Langbogen und Arkebuse

Die Feldzüge Heinrich VIII.

Immer wieder wird die Wirkung des englische Langbogens in populärwissenschaftlichen Darstellungen mit geradezu haarsträubenden Beispielen übertrieben. So ist z.B. in dem Osprey-Bändchen "English Longbowman" zu lesen: "seine Pfeile hatten Durchschlagskraft einer modernen Gewehrkugel, und seine Feuergeschwindigkeit wurde von englischen Truppen erst wieder mit der Einführung des Lee Enfield Gewehrs am Anfang des 20. Jahrhunderts erreicht". Nun möchten wir natürlich nicht bezweifeln, dass der Langbogen eine hervorragende Waffe war, und die englischen Bogenschützen des Hundertjährigen Krieges zu den besten Kriegern ihrer Zeit zählten. Dennoch sollte man sich bei solchen Lobeshymnen doch die Frage stellen, warum der Langbogen dann nicht bis zur Einführung des Lee Enfield Gewehrs in Gebrauch blieb, sondern schon im 16. Jahrhundert durch langsam und ungenau schießende Arkebusen ersetzt wurde.

Bogenschütze 16. Jahrhundert Da es schon immer einfacher war die großen Highlights der Geschichte weiter zu verklären, als etwas komplexere historische Prozesse zu untersuchen, wird dieser Fragestellung nur selten nachgegangen. Und wenn, sind die Erklärungen von erschreckender Banalität. Es habe kein gutes Bogenholz mehr gegeben, das Bogenschießen sei irgendwie aus der Mode gekommen und vergessen worden. Etwas ernster sollte man die Behauptung des Historikers J. F. Guilmartin nehmen, dass die Ausbildung eines Arkebusiers lediglich ein paar Tagen dauere die eines Bogenschützen dagegen ein ganzes Leben. Nun ist dieses Argument das eines Sportschützen und wird deshalb auch von diesen gerne aufgegriffen, mit Kriegern hat es dagegen absolut nichts zu tun. Man könnte mit der gleichen Ignoranz behaupten, die Ausbildung eines Spießers dauerte nur eine Stunde, und müsste sich dann fragen, warum die Schweizer so begehrt und fast unersetzbar waren. Jeder Feldherr wollte "beschossene" oder "versuchte" Knechte, und dabei ging es nicht darum, dass diese eine Arkebuse laden konnten, sondern darum, dass sie kaltblütig genug waren, bei angreifender Kavallerie stehen zu bleiben und immer noch zielsicher zu schießen. So etwas lernte man nicht in ein paar Tagen! Auf den Schlachtfeldern des amerikanischen Sezessionskrieges hat man bei der Untersuchung der Gewehre gefallener Soldaten festgestellt, dass viele in der Hektik doppelt oder dreifach geladen und dadurch völlig unbrauchbar waren.

Der Langbogen als Standardwaffe englischer Truppen verschwand nicht einfach, weil es keine Bogenschützen mehr gab. Er wurde aufgrund gemachter Erfahrungen während des 16. Jahrhunderts langsam durch Feuerwaffen ersetzt. Ein Problem bei dieser Umstellung war lange der Mangel an Waffen und erfahrenen Arkebusieren – Bogen und Bogenschützen gab es genug. Sehr gut nachvollziehen lässt sich dieser Prozess an den Kriegen Heinrichs VIII. (1509-47), in denen Waffen und Taktiken des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit noch uneingeschränkt nebeneinander existierten. Wie so oft stößt man dabei auf eine Menge ideologischer Vorbehalte auf Seiten der "Konservativen", die unbedingt an den bewährten Waffen wie Langbogen und schwerer Kavallerie festhalten wollten. Heinrich VIII. versuchte in diesen Kriegen noch einmal die englischen Besitzansprüche in Frankreich durchzusetzen und musste auch gegen die Schotten kämpfen, die als französische Bundesgenossen mobilisiert wurden, so dass man das Szenario durchaus als verspätete Neuauflage des Hundertjährigen Krieges betrachten kann.

