Die Bananensöldner

United Fruit in Mittelamerika.

Big-Stick oder Kanonenbootpolitik Nachdem sich die USA in mehreren Kriegen ungefähr die Hälfte Mexikos einverleibt hatten und einige Unternehmungen von Yankee-Flibustieren – wie z.B. William Walker in Nicaragua – gescheitert waren, kam es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer gewissen Mäßigung. Das Ziel wandelte sich von der Eroberung zur indirekten Kontrolle, und statt der Kolonisten und Soldaten kamen nun Händler und Investoren. Es wurde die Zeit der Dollar-Diplomatie. Dass aber auch die nicht ganz friedfertig verlaufen würde, brachte Präsident Theodore Roosevelt mit dem Ausdruck "Big-Stick-Diplomatie" auf den Punkt. Natürlich sollten die mittelamerikanischen Staaten selbständig bleiben – es war auch viel von Freiheit die Rede. Wenn sie sich aber nicht den Interessen des amerikanischen Kapitals (der Einfachheit halber benutzen wir hier die Bezeichnungen "amerikanisch" und "Amerikaner" wenn wir eigentlich von den USA sprechen) beugten, würden sie eben den Big-Stick zu spüren bekommen.

Das Kapital wurde zur Modernisierung dringend benötigt, und so bauten bald viele amerikanische Unternehmen Eisenbahn- und Telegrafenlinien, Hafenanlagen und Bergwerke. Im Gegenzug erhielten die Firmen dann oft das Recht diese Anlagen auf eigene Rechnung und natürlich ohne Abführung von Steuern zu betreiben. Sehr beliebt war auch die Anlage riesiger Plantagen zur Produktion so genannter "Cash-Crops", d.h. von Agrarprodukten, die ausschließlich für den Export angepflanzt wurden. Tabak und Zuckerrohr hatten bereits eine lange Tradition in der Karibik, jetzt kamen Kaffee und schließlich Bananen dazu. Die ersten Bananen hatte Kapitän Lorenzo Baker 1871 als Gelegenheitsfracht mit nach Boston gebracht. Da sich die dort bislang unbekannten Früchte mit unerwartet hohem Gewinn verkaufen, fuhr Baker bald nur noch Bananen und gründet die Boston Fruit Company. Andere Händler folgten dem Beispiel und machten ebenfalls glänzende Geschäfte. Mit dem Anstieg des Geschäftsvolumens wurde es notwendig, in den Herkunftsländern Anbau, Transport und Verladung der Bananen zu organisieren. So bildeten sich neue Firmen, die Plantagen, Eisenbahnlinien oder Häfen betrieben, manchmal auch von allem etwas.

1899 schlossen sich dann die wichtigsten Firmen in Boston zur United Fruit Company zusammen, die durch die eingebrachten Anteile nun über ein schnell wachsendes Imperium in Mittelamerika verfügte. Es war die Geburt von "El Pulpo" (der Krake), wie sie bald genannt werden sollte. Vor allem ihr Landhunger war unersättlich. Für ihre Investitionen ließ sie sich von den lokalen Diktatoren riesige Landstriche überschreiben. Die ansässigen Indios wurden entweder vertrieben oder gleich dazu verpflichtet auf den neuen Plantagen United Fruit Company zu arbeiten. Eine gewisse Konkurrenz bildeten lediglich Händler aus New Orleans, u.a. die Standard Fruit der Vaccaro Brüder, die zur Führungsriege der Mafia gehörten und über die Kontrolle der Hafenarbeitergewerkschaft ins Geschäft gekommen waren. In New Orleans residierte auch Samuel Zemurray, der sich als Sohn armer jüdischer Immigranten aus Bessarabien vom Straßenhändler ins Bananengeschäft hochgekämpft hatte. Zemurrays Firma Cuyamel war zwar kleiner, dennoch sollte er als der "Banana Man" zur bestimmenden Figur der Szene werden.

Die politische Lage war für Firmen mit dem notwendigen Kapital geradezu ideal. In allen diesen kleinen Staaten – in diesem Kontext vor allem Nicaragua, Honduras, Guatemala und El Salvador – herrschten Diktatoren, die verschiedenen Gruppen und Cliquen angehörten. Immer wieder kam es zu Verschwörungen und Putschen. Wenn eine Gruppe neu an die Macht gekommen war, folgte der Streit um Posten und Einfluss, und die Verlierer arbeiteten im Exil schon wieder an ihrer Rückkehr. Damit nicht genug, führten die Staaten von Zeit zu Zeit auch Krieg untereinander, oder unterstützen die Aufständischen im Nachbarland. Alle diese Kabalen, Rebellionen und Kleinkriege boten ausreichend Gelegenheit zur Einflussnahme. Jeder General benötigte moderne Waffen und nach Möglichkeit auch gleich die Spezialisten, die sie bedienten.

