Fremdenlegionäre in Indochina

Nur raus aus dem kaputten Deutschland.

Fremdenlegionäre in Indochina Um den Einsatz der Deutschen in der Fremdenlegion während des Indochinakrieges ranken sich viele Legenden. Am beliebtesten sind solche vom überwältigen Anteil der Deutschen, unter denen sich zahllose Angehörige von Wehrmacht und Waffen-SS befunden haben sollen. Deutsche Zeitungen überboten sich mit ihren Schätzungen und der Spiegel – auch damals schon am großen Spektakel interessiert – berichtete 1949 von 40.000 deutschen Fremdenlegionären in Indochina. Das war ungefähr da Doppelte aller Legionäre vor Ort. Peter Scholl-Latour kolportierte dann noch 1979 effekthascherisch in seinem Buch "Der Tod im Reisfeld": "Die Fremdenlegionäre jedoch, zu achtzig Prozent Deutsche, seien zum Sterben angetreten wie in einer mythischen Gotenschlacht." War die deutsche Presse hauptsächlich daran interessiert ihren Lesern den Indochinakrieg als eine Art Unternehmen mit überwiegend deutscher Beteiligung zu verkaufen, so vermarkteten sich im Ausland Geschichten von alten Nazis und SS-Veteranen hervorragen. Typisch für diese beliebten Schauermärchen ist ein Machwerk unter dem Titel: "Devil’s Guard. The Incredible Story Behind the French Foreign Legion’s Nazi Battalion in Indochina." Erst in neuerer Zeit wurde dieses Bild durch die Studien von Douglas Porch und besonders Eckhard Michels von solchen Legenden befreit.

Als man in Frankreich fast sofort nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bemerkte, dass ein Krieg um den Besitz von Indochina nicht zu vermeiden wäre, wurde die Fremdenlegion dabei entscheidend mit in die Planung einbezogen. Das Problem war nur, dass ihr Bestand inzwischen katastrophale Tiefstände erreicht hatte. Dazu kam, dass viele Legionäre ihre Dienstzeit längst überschritten hatten und bei Kriegsende entlassen werden mussten. Was lag also näher, als unter den hunderttausenden von Kriegsgefangenen zu rekrutieren, die sich in den Händen der Alliierten befanden. Mit den ersten Werbungen wurde bereits Anfang 1944 in Nordafrika begonnen – zuerst nur unter Italienern und Österreichern, zwischen die sich sicher auch einige Deutsche geschmuggelt haben werden, um dem Elend der Lager zu entkommen. Nach und nach wurden dann wieder Werbebüros in Frankreich eröffnet und dann der deutschen Kapitulation auch in den französischen Besatzungszonen in Deutschland und Österreich.

Potentielle Freiwillige gab es genug. Europa war voll von DPs (Displaced Persons) – Flüchtlingen, ehemaligen Kriegsgefangenen und Soldaten, Nazi-Kollaborateuren und Zwangsarbeitern, von denen viele nicht in ihre Heimat zurück konnten oder wollten. Es scheint so, dass sich zumindest unter der ersten Welle eine größere Anzahl von SS-Männern befand, denn es ist mehrfach von Narben an der Stelle der Blutgruppen-Tätowierung die Rede. Allerdings bemühte sich die Legion relativ bald darum, ehemalige Angehörige von SS, Gestapo und SD auszusondern und abzulehnen. Das war allein schon deshalb nötig, da sich die Zeitungen, vor allem natürlich die französischen, mit Vorliebe auf dieses Thema stürzten. Die Ablehnung beschränkte sich aber vorwiegend auf Deutsche und so fanden nicht wenige europäische Freiwillige der Waffen-SS einer sicheren Unterschlupf in der Fremdenlegion. Besonders beliebt war dieser Ausweg bei französischen Nazi-Kollaborateuren, die gleich nach Kriegsende über 50% der Rekruten stellten.