Im Gegensatz zu den unkritischen Verehrern der Bogenschützen, die diese Epoche am liebsten ignorieren, herrscht unter den Militärhistorikern, die sich mit der Tudorzeit beschäftigen, große Übereinstimmung, dass die Engländer die großen Veränderungen einfach verschlafen hatten 1). Sie sonnten sich weiter in den spektakulären Siegen des Hundertjährigen Krieges und waren der festen Überzeugung, dass ein Engländer mindestens 10 Franzosen wert sei. Die Heeresaufgebote bestanden hauptsächlich aus den traditionellen "bows and bills", einer Masse von Hellebardenträgern (so genannter Billmen), die von großen Abteilungen aus Bogenschützen flankiert wurden. Schwere Kavallerie oder Feuerwaffen hielt man für ziemlich überflüssig. "Der Bogen galt immer noch als König der Schlacht". Mit diesen Truppen konnten zwar Iren und Schotten bekämpft werden, da diese noch rückständiger waren, gegen Frankreich waren sie jedoch ohne Chance.

Denn während sich England mit seiner glorreichen Vergangenheit und in den Rosenkriegen mit sich selbst beschäftigt hatte, war die Entwicklung auf dem Kontinent in großen Schritten weiter gegangen. Die Hussiten hatten als erste in größerem Maßstab Feuerwaffen eingesetzt und die Schweizer Gewalthaufen hatten in den Burgunderkriegen nicht nur die schwere Reiterei Karls des Kühnen sondern auch seine Bogenschützen überrannt. Das große Labor aber, in dem alle Neuerungen in den verschiedensten Kombinationen ausprobiert und verbessert wurden, war Italien, wo Frankreich und Spanien um die Vorherrschaft kämpften.

Die Elite der französischen Armeen waren die schwer gepanzerten Reiter der Ordonanzkompanien, die Gens d’Armes. Doch auch hier hatte sich noch einiges getan. Die Panzer waren noch weiter verbessert worden, so dass seit einiger Zeit auf Kettenhemd und andere Unterpanzer verzichtet werden konnte und die Reiter dennoch fast unverletzlich waren. Auch die Pferde waren zum größten Teil gepanzert und Rüsthaken erlaubten schwerere und längere Lanzen. Damit konnten die Reiter auch mit einem gewissen Erfolg gegen Infanterie eingesetzt werden. Als wirklich Schlacht entscheidend erwiesen sich jedoch die Gewalthaufen aus Schweizern Söldnern, von denen Karl VIII. mindestens 8.000 nach Neapel führte. Dazu kam eine starke Artillerie, die nicht nur bei Belagerungen, sondern auch zunehmend im Gefecht eingesetzt wurde. Die Spanier verwendeten als erste eine große Anzahl Handfeuerwaffen und leichte Reiterei, mit denen sie im langen Krieg um Granada reichlich Erfahrungen gewonnen hatten. Später kamen auf beiden Seiten auch immer mehr Landsknechte zum Einsatz, die als eine Art Ersatz für die Schweizer verwendet wurden, wenn diese gar nicht oder nur in geringer Zahl zur Verfügung standen. Vor allen Dingen wurde alles mögliche ausprobiert. Die Spanier versuchten z.B. mit Schwerkämpfern die Langspieße zu unterlaufen und die Franzosen verwendeten noch in Armbrustschützen in großer Zahl. Letzten Endes setzte sich jedoch immer mehr eine Kombination aus Spießern und Arkebusieren durch.

Das fundamental Entscheidende war jedoch, dass der Großteil dieser Armeen aus Profis bestand. In den französischen Ordonanzkompanien und den spanischen Tercios dienten Berufssoldaten, die jahrelang – oft ihr ganzes Leben – bei der Fahne blieben und nicht, wie z.B. in England, nach jedem Feldzug wieder nach Hause geschickt wurden. Bei Bedarf wurden sie mit fremden Söldnern verstärkt, die trotz Macchiavellis Polemik den traditionellen Aufgeboten weit überlegen waren. Da die Franzosen schnell bemerkt hatten, dass ihr eigenes Fußvolk nicht besonders schlagkräftig war, warben sie bevorzugt Schweizer und, wenn sie diese nicht in ausreichender Zahl bekommen konnten, Landsknechte. Erst durch die Professionalisierung der Armeen wurde es möglich, die verschiedenen Waffengattungen taktisch optimal einzusetzen. Es reichte nicht mehr, mit möglichst viel Elan das feindliche Zentrum anzugreifen, oder in einer guten Stellung diesen Angriff einfach abzuwarten.