Natürlich kämpften diese Diktatoren für ihre eigenen Interessen, für den Fortschritt und im Namen ihrer Völker, aber seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Mittelamerika kein Krieg mehr geführt oder Staatsstreich unternommen, an dem die United Fruit Company, die Standard Fruit oder Cuyamel nicht beteiligt waren und an denen sie letzten Endes nicht verdienten. Ohne ihr Geld, ihre Waffen und ihre Söldner ging gar nichts mehr. Und so kamen zu den Händlern, Kapitänen, Plantagenaufsehern und Technikern bald Männer wie Lee Chistmas, Tracy Richardson, Victor Gordon, "Jew Sam" Dreben oder Guy "Machine-Gun" Molony. Diese Söldner standen zwar im Dienst irgendeines Präsidenten oder putschenden Generals und nicht in dem einer der US-Bananenfirmen, dennoch sorgten die letzteren meistens sehr diskret für ihre Vermittlung, Bezahlung und Ausrüstung.

Gatling-Maschinengewehr Seit der Unabhängigkeit von Spanien waren fast in jedem lateinamerikanischen Land Söldner aus Europa oder den USA im Einsatz. Sie dienten als Ausbilder und zunehmend als Artilleristen. Es waren vor allem die modernen Waffen, die Krupp- und Hotchkiss-Kanonen oder die ersten Gatling-Maschinengewehre, die ihre Dienste so wertvoll machten. Mit dem Aufkommen von Repetiergewehren wurden manchmal auch ganze Gruppen fremder "Scharfschützen" beschäftigt, die mit ihren neuen Winchester-Gewehren, furchtbare Massaker anrichten konnten. Dazu kam, dass sie als typische Söldner Gefahr und Abenteuer liebten, also eine kleine Schießerei geradezu als willkommene Abwechslung begrüßen konnten.

Bei der großen Masse der normalen Truppen handelte es sich dagegen um gepresste Indios, die nicht wussten, für wen sie gerade kämpften, und die mit völlig veralteten Waffen aus den Restbeständen des Sezessionskrieges ausgerüstet waren. Oft wurden sie regelrecht eingefangen, wie Sträflinge in die nächste Kaserne transportiert, wo sie ein Gewehr und eine Decke erhielten, um dann wie Schafe zur Schlachtbank geführt zu werden. Während eines Krieges in Nicaragua schickte zum Beispiel ein Rekrutierungsoffizier seinem General einige Indios von einer Kaffeeplantage mit den Worten: "Ich schicke Ihnen 40 Freiwillige. Bitte senden Sie mir die Seile zurück."

Die überlegene Bewaffnung und das Zusammentreffen mit unmotivierten und oft verängstigten Gegnern förderte den in der Zeit ohnehin üblichen Rassismus. Die Einheimischen, selbst die Weißen, wurden gerne generell als "Nigger" bezeichnet, denen soldatische Eigenschaften völlig abgesprochen wurden. So dumm diese Konstruktionen auch waren, so verhalfen sie den Söldnern doch zu dem entscheidenden Überlegenheitsgefühl, um ihre Arbeit mit dem notwendigen Schneid zu erledigen. Sie hatten dabei sicher etwas von der Arroganz von Rittern, die sich in schimmernder Rüstung einem elenden Bauernaufgebot gegenüber sehen.

