Gerüchte, daß ganze Scharen bewaffneter Kriegsgefangener kurz davor stünden, die Macht in Sibirien an sich zu reißen. Dazu kam, daß die Bolschewisten als Agenten der deutschen Obersten Heeresleitung galten, und einige russische Offiziere deutsche Namen trugen. Abgesehen von diesen Falschmeldungen begannen die Roten als erste mit der Werbung von Kriegsgefangenen und bildeten aus ihnen internationale Regimenter. Um ein deutsch-bolschewistisches Bündnis zu verhindern, wurde die Legion mit der Bewachung der Lager beauftragt. Für die Tschechen waren die Gefangenen damit nicht nur eine potentielle Hilfstruppe der feindlichen Roten, sondern auch die Hauptursache dafür, daß sie immer noch in Sibirien festgehalten wurden. Zudem fühlten sich die Tschechen seit Jahrhunderten von der deutschsprachigen Oberschicht ihrer Heimat unterdrückt, und die Legionäre hätten im Fall eines Sieges der Mittelmächte keine Gnade erwarten können. Unter den Grausamkeiten der Legionäre und weißer Kosakenabteilungen hatten die Gefangenen nun noch viel mehr zu leiden als unter der korrupten zaristischen Verwaltung, was wiederum einige ins Lager der Roten führte.

Die Anzahl der ehemaligen Kriegsgefangenen in der Roten Armee wird auf knapp eine viertel Million geschätzt. Die sozialistische Geschichtsschreibung bezeichnet sie durchweg als Internationalisten, die sich aus Überzeugung der Revolution angeschlossen hätten. Das trifft sicher in vielen Fällen zu. Denn nach dem verlorenen Krieg warteten viele Sozialisten auf den Beginn der Weltrevolution, und schlossen sich nun aus Idealismus den Bolschewisten an. Obwohl sicher eine gehörige Portion Abenteuerlust dazu gehörte, nach den Strapazen und Leiden der Gefangenschaft wieder zur Waffe zu greifen, kann man diese Männer sicher nicht als Söldner oder Untergesteckte bezeichnen. Aber es gab genug andere Fälle.

Soldaten der Roten Armee Der Bericht des Österreichers Rudolf Köstenberger zeigt deutlich, daß viele Plennys aus Angst um ihr Leben in die Rote Armee eintraten und dann dort ähnlich benutzt wurden wie die Tschechen von den Alliierten. Da Turkestan durch die Uralkosaken vom europäischen Rußland abgeschnitten war und zudem von Gegenrevolutionen erschüttert wurde, versprachen die Volkskommissare den Gefangenen die Heimreise unter der Bedingung, daß sie sich den Weg selbst freikämpfen würden. Nachdem immer wieder Gefangene von den Weißen ermordet wurden, trat der Großteil in den Dienst der Roten Armee. In Panzerzügen wurden sie von einem Brennpunkt an den nächsten geworfen und kämpften gegen Aufständische in Buchara, die Kosaken im Westen, die Tschechen im Norden und die Briten, die im Süden von Persien aus vorstießen. Es war ein wilder Bandenkrieg. Gefangene wurden selten gemacht, Kosakenführer wechselten die Fronten und alle Parteien plünderten hemmungslos. Die Beschreibung eines Plennys, der die Internationalisten in Taschkent beobachtete, erinnert an längst vergangene Zeiten: "Schwer ruhm-, aber noch mehr beutebeladen war die Truppe aus dem gelobten Lande Buchara zurückgekehrt. Keinen Pferdewärter gab es, der nicht mindestens sieben güldene Ringlein trug und Geld, Geld hatte wie Mist. Das ganze Regiment schacherte. Vom Goldring bis zum Pokal herrlichster Goldschmiedekunst, vom gewöhnlichen Chalat bis zum seidenen, reich gold- und silberbestickten Prunkgewand wurde alles gehandelt. Dazu Indiens Perlen und Edelsteine, Perser und Dekinyerteppiche. Lüsterne Beutegier hatte selbst die berühmten Riesenknüpfteppiche des geflüchteten Emirs zum leichteren Transport zerschnitten; unschätzbare Werte vernichtet."

Trotz solch gelungener Raubzüge wollte die überwiegende Mehrzahl der Freiwilligen, die mittlerweile eine eigene Legion gegründet hatten, nach Hause. Als im Frühjahr 1919 Orenburg von der Roten Armee zurückerobert wurde, wodurch die Bahnverbindung nach Europa wieder frei war, forderten die Vertreter der Legion von den Sowjets die Heimreise. Doch diese benötigten jeden Mann und dachten nicht daran, ihr Versprechen einzulösen. Erst als die Legionäre ihre Geschütze auf die Stadt richteten und damit drohten ihre Abfahrt mit Gewalt zu erzwingen, waren die Sowjets zu Verhandlungen bereit. Die Legionäre erhielten Entlassungspapiere und einen Zug, mußten dafür aber ihre Waffen abgeben. Wie die meisten Meuterer kamen sie nicht weit. Kurz darauf wurden sie von Milizionären gestoppt und als "konterrevolutionäre Deserteure" verhaftet. Ein Teil wurde als Fabrikarbeiter eingesetzt, die anderen landeten im Lager, bis sie sich wieder zur Roten Armee meldeten, wo dann die meisten in den Kämpfen gegen Koltschak in Sibirien zugrunde gegangen sein sollen. Die Legionäre, die Buchara plünderten und sonst im wesentlichen für ihre Rückfahrt kämpften, waren sicher keine überzeugten Internationalisten, sondern Söldner, die sich der Not gehorchend in die Truppen des Siegers einreihen ließen.