Heinrich VIII. als Bogenschütze Als sich nun Heinrich VIII. entgegen jeder politischen Vernunft, lediglich getrieben von dem Wunsch ritterliche Schlachten zu schlagen und Ruhm zu gewinnen dazu entschloss, die alte englische Expansionspolitik in Frankreich wieder aufzunehmen, war selbst ihm klar, dass allein mit Bogenschützen und Billmen wohl nicht viel auszurichten war. Heinrich war alles andere als ein überzeugter Modernisierer, sondern schätzte den Langbogen über alles und war auch selbst ein begeisterter Bogenschütze. Dennoch wussten er und seine Offiziere, dass allein damit ein gut geführter Angriff der französischen Gens d’Armes nicht aufzuhalten sein würde. Als Gegengewicht wurden eigene schwere Reiter gebraucht. Das Problem dabei war nur, dass diese in England kaum noch zu finden waren. Der Adel hatte sich über sehr lange Zeit daran gewöhnt, zu Fuß zu kämpfen, und so hatten sich viele die teure Reiterrüstung und die noch teureren Pferde gespart. Es gab zwar leichte Reiter aus den nördlichen Provinzen, berittene Bogenschützen und Adlige, die nur halb gerüstet als so genannte "Demilances" erschien. Voll gerüstete Reiter konnten in ganz England jedoch maximal ein paar hundert gemustert werden.

Zum Glück war Heinrich zu dieser Zeit (Mexiko und Peru waren noch nicht erobert) der reichste König Europas und wollte als Verbündeter der Habsburger in den Krieg ziehen, so dass ihm deren Ländern zur Werbung offen standen. Seit Hauptinteresse galt den schweren Reitern, die vor allem in den Niederlanden geworben wurden. Es handelte sich dabei um die Reste der burgundischen Ordonanzkompanien, die den französischen vergleichbar waren. Um der eigenen Infanterie Rückhalt zu geben und feindliche Reiterangriffe abzuschlagen wurde eine große Anzahl "Almaynes" (Landsknechte) geworben, da dazu Langspieße und keine Bills gebraucht wurden. Man hätte diese Spieße sicher auch importieren können, doch offensichtlich war niemand der Ansicht, dass man gute Spießer, die Kavallerie aufhalten sollten, in ein paar Tagen ausbilden könne.

Söldner aus dem Reich Im Juni 1513 zog Heinrich dann seine Truppen in Calais zusammen und begann mit der Belagerung des relativ gut befestigten Thérouanne. Er verfügte dabei über etwa 24.000 Mann englisches Fußvolk – fast alles "bow and bill" -Mann, 3.000 englische Reiter – zum Großteil Demilances und berittene Bogenschützen, knapp 1.000 burgundische Reiter und 6.000 Landsknechte. Der starke Anteil fremder Söldner zeigt deutlich, wo man glaubte, Defizite zu haben. Da die meisten und besten französischen Truppen zu diesem Zeitpunkt in Italien kämpften, waren sie den Engländern an Zahl weit unterlegen und konnten die Belagerer nur belästigen.