Geradezu legendär für seine Tapferkeit und sein Draufgängertum wurde Lee Christmas aus New Orleans. Er war als Lokführer nach Puerto Cortés dem wichtigsten Bananenhafen von Honduras gekommen. Bei einem Putschversuch 1897 hatten ihn die Rebellen gezwungen Truppen zu transportieren. Christmas hatte sich daraufhin mit einer solchen Begeisterung und Umsicht an ihren Kämpfen beteiligt, dass er auch nach dem Scheitern des Putsches als echter Kämpfer galt. Doch der Diktator von Honduras hatte sich bei den US-Firmen zunehmend unbeliebt gemacht. Zuerst hatte er zur Steigerung der Steuereinnahmen eine Bananensteuer erhoben und dann sogar versucht den Landbesitz von Ausländern einzuschränken. Das war zuviel. Standard Fruit und Zemurray finanzierten den erfolgreichen Putsch der Generäle Terencio Sierra und Manuel Bonilla. Sierra wurde Präsident (1899-1903) und Bonilla Kriegsminister, sollte aber später als Präsident nachrücken. Christmas war zwar an diesen Aktionen nicht beteiligt, wurde aber wegen seines Rufs von Sierra, der anscheinend neues Personal brauchte, als Polizeichef in die Hauptstadt geholt.

Lee Christmas Christmas und Bonilla wurden gute Freunde. Als Sierra dann nicht daran dachte, seinen Präsidentensessel zu räumen und Bonilla seinerseits 1903 putschte, schlug sich Christmas mit seinen Polizeikräften auf dessen Seite. Bis zum Sieg Bonillas kam es zu einigen schweren Kämpfen, in denen Christmas mehrfach sein Talent als Truppenführer und Organisator unter Beweis stellte. Bonilla revanchierte sich und machte ihn zum General. Er bedankte sich aber auch mit neuen Landkonzessionen bei der Standard Fruit der Vaccaro Brüder, da diese sein Unternehmen diskret unterstützt hatten.

1907 kam es dann wegen Grenzstreitigkeiten zum Krieg mit Nicaragua. Da die US-Firmen hier keinen besonderen Favoriten hatten, belieferten sie je nach Gebot beide Parteien, und auch die Söldner dienten hier wie dort. Nicaragua war dennoch deutlich an Artillerie überlegen und verfügte als besonderen Trumpf über die erst seit kurzem auf den Markt gekommen Maxim-Maschinengewehre. Für Nicaragua kämpfte als Oberstleutnant ein gewisser Leonard Croce, ein amerikanischer Minenbesitzer, der später noch für Schlagzeilen sorgen sollte. Zur Entscheidung kam es schließlich in der äußerst blutigen Schlacht bei Namasigüe, in der die amerikanischen MG-Schützen ein wahres Massaker unter den honduranischen Truppen veranstalteten. Bonilla musste ins Exil fliehen und Christmas kam in Gefangenschaft. Er hatte aber wieder durch seine Tapferkeit, für so großes Aufsehen gesorgt, dass er bald freigelassen wurde. Anschließend erhielt von Estrada Cabreras, dem Diktator Guatemalas einen hohen Posten in dessen Geheimpolizei.

Durch den Krieg hatte der Diktator von Nicaragua José Santos Zelaya weiter an Ansehen und Macht gewonnen. In seinem Land war er ohnehin recht populär, da er einige Jahre zuvor die Briten zum Rückzug von der Moskitoküste gezwungen hatte. Zudem galt sein Land als idealer Standort für einen Kanal zwischen Karibik und Pazifik. Irgendwie war ihm aber sein Erfolg zu Kopf gestiegen, denn er dachte, es gäbe für Nicaragua Alternativen zu den Knebelverträgen der US-Firmen. Er erhob Importzölle und verlangte Steuern von den ausländischen Firmen. Schließlich, um Nicaraguas Unabhängigkeit zu demonstrieren, verhandelte er sogar mit deutschen und japanischen Firmen wegen des Kanalprojekts.

Das war eindeutig zuviel. US-Firmen und das State Department arbeiteten nun eifrig an seinem Sturz. Als Marionette schoben sie Estrada von Guatemala vor, der mit ihrem Geld die Rebellion in Nicaragua förderte. Man kann annehmen, dass Christmas an diesen Verschwörungen auch seinen Anteil hatte. 1909 brach dann der Aufstand aus und die Rebellen machten Bluefields an der Moskitoküste zu ihrem Hauptquartier. Diese Nachrichten sorgten für einen ersten Zulauf amerikanischer Abenteurer. Aber Estrada hatte sogar einen festen Agenten in New Orleans, der warb neue Rekruten und stattete sie mit Schiffstickets nach Bluefields aus. Manche wie der Amerikaner Tracy Richardson waren in Bluefields auf der Durchreise hängen geblieben. Richardson hatte schon in einer ganzen Reihe von Kriegen als MG-Schütze gekämpft und erhielt deshalb gleich eine führende Stelle.