Doch die Welle der Kollaborateure war schnell verebbt und so blieben den Werbern hauptsächlich die Gefangenenlager. Die Situation dort war erbärmlich genug. Unterbringung und Verpflegung waren oft katastrophal, es mangelte an Kleidung, Medikamenten, und die Sterblichkeitsrate war erschreckend. Es ist aber übertreiben, wenn behauptet wird, dass Frankreich auf diese Weise Druck ausgeübt habe, um an die notwendigen Rekruten zu kommen. Direkt nach dem Krieg war die Versorgungslage in ganz Frankreich erbärmlich, und die Kriegsgefangenen standen sicher nicht ganz oben auf der Prioritätenliste. Dennoch kann man davon ausgehen, dass die Situation von den Werbern reichlich ausgenutzt wurde. In manchen Lagern erschienen sie fast täglich und priesen die Annehmlichkeiten der Legion. Bunte Plakate mit Palmen und Kamelen taten ein übriges. Ein ehemaliger Fallschirmjäger, der in einem Hungerlager in Südfrankreich saß, berichtet dass direkt neben dem Zaun ein Legionärscamp eingerichtet war, in dem täglich Corned Beef und Kartoffeln gebraten wurden. "Bis wir uns schließlich sagten: ob du nun hier gleich verreckst oder erst später in Indochina, das ist doch ein kleiner Unterschied." Es waren aber vor allem sehr junge Soldaten, die erst kurz vor Kriegsende eingezogen worden waren und die keine Familien hatten. Wahrscheinlich lockte sie auch noch mehr die Abenteuerlust. Die Älteren dagegen nahmen meistens lieber die Strapazen der Gefangenschaft auf sich, als noch einmal in den Krieg zu ziehen. Sie hatten einfach genug.

Da sich der Krieg in Indochina schnell ausweitete, benötigte Frankreich immer mehr Nachschub. Erschwerend kam hinzu, dass an eine Verwendung von Wehrpflichtigen in Übersee nicht zu denken war. Auch die Verpflichtung von französischen Freiwilligen hielt sich in äußersten Grenzen. Da Franzosen vorwiegend in der Verwaltung und bei technischen Einheiten eingesetzt wurden, ruhte die Hauptlast der Kämpfe auf Kolonialtruppen aus Nord- und Schwarzafrika und der Fremdenlegion. Durch die Verwendung fremder Söldner – die Afrikaner waren eigentlich auch nichts anderes – sparte Frankreich nicht nur das Blut seiner Bürger, sondern auch eine Menge Sold, Pensionen und Witwenrenten, da Afrikaner und Legionäre viel schlechter bezahlt wurden. Der Einsatz der Kolonialtruppen hatte allerdings den Nachteil, dass dadurch die Freiheitsbewegungen in den entsprechenden Ländern immer mehr Rückenwind bekamen. Im Laufe des Krieges verloren die Kolonialtruppen viel von ihrer anfänglichen Zuverlässigkeit und die Fremdenlegion musste immer mehr Aufgaben übernehmen.

1945 hatten sich in Indochina nur erbärmliche Reste des 5. R.E.I. (Régiment Etranger d’Infanterie) befunden, die dann durch immer neue Einheiten auf etwa 20.000 Mann gebracht wurden. Dieser Aufbau und der Ausgleich der blutigen Verluste konnte nur durch enorme Rekrutierungen geleistet werden. Bald war auch in den Gefangenenlagern nicht mehr viel zu holen, als sich die Lage dort gebessert hatte und die Entlassung immer wahrscheinlicher wurde. Bereits 1950 nach der ersten schweren Niederlage bei Cao Bang befanden sich nur noch relativ wenige Weltkriegsveteranen in den Reihen der Fremdenlegion. Viele waren gefallen, und ein Großteil der Überlebenden war nach Ablauf der fünfjährigen Dienstzeit in die Heimat zurückgekehrt. Geblieben waren nur die eingefleischten Soldaten, die sich ein Leben als Zivilist nicht mehr vorstellen konnten.