Während größerer taktischer Manöver stießen dann doch aber beide Heere unerwartet aufeinander und es kam zur so genannten Sporenschlacht –"battle of the spurs" – wenige Kilometer südlich von Thérouanne. Dabei stießen zuerst die Reiter beider Parteien aufeinander. Die berittenen englischen Bogenschützen begannen dabei die Franzosen aus der Flanke zu beschießen. Bevor dies jedoch größere Wirkung zeigen konnte, befahl der französische Kommandeur den Rückzug, da er bemerkte hatte, dass hinter der englischen Reiterei, die ganze Armee im Anmarsch war. Zu diesem Zeitpunkt griffen die burgundischen Reiter in der Flanke an und der Rückzug verwandelte sich in eine wilde Flucht, die anscheinend noch dadurch verstärkt wurde, dass einige Pferde von Pfeilen verwundet worden waren. Obwohl die Engländer die Fliehenden weit verfolgten, waren deren Verluste dennoch äußerst bescheiden. Sie ungefähr 40 Tote und 120 Gefangene verloren haben. Da nun an Entsatz nicht mehr zu denken war kapitulierte die Garnison von Thérouanne bald darauf. Da eine dauerhafte Besetzung zu teuer gewesen wäre, wurde die Stadt zerstört. Damit war der Feldzug so gut wie beendet. Heinrich hatte zwar keine Eroberungen gemacht und dennoch Unsummen ausgegeben, dafür hatte er aber eine richtige Schlacht gewonnen und konnte so gesehen beruhigt nach England zurückkehren.

Da die Franzosen in der keine große Armee ins Feld schicken konnten, griffen sie auf ihre altbewährte Methode zurück und animierten die Schotten zu einem Angriff auf Englands Norden. Die Schotten hatten zu diesem Zweck große Menge Langspieße in den Niederlanden gekauft und auch mit der Eigenproduktion begonnen. Zusätzlich hatten die Franzosen 40 Offiziere geschickt, die als eine Art Militärberater, die Schotten im Umgang mit den neuen Waffen einüben sollten. Während Heinrich noch in Frankreich weilte, kam es dann bei Flodden zur Schlacht. Die Schotten, ungefähr 30.000 Mann stark, griffen in mehreren Gewalthaufen an. Die etwas schwächeren Engländer hatten auf ganz traditionelle Weise mit Blöcken von Billmen und Bogenschützen an den Flanken Position bezogen. Der große Unterschied zu vergleichbaren Treffen früherer Zeiten wie bei Dupplin Moor, Halidon Hill oder Nevilles Cross, in denen die Bogenschützen regelrechte Gemetzel unter den Schotten anrichteten, war, dass sie hier fast keine Wirkung hatten. Wie auf dem Kontinent kämpften die Gepanzerten auch bei den Schotten in den ersten Gliedern, und offenbar reichte dies aus, um dem Pfeilhagel seine verheerende Wirkung zu nehmen. Ein Zeitzeuge schreibt: "Sie waren so gut gepanzert, dass ihnen die Pfeile keinen Schaden zufügten." Ein anderer: "and abode the most dangerous shot of arrows, which sore them annoyed, but yet expect it hit them in some bare place, did them no hurt." Die Engländer mussten sich ihren Sieg in hartem Nahkampf teuer erkaufen, in dem die kurzen Bills den unhandlichen Langspießen weit überlegen waren.

Bows and Bills Nach diesem Sieg war die Welt wieder in Ordnung und viele waren der Meinung, dass alles so bleiben könne wie es in der guten alten Zeit schon war. Als dann 1523 ein neues Heer nach Frankreich geschickt wurde, war unter den über 10.000 Mann kein einziger mit Arkebuse oder Langspieß bewaffnet. Die gesamte Infanterie bestand ausschließlich aus den üblichen "bows and bills". Auch unter der Kavallerie gab es kaum einen voll gerüsteten schweren Reiter, lediglich Demilances und berittene Bogenschützen. Das Defizit sollte wieder durch umfangreiche Söldnerwerbungen ausgeglichen werden. Da es aber hier unerwartete Probleme gab, brachte schließlich nur der niederländische Graf von Egmont-Buren 500 schwere Reiter und 3.000 Landsknechte nach Calais. Der Feldzug wurde dann viel zu spät im Jahr begonnen und verlief ohne größere Ereignisse. Nach längerem Beschuss kapitulierte zwar die kleine Stadt Montdidier, doch dann begannen die Engländer unter dem Herbstwetter zu leiden. Es gab Erfrierungen und immer mehr Deserteure, bis sich die Armee demoralisiert nach England zurückzog.