Machine-Gun Molony Zu einer besonders wichtigen Person wurde Victor Gordon, der bereits als Söldner im Burenkrieg und mehreren Revolutionen gekämpft hatte. Er hielt sich am Anfang der Rebellion in Panama auf und wurde dort von der United-Fruit für 500$ nach Bluefields geholt. Dort erhielt er jede Menge Geld von amerikanischen Geschäftsleuten, um in New Orleans Söldner zu rekrutieren und Waffen zu kaufen. Dies erledigte er zwar mit gewissem Erfolg, da das vom ihm gecharterte Schiff jedoch von den US-Behörden im Hafen zurückgehalten wurde, musste er mit leeren Händen zurückkehren. Daraufhin schickte ihn Estrada mit neuen Mitteln in die Kanalzone, um dort MG-Schützen zu rekrutieren. Er selbst schrieb später über seine Truppe: "Einige waren Halsabschneider, die aus den USA geflohen waren und nun unter falschem Namen lebten. Andere waren ganz jung und wegen des Abenteurers gekommen. Lediglich einige waren erfahrene Soldaten." Zu den Erfahrenen gehörte Guy Molony, der als "Machine-Gun Molony" berühmt werden sollte. Er stammte aus New Orleans und war bereits mit 16 von zu Hause weggelaufen um im Burenkrieg zu kämpfen. Nach einer kurzen Episode bei der Polizei von New Orleans, hatte ihn dann wieder die Abenteuerlust nach Mittelamerika getrieben. Sein bester Schüler wurde "Jew Sam" Dreben, der aus einem der härtesten New Yorker Viertel stammte

Wie solche Werbungen manchmal konkret abliefen, berichtet ein Deutscher, der in den USA ein unruhiges Leben als Tramp, Gelegenheitsarbeiter und Reporter geführt hatte. Eines Tages traf er in St. Louis einen alten Bekannten, der Leute für ein abenteuerliches Unternehmen suchte, bei dem auch "ein bisschen geschossen" werden sollte. Es war zwar gegen das Gesetz, Männer für eine bewaffnete Expedition in ein anderes Land anzuwerben, dennoch war er sofort einverstanden. Seine Aufgabe bestand darin, ungefähr 20 Mann zu rekrutieren. Darauf verstand er sich. Er suchte zielsicher in der Nähe des Güterbahnhofs, "wo in den Sträßchen dicht am Schienenstrang in kleinen Wirtschaften billiges Bier verkauft wurde, da waren die Männer zu finden, die man brauchte". Eventuelle Bedenken wischte er mit der Bemerkung "es geht gegen Nigger" beiseite. Bei 25$ die Woche hatte er schnell die ersten Rekruten gefunden, die nun ihrerseits weitere mitbrachten. Zufrieden registrierte er einige ehemalige Soldaten, Cowboys und Arbeiter vom Panamakanal, die alle mit Waffen umgehen konnten.

Ähnlich werden auch Estradas Werber vorgegangen sein, so dass sich in Bluefields immer mehr Truppen sammelten. Als genug beisammen waren, wurde im November eine Offensive entlang des San Juan ins Landesinnere unternommen. Doch Zelaya war nicht so leicht zu schlagen; er saß schon recht lange im Sattel und hatte eine schlagkräftige Armee, in der auch immer noch Söldner dienten. Die Rebellen wurden schwer geschlagen und mussten sich wieder an die Küste zurückziehen. Bei dieser Gelegenheit gerieten die beiden amerikanischen Söldner Lee Roy Cannon und Leonard Croce, der vorher noch Zelaya gedient hatte, in Gefangenschaft. Die Nicaraguaner waren entschlossen ein Exempel zu statuieren und ließen die beiden als Rebellen hinrichten.

Das Resultat war äußerst modern. Die US-Presse machte aus der Angelegenheit einen riesigen Skandal, die beiden Söldner galten plötzlich als echte Freiheitskämpfer und Zelaya wurde als grausamer Despot dargestellt. Für die USA war es der lang gesuchte Grund nun auch offiziell etwas in den Krieg einzugreifen, schließlich waren ja zwei US-Bürger "ermordet" worden. Mehrere Kanonenboote wurden nach Nicaragua entsandt und Marines landeten in Bluefields. Diese beteiligten sich zwar nicht an den Kämpfen, waren aber dennoch die Rettung für die angeschlagenen Rebellen, indem sie deren Basis vor Angriffen schützten.