Immer mehr Söldner wurden benötigt, aber entgegen vieler Zeitungsberichte mussten die Werber keinen Zwang anwenden, um auf ihre Zahlen zu kommen. Es gab ganz im Gegenteil immer viel mehr Freiwillige als gebraucht wurden. Zumindest theoretische Probleme machte dagegen der immer höhere Anteil der Deutschen. Traditionell achtete die Fremdenlegion auf ein relativ ausgewogenes Verhältnis der Nationalitäten - 20% einer bestimmten Nation galten als Maximum. Als jedoch ganz Osteuropa hinter dem eisernen Vorhang verschwand entwickelte sich das vom Krieg zerstörte Westdeutschland immer mehr zum Hauptlieferanten an Söldnern; bezeichnenderweise gefolgt von Italien. Unter dem Druck der Verhältnisse akzeptierte die Legion dann einen Anteil von 40% Deutschen, der auf dem Höhepunkt des Krieges in einigen Einheiten auf bis zu 60% steigen konnte. Allerdings wurden nicht die 80% erreicht, von denen manchmal zu lesen ist.

Rekruten Die Masse der neuen Rekruten stellten dagegen blutjunge Kerle, die vorher nur beim Jungvolk oder der HJ eine Uniform getragen hatten. Nur wenigen Jugendlichen konnte das zerbombte Deutschland etwas bieten, und so haben die Biographien der Fremdenlegionäre der fünfziger Jahre einige Gemeinsamkeiten. Fast alle kamen aus den unteren sozialen Schichten; viele vagabundierten ohne Eltern durch die Städte, lebten von kleinen Diebstählen und Schwarzhandel, oder schlugen sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Sie hatten Hunger, trugen zerschlissene Hosen, und ihre Zukunft erschien so trist wie die zerstörten Städte. "Ich wollte nur raus, raus, raus aus dem kaputten Deutschland", erzählte Hans-Friedrich G., der bereits einige Jugendstrafen wegen Landstreicherei und Schwarzhandel hinter sich hatte. In Landau meldete er sich dann zur Fremdenlegion und stellte begeistert fest: "Es gab jede Menge zu essen, à volonté, soviel ich wollte. Fleisch, Fleisch und nochmals Fleisch."

Aufgewachsen waren sie mit dem Heldenkult des Dritten Reiches, aber auch jetzt noch redeten die Älteren meistens über den Krieg. "Wir Junge habe das aufgenomme wie trockene Schwämm’. Wir ware richtig versesse drauf, etwas zu erfahre, wir wollte auch in die Uniform, auch zum Militär," erzählte Horst A. aus Mannheim. Als Jugendliche hatten sie die Reiseberichte und Afrikaerlebnisse von Stanley, Schliemann oder Lettow Vorbeck verschlungen, dazu die Abenteuerheftchen von Rolf Thoring. Afrika und Asien waren Synonyme für exotische Abenteuer, Reisen und eben die Fremdenlegion, deren Werbeplakate genau an diese Sehnsucht appellierten. Die deutsche Presse, die mit schönen Fotos vom "Heroischen Einsatz deutscher Soldaten gegen die rote Pest" berichtete, und "Eine Frau für fünf Piaster" oder "für eine Flasche Schnaps" in Aussicht stellte, regte die Phantasie ebenfalls beträchtlich an. Dieses Fernweh erinnert stark an die deutschen Söldner, die nach dem Dreißigjährigen Krieg im Dienst der VOC nach Ostindien gegangen waren. Auch sie waren in einem verwüsteten Land aufgewachsen, wo die allgemeinen Wertvorstellungen noch stark von alten Soldaten geprägt worden waren. Langgediente deutsche Soldaten konnte man damit nicht locken; sie ließen sich bestenfalls anwerben, um den Hungerlagern zu entkommen. Die Jungen dagegen, die den Krieg nur aus Wochenschauen und Erzählungen kannten, wurden zu den bevorzugten Opfern der Legionärsromantik. Viele waren sogar noch minderjährig und ließen sich mit falschen Angaben einschreiben, und nur ganz selten war einer Mitte zwanzig oder älter.

Wenn auch die überwiegende Mehrheit aus ärmsten Verhältnissen kam, so dominierte doch die Abenteuerlust bei der Entscheidung ausgerechnet in der Fremdenlegion einen Ausweg zu suchen. Bereits bei der Ausbildung in Algerien maulten die ersten "hoffentlich knallt es endlich, damit wir endlich was erleben," berichtet ein Legionär, um dann die Stimmung so zusammenzufassen: "Jeder wollte nach Indochina. Egal was passiert. Hauptsache schnell. Nur raus aus Algerien." Die Umstände waren nie so günstig gewesen. War früher der Dienst in Indochina als eine Art Vergünstigung nur bewährten Legionären vorbehalten, so wurden jetzt fast alle möglichst schnell in den Einsatz geschickt. Unter dem Druck der Verhältnisse wurde die Ausbildung von 20 auf 7 Wochen verkürzt.