Diese beiden erfolglosen Feldzüge hatten Heinrich offenbar vorerst die Lust an großen Eroberungen auf in Frankreich verdorben. Zudem war er in den nächsten Jahren mit starken inneren Problemen – seinen div. Ehen und der Trennung von der katholischen Kirche - beschäftigt. Dennoch bot gerade die lange Phase ohne außenpolitische Abenteuer eine gute Gelegenheit zu militärischen Reformen. Heinrich begann nun auch langsam und widerstrebend mit größeren Käufen von Spießen, Harnischen und Arkebusen im Reich. Der Militärhistoriker Charles Oman schreibt, dass Heinrich dies jedoch entgegen seiner inneren Überzeugung tat, da ihm die schmerzhaften Erfahrungen fehlten, die Franz I. bei Bicocca und Pavia gemacht hatte.

Obwohl den Engländern eine richtige Niederlage erspart geblieben war, wurde auch für sie die eigene militärische Schwäche immer deutlicher. Während der Feldzüge in Frankreich war es immer wieder zu Scharmützeln gekommen und kein englischer Feldherr wagte es, ohne fremde Söldner etwas zu unternehmen. Und so diskutierten die Zeitgenossen eifrig über die Ursachen. Wie so oft wurde es der allgemeinen Dekadenz zugeschrieben. Angeblich gab es nicht mehr genug pflügende Bauern, da nur der Pflug dem Bogenschützen die notwendige Kraft verlieh, und "Schäfer schlechte Bogenschützen abgaben". Andere schrieben den Niedergang der weit verbreiteten Lust am Kartenspiel zu, und ein Bischof klagte, dass "eine ungläubige Generation lieber in den Städten huren als sich auf dem Feld im Schießen zu üben." Kurz und gut, es waren die üblichen Klagen, die ein Problem zwar erkennen, in seiner Analyse aber nicht weiter gehen als bis zu der Auffassung, dass früher eben alles besser und größer war.

Das Hauptproblem lag in den längst überholten feudalistischen Rekrutierungsmethoden – kräftige Männer gab es nach wie vor genug. Theoretisch sollten die großen Adligen mit ihrem persönlichen Gefolge und einem Teil ihrer Pächter zur Musterung erscheinen. Nun befand sich der Adel aber wie überall in Europa in einer wirtschaftlichen Krise, viele alte Familien waren sogar völlig verschwunden. Oft überforderte es die finanziellen Möglichkeiten der Adligen, ein entsprechendes Gefolge zu unterhalten, oder diese richtig auszurüsten. Der oft beklagte Mangel an schweren Reitern hat hier seine Ursache. Außerdem verweigerten viele Pächter den Militärdienst, da sie ihn als eine lästige Verpflichtung ansahen, die in keinem geschriebenen Gesetz festgeschrieben war.

Vor allem aber verlangte die moderne Kriegsführung eine gewisse Ausbildung für die taktischen Manöver und bei der Infanterie eine Standfestigkeit, die man nur bei Veteranen finden konnte. Bereits Talbot hatte deshalb in der Endphase des Hundertjährigen Krieges kaum die viel gepriesenen Yeomen, sondern überwiegend englische Kolonisten in der Normandie oder gleich Franzosen (bis zu 50%) rekrutiert, die waren den Krieg seit Generationen gewöhnt. Die erforderliche Professionalität war von Feudalaufgeboten zu dieser Zeit einfach nicht mehr zu leisten, selbst wenn sie gut genährt waren und sich am Wochenende fleißig im Bogenschießen übten. Wenn sich ein Herrscher weiterhin auf Feudalaufgebote stützte, waren Söldner in größeren Zahlen beim Angriff und als Rückhalt unverzichtbar.