Auch unter den Söldnern hatten die Hinrichtungen nicht den gewünschten Effekt. Viele waren nun fest entschlossen es den "Niggern" richtig zu zeigen. Die Pressekampagne gegen Zelaya tat ein Übriges. Aus Panama und New Orleans strömten Freiwillige nach Bluefields und schlossen sich Estradas Revolte an. Die wenigen Hotels und Absteigen waren bald alle überbelegt, es kam zu Schlägereien und Schießereien. Schließlich waren die Verhältnisse so chaotisch, dass Estrada sogar einige der fremden Abenteurer wieder mit Bananendampfern nach New Orleans zurückbringen ließ.

Bananensöldner Mit den neuen Verstärkungen wurde Ende 1909 die Offensive wieder aufgenommen. Dabei kam es im zentralen Hochland zwischen Rama und Recreo zu äußerst harten Kämpfen, bei denen die Rebellen auch Rückschläge hinnehmen mussten. Schließlich gab aber ihre Überlegenheit an modernem Kriegsgerät den Ausschlag; vor allem die Söldner mit ihren Maschinengewehre wüteten furchtbar unter den Regierungstruppen. Die Bananenfirmen stellten Estrada Schiffe für den Truppentransport ins Landesinnere zu Verfügung. Im Januar 1910 musste Zelaya dann ins Exil gehen. Der  Krieg ging unter seinem Nachfolger dennoch eine Zeit lang weiter, aber die Rebellen gewannen immer mehr Land, und im August konnte Estrada siegreich in Managua einziehen.

Man fragt sich natürlich, ob sich die "Arbeit" der Söldner gelohnt hatte. Der Sold lag normalerweise mit 1,20-1,50$ pro Tag kaum über dem, was ein Arbeiter in den USA verdiente. Aber darum ging es den wenigsten. Viele wollten einfach einmal ein richtiges Abenteuer erleben, ihre Männlichkeit beweisen; mit Maschinengewehren schlecht bewaffnete Eingeborene abzuknallen (man kann es leider nicht anders umschreiben) gehörte da einfach dazu. Storys über "Soldiers of Fortune" erfreuten sich in Zeitungen und Pulp-Magazinen großer Beliebtheit, und Heimkehrer aus Nicaragua wurden in New Orleans manchmal wie Popstars gefeiert. Berühmte Figuren der Szene wie Christmas oder Gordon erhielten oft "Bewerbungsschreiben" von Möchtegernsöldnern. So gefährlich konnte es ja nicht sein, wenn schon der Tod zweier Söldner US-Kanonenboote auf den Plan rief.

Natürlich konnte man an der richtigen Stelle gut Geld durch Vermittlungsgebühren oder Provisionen bei Waffengeschäften verdienen. Auch spätere Posten im Dienst eines Diktators konnten sich als ausgesprochen lukrativ erweisen. Nach wie vor bildete die Beute, die bei der Eroberung von Städten gemacht werden konnte, einen großen Anreiz. So führte Gordon als alter Hase seine Truppe bei der Besetzung Managuas direkt zur Nationalbank, um richtig abzuräumen. Leider war Estrada schneller gewesen, und so reichte Gordon der Sold gerade, um seine Männer auszuzahlen. Das ganz große Geschäft machten die US-Firmen, die sich ihre Hilfe mit neuen Landschenkungen und Steuerprivilegien vergolden ließen.

Durch den Sturz Zelayas rückte Honduras wieder ins Visier, dessen Diktator General Miguel Dávila ja von Zelaya ins Amt gebracht worden war. Der vertriebene Ex-Diktator Manuel Bonilla saß in Belize im Exil und wollte natürlich liebend gerne in den Präsidentenpalast zurück, hatte aber weder Geld noch Waffen. Da traf es sich gut, dass der hoch verschuldete Staat sein Geld zu guten Teilen bei britischen Banken geliehen hatte, was dem US-Außenministerium gar nicht gefiel. Eine geplante Umschuldung mit Hilfe amerikanischer Banken, hätte aber für die Bananenfirmen höhere Abgaben und Zölle bedeutet. So erschien Samuel Zemurray von Cuyamel auf dem Plan. Für entsprechende Zusagen war er bereit Bonilas Putsch zu finanzieren.