Congai Verglichen mit dem Stumpfsinn des Garnisonsdienstes in Algerien hatte Indochina einiges zu bieten. Statt der der üblichen 10 Tage Urlaub gab es 30, und der betrug mit den ganzen Zulagen ungefähr das siebenfache. Auch die bei den Polizeiaktionen anfallende Beute und das Geld, das bei Personenkontrollen beschlagnahmt werden konnte, waren nicht zu verachten. Außerdem waren Legionäre schon immer Meister im "Organisieren" gewesen und so fanden viele Ausrüstungsgegenstände und Versorgungsgüter ihren Weg auf den Schwarzmarkt. Einige besondere Talente verkauften sogar ganze LKW-Ladungen amerikanischer Ausrüstungsgüter, darunter auch Waffen und Munition. Vor allen Dingen war Indochina aber billig und so konnten sich die Legionäre in der Etappe ganz anders als in Nordafrika ein relativ angenehmes Leben erlauben. Viele lebten fest mit einer vietnamesischen Geliebten, einer so genannten Congai, zusammen. Die Congais führten den Legionären in eigens gemieteten Wohnungen den Haushalt, sondern begleiteten sie nach Möglichkeit auch auf ihren Einsätzen. Diejenigen, die sich keine feste Congai leisten konnten oder wollten, hielten sich zumindest einen "boy", der die unangenehmen Arbeiten in der Garnison übernehmen musste. Ein französischer Offizier, der als Neuling den Legionären einen Putzeinsatz befehlen wollte, erntete nur Gelächter.

Trotzdem war es für die Legionäre von Anfang an ein heimtückischer, brutaler Krieg gegen einen Feind der nicht zu fassen war. Zuerst schien es eine der üblichen Polizeiaktionen zu werden. Die Rebellen waren kaum ausgebildet und nur mangelhaft ausgerüstet; in einigen Gebieten kämpften sie sogar noch mit Pfeil und Bogen. Aber nach dem Sieg der Kommunisten in China wurde es schnell schlimmer. Jetzt erhielten die Vietminh Waffen und General Giap konnte in sicheren Lagern jenseits der Grenze ganze Divisionen ausbilden. Der französische Generalstab zeichnete sich unter anderem dadurch aus, dass er den Gegner sträflich unterschätzte, und die Fremdenlegion musste wieder einmal beweisen, dass sie gut zu sterben verstand. Die oft beschriebene Heldengeschichte der Fremdenlegion, die vor allem auch eine Geschichte ihrer Niederlagen ist, erreichte in Indochina ihren Höhepunkt. In kleinen isolierten Stützpunkten hielt sie die berüchtigte Route Coloniale 4 entlang der chinesischen Grenze nach Cao Bang. Als endlich mit der Evakuierung von Cao Bang begonnen wurde, war es längst zu spät. Von den Legionären kehrten nur einzelne Versprengte zurück. Das erste Fallschirmjägerbataillon, das die hoffnungslose Lage noch wenden sollte, wurde vollständig aufgerieben.

Bei letzten und entscheidenden Schlacht um Dien Bien Phu, hatten die Kolonialtruppen aus Algerien und dem Senegal inzwischen bereits jede Motivation verloren, und allein die französischen Fallschirmjäger und die Legionäre verteidigten die Festung, die nur in der Phantasie der Generäle zu halten war. Selbst als die Katastrophe für jeden absehbar war, wurden immer noch Verstärkungen mit dem Fallschirm abgesetzt. Zwischen Leichenbergen kämpften die Legionäre verzweifelt um zerschossene Bunker und eingestürzte Laufgräben. Der von Rollet kultivierte Totenkult trug jetzt seine Früchte. Doch die Legionäre opferten sich nicht für Frankreich, sondern für einen abstrakten Ehrbegriff, für vage Ideen von einem zweckfreien Soldatentum, und für die Legion, die inzwischen Heimat und Familie ersetzte. Dass sich hierzu ganz besonders die orientierungslosen, dafür aber mit militärischen Wertvorstellungen überfrachteten, Deutschen besonders eigneten, versteht sich von selbst.