Belagerung von Boulogne Dieser Einsicht konnte sich auch Heinrich VIII. nicht entziehen. Denn als er 1543 zu seinem letzten und größten Feldzug gegen Frankreich aufbrach, wurden mehr Söldner geworben als jemals zuvor. Zu den 32.000 Engländern, unter denen sich inzwischen sogar ein paar hundert schwere Reiter und einige Arkebusiere befanden, kamen über 10.000 fremde Söldner. Neben den üblichen Landsknechten, die das Hauptkontingent stellten, und burgundischen Reitern hatte man erstmals auch ganze Arkebusierkompanien unter spanischen und italienischen Hauptleuten geworben. Sogar eine größere Abteilung leichter albanischer Reiter hatte sich eingefunden. In ihrer Not scheinen Heinrichs Werber nicht wählerisch gewesen zu sein, denn ein Teilnehmer schreibt: "da waren so viele verdorbene Soldaten von allen Ländern unter der Sonne: Waliser, Engländer, aus Cornwall und von der Isle of Man, Iren, Schotten, Spanier, Gaskogner, Portugiesen, Italiener, Albaner, Griechen, Türken, Tartaren, Hochdeutsche, Niederdeutsche, Burgunder, Flamen, die alle hierher gekommen waren, um eine gute Zeit unter dem König von England zu haben."

Heinrich hatte mit Karl V. große Pläne geschmiedet. Sie wollten von verschiedenen Seiten in Frankreich eindringen und dann ihre Kräfte zu einer gigantischen Armee bei Paris vereinigen. Während Karl Luxemburg einnahm und dann mit der langwierigen Belagerung von St. Dizier begann, wandte sich Heinrich mit seiner Hauptmacht kam gegen Boulogne. Ein Teil seiner Truppen schloss gleichzeitig Montreuil ein. Die Unterstadt von Boulogne war leicht zu nehmen, doch die Festung verfügte über starke Wälle, und so zog sich die Belagerung hin. Unaufhörlich wurde die Festung mit der schweren Artillerie beschossen und Laufgräben vorgetrieben. Nachdem durch mehrere Minen schließlich ein paar Breschen gesprengt und mehrere Sturmangriffe versucht worden waren, kapitulierte die Garnison nach sieben Wochen harten Widerstandes zu Anfang September, gegen freien Abzug mit allem Besitz.

Inzwischen war jedoch zu viel Zeit vergangen. Karl V. hatte einen für sich günstigen Frieden geschlossen, wodurch die Franzosen ein starkes Heer in die Picardie werfen konnten. Erschwerend kam hinzu, dass durch den Frieden ein Teil der Söldner, die Karl zur Verfügung gestellt hatte, abgezogen wurde. Obwohl die anderen Söldner bleiben wollten, so lange man sie bezahlte, war Heinrich nun nicht mehr bereit, eine Schlacht zu wagen. Überstürzt wurde das Lager vor Boulogne abgebrochen und lediglich eine Garnison zurückgelassen. So schnell wie möglich zog sich Heinrich mit dem Gros seines Heeres nach Calais zurück und schiffte sich von dort nach England ein. Es gelang der englischen Garnison zwar Boulogne gegen einige kleinere Angriffe zu halten, besonders beeindruckt waren die Franzosen aber nicht davon. So berichtet der französische Offizier Blaise de Montluc von einem Scharmützel, bei dem er vor den Mauern mit etwa 120 Mann auf 2-300 englische Bogenschützen traf: "Alle trugen Waffen mit geringer Reichweite und mussten deshalb nahe herankommen, um ihre Pfeile abzuschießen, die sonst keine Wirkung gehabt hätten. Wir dagegen waren es gewohnt unsere Arkebusen auf große Distanz abzufeuern. [...] Wir marschierten direkt auf sie zu, und sobald sie auf Bogenschussweite waren, gaben unsere Arkebusiere alle zusammen eine Salve ab und griffen dann zu ihren Schwertern. So wie ich es befohlen hatte, rannten wir auf sie zu, um zum Nahkampf zu kommen. Aber als wir bis auf zwei bis drei Pikenlängen heran waren, flüchteten sie."