Als Mann fürs Grobe wurde Christmas engagiert. Dieser erschien dann im Sommer 1910 als Bonillas General mit einer Menge Geld in Puerto Barrios. Es traf sich gut, dass Krieg in Nicaragua zu Ende ging. So suchten einige nach neuen Jobs. Als einer der ersten wurde Machine-Gun Molony unter Vertrag genommen. Waffen und einige kleine Schiffe wurden angeschafft. Leider häuften sich die Probleme mit den britischen Behörden in Belize. Auch ein Versuch Puerto Cortez im Handstreich zu nehmen, musste wegen britischen Schiffen aufgegeben werden. Deshalb verlagerten Bonilla und Christmas ihre Aktivitäten nach Puerto Barrios, wo sie unter der Protektion von Estrada Material und Männer sammeln konnten. Von dort aus eroberten sie zum Jahresende zwei kleine Bay-Inseln und dann die Küstenstadt Trujillo. Hier begannen sie dann aus Überläufern und Gefangenen ihre eigene Armee aufzustellen. Nach dem Sturm auf das gut befestigte La Ceiba ging durch die freiwillige Kapitulation von Puerto Cortés, der letzte große Hafen der Nordküste in ihren Besitz über. Dadurch kontrollierten sie die Exportverbindungen und einen Großteil der Staatseinnahmen. Dávila war isoliert und der Krieg praktisch gewonnen

Da die USA an keinen weiteren Schießereien und Plünderungen, sondern am "normalen" Gang der Geschäfte interessiert waren, organisierten sie die Friedensverhandlungen auf einem ihrer Kriegsschiffe. Dávila musste ins Exil, und Bonilla konnte, nachdem ein Übergangspräsident der Form halber ein paar Monate regiert hatte, endlich wieder an die Macht zurück. Er bedankte sich bei Cuyamel mit Zollprivilegien und immensen Landschenkungen - Zemurray erhielt 10.000 Hektar bestes Bananenland. Später kam noch mehr dazu, und Cuyamel entwickelte sich mit Riesenschritten. Christmas wurde wieder oberster Polizeichef und später wurde er Comandante von Puerto Cortez, wo es reichlich Gelegenheit gab beim Zoll an Schmiergeldern zu verdienen.

Bananen ein gutes Geschäft Nach der Revolution in Honduras waren Söldner nicht mehr so gefragt. Die Bananenfirmen machten hervorragende Geschäfte und auch die USA waren mit den Diktatoren, die ihre Macht mit lokalen Sicherheitskräften ausübten, weitgehend zufrieden. Natürlich gab es auch da Jobs, doch ohne richtige Action. Das war aber kein großes Problem, denn 1910 brach die mexikanische Revolution aus, in der hunderte Glück und Abenteuer fanden. Kein Wunder also, dass bald auch viele der Veteranen dort anzutreffen waren, u.a. Sam Dreben und Tracy Richardson. Beim Kriegseintritt der USA in den ersten Weltkrieg eilten viele dann begeistert zu den nationalen Fahnen, wodurch unterstrichen wird, dass Söldnerdienste sehr oft aus Mangel an nationalen Kriegen ausgeübt werden.

Zu einer der schillerndsten Figuren entwickelte sich Machine-Gun Molony. Er wurde 1920 Polizeichef von New Orleans, was ihn aber nicht davon abhielt enge Beziehungen zur Mafia zu unterhalten, die sich wahrscheinlich aus seinen Kontakten zu den Vaccaro Brüdern und deren Standard Fruit ergeben hatten. Man unterstellt ihm auch eine Verwicklung in den Mord an Senator Huey B. Long, der lange von der Mafia geschmiert aber dann zu gierig geworden war. Molonys Geschäfte gingen gut, er erwarb später große Plantagen in Honduras und war dort auch mal wieder als General tätig. Nebenbei soll er groß im Drogenhandel und für die CIA tätig gewesen sein. Bis in die 1960er Jahre blieb er einer der wichtigsten Männer der heimlichen US-Außenpolitik in Mittelamerika. Dahinter stand natürlich weiter Sam, Banana-Man Zemurray. Seine Firma Cuyamel wurde zwar 1933 von der United Fruit Company übernommen, durch seinen riesigen Aktienanteil und nicht zuletzt seine Erfahrungen wurde er aber schließlich zum Direktor des gesamten Unternehmens und somit für Jahrzehnte zu dem Mann, der in Mittelamerika die Fäden zog.

© Frank Westenfelder  
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