Rekruten Doch die großen Gefechte waren seltene Ausnahmen. Normalerweise sicherten die Legionäre kleine Stützpunkte in einem riesigen Gebiet. Sie gerieten bei Patrouillen in Hinterhalte, oder sollten unzugängliche Gebiete von Feinden säubern. Schnell mussten sie dabei feststellen, dass ihre  romantischen Vorstellungen mit der brutalen Realität des Krieges, auch wenn dieser unter Palmen stattfand, wenig gemeinsam hatten. Doch einige lebten sich mit überraschender Leichtigkeit ein, akzeptierten die Härten der Ausbildung und fühlten sich glücklich als Landsknechte. "Wenn Soldtag war, haben wir zusammen gehurt und gesoffen, und es herrschte Jubel, Trubel, Heiterkeit, solange das Geld reichte," berichtete Hans-Friedrich G. über seine Zeit in Algerien. Von seinem späteren Einsatz in Indochina schwärmte er regelrecht: "Wenn ich daran denke, dass ich mit freiem Oberkörper rumgelaufen bin, ein Seidentuch locker um den Hals gewickelt, auf dem Kopf meinen Dschungelhut und über der Schulter meine Maschinenpistole, dann kann ich nur sagen: Es war schön, es war wunderbar."

Hans-Friedrich G. war eine unverwüstliche Kriegsgurgel; er ertrug Haftstrafen und Verwundungen ohne weiter zu klagen. Stolz berichtet er, dass er zwischen Leichen sitzend seelenruhig gegessen habe, oder wie um ihn herum seine Kameraden fielen. Als erfahrener Schwarzhändler hatte er in Indochina seine kleinen Nebenverdienste und plünderte Zivilisten bei Personenkontrollen aus. Auch mit dem grausamen Kleinkrieg hatte er keine Probleme - eher im Gegenteil. Die "Pazifizierungsaktionen" vermittelten ihm ein Gefühl der Macht und echter Männlichkeit: "Carte blanche war für uns das Größte. Alles niedermachen. Selbstverständlich zündeten wir zunächst die cannejas an. Das Schilf brannte wie Zunder. Dann knallten wir alles nieder, was uns vor die Füße kam. [...] Verbrannte Erde, ganz klar. Aber wir durften das, ohne bestraft zu werden. Wir sahen das nicht so eng und unsere Offiziere genausowenig. Die machten es uns sogar vor." Das Erstaunliche an diesen Aussagen ist eigentlich nur ihre Offenheit.

Der Krieg in Indochina wurde von beiden Seiten mit unglaublicher Brutalität geführt. Die Vietminh verstümmelten Verwundete oder folterten Gefangene bestialisch zu Tode. Bei den Vergeltungs- und Pazifizierungsaktionen wurde die Fremdenlegion zu einem der wichtigsten Werkzeuge der französische Armee. Was man normalen französischen Soldaten nicht zumuten wollte, wurde gerne ihr übertragen. Sie trug zwar die Hauptlast der schweren Kämpfe, wurde aber auch gezielt als Terrortruppe eingesetzt. Ganze Dörfer wurden von den Legionären ausgerottet; sie plünderten, folterten, vergewaltigten, massakrierten Frauen und Kinder. Es waren keine Einzelfälle. Fast in jedem Bericht ehemaliger Legionäre ist davon zu lesen, und in Europa wurden die Kriegsverbrechen der Fremdenlegion in Büchern und auf Veranstaltungen angeklagt. Sie hatte eine lange Tradition in diesen Dingen und sich bei der Eroberung der französischen Kolonien im 19. Jahrhundert nicht anders verhalten. Damals war es allerdings nichts ehrenrühriges gewesen, afrikanische oder asiatische Städte und Dörfer samt ihrer Bevölkerung auszutilgen. Jetzt überließ man den "schmutzigen" Krieg den farbigen Kolonialtruppen und der Fremdenlegion - den Söldnern.