Nach diesem erneuten Fehlschlag verstärkte Heinrich seine Bemühungen zur Ausrüstung mit Feuerwaffen. Dennoch verlief die Umstellung schleppend. Nur bei der Feldartillerie gab es schnellere Fortschritte. Den Erfolg sollte er nicht mehr erleben. Er stellte sich ein, als es kurz nach Heinrichs Tod zu einem neuen Krieg mit Schottland kam. Die Schotten hatten dieses mal ungefähr 23.000 Mann Infanterie, die wieder hauptsächlich mit Langspießen bewaffnet waren, und 1.500 Reiter zusammen gebracht. Ihnen konnten die Engländer insgesamt nur an die 16.000 Mann entgegen stellen, die nun aber wesentlich besser ausgerüstet waren. Die Masse der Infanterie bestand zwar immer noch aus Billmen und Bogenschützen, unter befanden sie aber auch 600 englische Arkebusiere und zwei Kompanien Söldner ebenfalls mit Arkebusen. Dazu kam eine relativ starke Kavallerie von 4.000 Mann, die ebenfalls zum Teil aus Söldnern bestand. Als besonders effektiv sollten sich die berittenen Arkebusiere erweisen, die der Spanier Pedro de Gamboa ins Land gebracht hatten.

Schlacht bei Pinkie Als die beiden Armeen im September 1547 bei Pinkie aufeinander trafen, griffen die Schotten die noch anmarschierenden Engländer unvermutet in der Flanke an. Die Sache wäre eventuell böse ausgegangen, denn die Engländer, mussten sich umgruppieren und ihre überlegene Feldartillerie nach vorne schaffen. Die dringend benötigte Zeit verschaffte ihnen die Kavallerie, die trotz schwerer Verluste die schottischen Gewalthaufen attackierte. Während diese anhielten und die Reiter zurückschlugen, kamen sie unter immer schwereren Beschuss durch die Artillerie und etwas später noch durch Arkebusiere und Bogenschützen. Besonders lästig waren auch die berittenen Arkebusiere, die bis kurz vor die Front herankamen und dann in die dicht gedrängten Reihen feuerten. Als die Schotten versuchten, sich etwas aus dem mörderischen Feuer zurückzuziehen, verwandelte sich die Bewegung in eine allgemeine Flucht, auf der viele von den nachsetzenden Reitern niedergemacht wurden.

Für Charles Oman ist die Schlacht bei Pinkie ein Wendepunkt der britischen Militärgeschichte. Sie kennzeichnet für ihn die "die Rückkehr der Kavallerie als Hauptwaffe in der Schlacht," und demonstriert deutlich das gelungene Zusammenwirken verschiedener Waffenarten: "Sie wurde – wie Marignano - durch den kombinierten Einsatz von Kavallerie und Artillerie gewonnen; nicht durch die Verbindung von Bogenschützen und abgesessenen men-at-arms." Der Erfolg wird auch durch die Verluste unterstrichen. Hatten die Engländer ihren Sieg bei Flodden mit 1.500 Gefallenen gegen 5.000 Schotten noch relativ teuer bezahlt, so standen jetzt 10.000 toten Schotten nur 250 Gefallene auf englischer Seite gegenüber. Beim Großteil handelte es sich um Reiter, denen die härteste Aufgabe zugefallen war.

Die Diskussion um den Langbogen ging danach trotzdem weiter. Er war aber wie gesagt nur ein Teil des Problems. Grundlegend war die Bildung professioneller stehender Truppen, worauf auch Elisabeth I. aus Sparsamkeitsgründen verzichtete. Die einzige Ausnahme bildete das Hilfskontingent, das sie in die Niederlande geschickt hatte. Es entwickelte sich dort im Laufe der Jahre von den Oraniern geschult zu einer hervorragenden Truppe. Einer seiner Offiziere sagte dann einmal, er hätte lieber 500 Musketiere als 1.500 Bogenschützen.



Weiterführende Literatur:

Oman, Charles
  A History of the Art of War in the sixteenth Century
  New York 1937

Cruickshank, C.
  Army Royal: Henry VIII’s Invasion of France 1513
  Oxford 1969

Millar, Gilbert John
  Tudor Mercenaries and Auxiliaries 1485-1547
  Charlottesville 1980

Goring, Jeremy
  Social Change and Military Decline in Mid-Tudor England
  in: History 60 (1975); S.185-197

Potter, David
  The International Mercenary Market in the Sixteenth Century:
  Anglo-French Competition in Germany, 1543-50
  in: EHR 111 (1996); S. 24ff

© Frank Westenfelder  
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