Noch deutlicher werden diese Vorgänge aber in den weißrussischen Armeen. Denn hier gab es für die Plennys so gut wie keine idealistischen Motive, um die praktischen Erwägungen zu verschleiern. Der Kosak Schmidt ist eines dieser Beispiele. Er hatte keine besonderen politischen Vorlieben; ihn trieben allein Not und Abenteuerlust. Als die Bolschewisten in den ersten Wirren die Kontrolle des Lagers übernahmen, war dort das Elend so groß, daß es nur dem Zureden der Älteren zu verdanken war, daß sich die Gefangenen nicht "massenhaft" zur Roten Armee meldeten. Auch Schmidt hätte sich ihnen gerne angeschlossen, war aber gerade an Malaria erkrankt. Das war sein Glück; denn nachdem die Weißen kurz darauf die Stadt eroberten, brach ein furchtbares Strafgericht über die Bolschewisten und ihre vermeintlichen Sympathiegänger herein, dem auch viele Gefangene zum Opfer vielen. Im Januar 1919 floh Schmidt dann mit der transsibirischen Eisenbahn Richtung Wladiwostok, in der Hoffnung dort ein Schiff nach Europa zu erwischen. Da er während seiner Gefangenschaft oft bei Bauern gearbeitet hatte, sprach er ganz gut russisch und fiel in dem allgemeinen Chaos nicht weiter auf. Seinen Mitreisenden blieb seine Identität natürlich trotzdem nicht verborgen, aber die Bauern und entlassenen Soldaten in dem überfüllten Viehwaggon hatten Verständnis für seine Situation und verbargen ihn bei Kontrollen. Nach einem Streit wurde er dann aber doch als "bolschewistischer Spion" denunziert und von den Weißen verhaftet. Zusammen mit einer ganzen Gruppe mutmaßlicher Spione wurde er im Schnellverfahren zum Tod verurteilt. Als es ihm dann doch noch gelang, den Führer der Kosaken davon zu überzeugen, daß er nur ein entlaufener Plenny war und noch nie bei den Roten gedient hatte, wurde er ebenso schnell zum Kosaken begnadigt.

Doch er hatte wieder Glück. Seine Truppe war östlich des Baikalsees stationiert, wo die Japaner die Städte fest im Griff hatten. Die Kosaken nutzten die Streifzüge ins Hinterland, um die Dörfer der roten Sympathisanten, worunter eigentlich die gesamte Landbevölkerung verstanden wurde, hemmungslos auszuplündern. Schmidt selbst spricht von einem "wüsten Räuberleben". Da Koltschaks Armee jedoch zu dieser Zeit siegreich weit westlich des Ural vorstieß, wurden die Ausländer in der Etappe entlassen. Auch Schmidt erhielt ordentliche Papiere und fuhr mit der Bahn ganz offiziell nach Wladiwostok. Dort war aber keine Schiffspassage zu bekommen, und er hatte sein Geld bald ausgegeben und strich hungrig durch die Straßen. Als er hörte, daß die Amurflotte Koltschaks Freiwillige einstellte, meldete er sich als Matrose. Er diente jetzt auf einem kleinen Dampfer, mit dem Truppen zu Strafexpeditionen an der Küste und auf den Flüssen transportiert wurden. Dabei wurden wieder Dörfer niedergebrannt und Gefangene meistens sofort erschossen. Selbst die freie Zeit zwischen diesen "militärischen" Einsätzen wurde von der Besatzung regelmäßig zu Raubzügen verwendet. Bei den Kämpfen stellte Schmidt zwar mehrfach fest, daß die Moral der Roten der von Koltschaks "Söldnern" weit überlegen war, dennoch störte er sich nicht weiter am Treiben seiner Kameraden.

Amerikanische Soldaten und japanisches Schiff in Wladiwostok

Nachdem sich aber der Sieg der Roten immer mehr abzuzeichnen begann, planten die Offiziere den Dampfer zu übernehmen und auf eigene Faust weiter zu rauben. Sie wollten zur Goldsuche nach Kamtschatka und hätten vielleicht auch ihr Glück als Piraten im chinesischen Meer versucht, wo es in den zwanziger Jahren von weißrussischen Offizieren und Kosaken nur so wimmelte. Als Schmidt gefragt wurde, ob er sich diesem Unternehmen anschließen wolle, antwortete er aus Abenteuerlust mit einem "bedingungslosen Ja". Da der Coup jedoch immer weiter hinausgeschoben wurde, und der Zusammenbruch der Koltschakarmee immer krassere Formen annahm, hielt er es für angebracht, den Weißen endgültig den Rücken zu kehren. Während seiner Aufenthalte in Wladiwostok hatte er sich mit einem amerikanischen Unteroffizier der Interventionstruppen angefreundet, der zum Wachpersonal eines Gefangenenlagers gehörte. Von ihm erhielt er die Papiere eines geflohenen Ungarn und wurde im Januar zum Prisoner of War Nummer 621. Die Russen vermißten ihn nicht weiter, sein Freund hielt seine Bestandsliste in Ordnung, und er selbst kam im April mit einem amerikanischen Schiff in die Heimat.

© Frank Westenfelder  
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