Der von den Generälen in einem Partisanenkrieg als notwendig erachtete Grad an Verrohung und Brutalität konnte nach dem Zweiten Weltkrieg von Wehrpflichtigen nicht mehr gefordert werden, ohne in der Heimat einen Skandal auszulösen. Natürlich war es nach wie vor nicht besonders schwierig diesen Grad unter länger dienenden Kampftruppen zu erreichen. Die französischen, britischen oder holländischen Fallschirmjäger und die amerikanischen Marines und Green Berets, die der Fremdenlegion in Vietnam später folgten, unterschieden sich in der Brutalität ihres Vorgehens nur wenig von dieser. In Europa schrieb man diese Dinge gerne den "SS-Schergen" in der Legion zu, obwohl es zu dieser Zeit nur noch einige wenige gewesen sein können. Es ist deshalb interessant, wie gerade die jungen Träumer auf diese ungewohnten Gewaltorgien reagierten.

Im Gegensatz zu den Legionärserinnerungen des späten 19. Jahrhunderts ist in denen der fünfziger Jahre überraschen viel von schrecklichen Exzessen zu lesen. Es erscheint paradox, dass ausgerechnet in einer Zeit davon berichtet wird, als sie nicht mehr von höchster Ebene sanktioniert, sondern eher als Kriegsverbrechen geächtet wurden. Eine Erklärung liegt sicher darin, dass die Legionäre während der kolonialistischen Expansion nur selten von ihrem Gewissen geplagt wurden - Farbige zu töten war kein Mord -; zudem waren sie in der glücklichen Lage, den schlecht informierten Lesern in der Heimat einiges vormachen zu können. Die Legionäre der fünfziger Jahre wussten dagegen, dass sie eigentlich Unrecht begingen und wurden auch manchmal danach gefragt. Sie reagierten mit Trotz, indem sie vor allem die Grausamkeiten der Vietminh anprangerten, was dann völlig unreflektiert in einigen Büchern über die Fremdenlegion wiedergegeben wird. Das wichtigste war aber, dass sie selbst ständig mit ihrer eigenen Verrohung konfrontiert waren, und dabei verfielen die meisten auf eine alt bewährte, äußerst einfache Methode: sie machten das Grauen zu ihrem Geschäft.

Dschungelkampf Nur der war ein Mann und ein richtiger Legionär, der wie Hans-Friedrich G. ungerührt zwischen Leichen seinen Kaffee kochte. Wem beim Morden schlecht wurde, der war ein "Futschi" oder ein "Syphilist", wie Schwächlinge und Zivilisten im Legionärsjargon genannt wurden. Sprüche wie: "Die Männer in ein Loch reingejagt, Handgranate drauf - vergessen," oder: "und dann voll reingehalten, bis keiner mehr Piep sagte. Immer drauf gehalten. 150 Stück haben wir umgenagelt," entsprachen zwar sicher der Realität, sollen aber ganz besonders die coole Grundhaltung des professionellen Killers demonstrieren. Diejenigen, denen es beim Töten nicht schlecht wurde, die dabei größte Härte demonstrierten, gaben in der Legion den Ton an und erfreuten sich des Wohlwollens ihrer Vorgesetzten. Ein Legionär erzählte beeindruckt von einem Kameraden, der die Köpfe von Kleinkindern an Panzerplatten zerschmetterte und bei den Offizieren völlige Narrenfreiheit genoss. Gerade auf die jungen Rekruten wirkten solche Vorbilder verheerend Wenn ein Fallschirmjäger schreibt: "Junge Frauen, die Kinder an der Brust, kamen uns mit flehendem Ausdruck entgegen. Manchmal flehten sie umsonst," so soll dabei das Bild von erbarmungslosen Kriegern mit Gesichtern und Herzen aus Granit gezeichnet werden.

In der Legion zählte nur Männlichkeit, und das war Härte, Härte gegen sich selbst und gegen andere, und jeder, der respektiert werden wollte, musste sich diesem Kult fügen. In diesen Zusammenhang passt auch, was der britische Legionär Adrian Liddell Hart aus der Anfangszeit des Indochinakrieges berichtet: "Viele waren früher in der SS. Aber noch mehr gaben an, früher in der SS gewesen zu sein. Mitgliedschaft in der SS gehörte wohl zum guten Ton bei den deutschen Legionären."

© Frank Westenfelder  
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