Bald wirst du dem Kalbfell folgen müssen.

Die Abenteuer Johann Friedrich Löfflers.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurden die von den Fürsten vermieteten Subsidienregimenter zu einem einträglichen Geschäft, für das ständig neuer Nachschub an Menschen benötigt wurde. Aber auch die Großabnehmer wie Holland, Frankreich und England warben für ihre eigenen Regimenter gerne Ausländer. Nach Möglichkeit sollte die eigene Bevölkerung geschont werden, da man diese ja zum Arbeiten und Steuerzahlen brauchte. Zum Militär wurden wie üblich Sträflinge, Arbeitslose und Vagabunden gepreßt. Ausländische Handwerksburschen, fremde Deserteure und Seeleute waren dabei bevorzugte Objekte der Menschenfänger. Zu ihnen steckte man Kriegsgefangene und hungernde Emigranten. Kein Regiment in Europa zu dieser Zeit national homogen zusammengesetzt, aber vor allem die Kolonialtruppen hatten immer einen besonders hohen Ausländeranteil. Die Spuren dieser namenlosen Söldner verlieren sich in britischen, niederländischen und französischen Regimentsgeschichten. Lediglich von einigen Offizieren sind die biographische Notizen bekannt, vom gemeinen Fußvolk, wenn es nicht mindestens in Kompaniestärke auftrat, weiß man wie immer wenig. Eine der seltenen und interessanten Ausnahmen ist die Autobiographie Johann Friedrich Löfflers.

Löffler war einer dieser zahllosen armen Teufel, die ohne eigenes Zutun vom Schicksal durch die bewegte Zeit getrieben wurden. Seine Eltern waren arm und nachdem sich der Vater davon gemacht hatte, blieb die Mutter allein mit fünf Kindern im schlesischen Schweidnitz zurück. Da war weder Zeit noch Geld für einen regelmäßigen Besuch der Schule, und Löffler räumte später ein, daß er nur notdürftig Lesen und Schreiben gelernt hatte. Bereits mit zwölf Jahren kam er zu einem Tuchmacher in die Lehre; er sollte Geld verdienen. Es gab Schläge und wenig zu Essen, und der junge Bursche träumte vom Glück in der großen weiten Welt. Er konnte sich zwar nur wenig darunter vorstellen, nur besser sollte es sein. Das armselige Leben seiner Familie und der Tuchmachergesellen hatte er schließlich täglich vor Augen. 1785 am Ende seiner Lehrzeit, gerade siebzehnjährig brach er von zu Hause auf. Die Mutter tat ihr Bestes, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Als sie schließlich einsah, daß ihre Bemühungen vergeblich waren, sagte sie prophetisch: "Geh mit Gott, bald wirst du anderen Menschen gehorchen oder dem Kalbfell folgen müssen". Alles was sie ihm zum Abschied mitgeben konnte war ein Siebzehnkreuzerstück, was ungefähr einem Drittel Gulden entsprach.

Österreichisches Militär Als Handwerksgeselle durchwanderte Löffler Schlesien, Teile von Polen und kam dann nach Österreich, überall bettelnd und vergeblich nach Arbeit suchend. In Wien faßte er den Entschluß nach Konstantinopel zu ziehen. Dort in der fernen Türkei hoffte er sein Glück zu machen. Doch er wurde krank und schleppte sich auf der Suche nach einer Unterkunft durch die prächtige Hauptstadt. Da wurde er von einem Mann in Uniform angesprochen. Dieser interessierte sich mitfühlend für sein Schicksal und lud ihn in einer Herberge zum Essen ein. Bei so manchem Becher Wein schilderte er ihm dann die Vorzüge des Soldatenlebens in den buntesten Farben. Löffler war hungrig und krank, hatte weder Geld noch Unterkunft. Also dauerte es nicht lange bis er sich für ein Handgeld von 45 Gulden verpflichtete, dem Kaiser im Regiment Deutschmeister für sechs Jahre zu dienen.

Der Militärdienst ließ sich gut an. Um seine Genesung zu fördern, erhielt Löffler anfangs doppelte Brotrationen und wurde auch beim Exerzieren geschont. Unter diesen Umständen fügte er sich schnell in die neuen Verhältnisse und kaufte sich für sein Handgeld neue Uniformteile. Geschniegelt, mit einem hohen Federbusch am Hut stolzierte er durch die Garnison. Da kam es wieder einmal zum Krieg mit der Türkei. Diese war zwar mittlerweile militärisch völlig rückständig, aber unter den Österreichern kursierten immer noch zahlreiche Schauergeschichten über Grausamkeiten an Verwundeten und Gefangenen. Mit einem deutlich unguten Gefühl zog Löffler in seinen ersten Krieg. Trotz aller Befürchtungen eilten die österreichischen Truppen von Sieg zu Sieg. Bei einem Gefecht erhielt Löffler einen Steckschuß in der Brust, war aber nach seiner Genesung bei der Eroberung von Dubicza und Belgrad dabei. Von der reichen Beute, die vorwiegend dem Kaiser und den höheren Offizieren zugute kam, wurde auch den Mannschaften mehrmals doppelte Löhnung bezahlt. Wein und Fleisch gab es reichlich und in Belgrad erlaubte man ihnen sogar eine dreiviertelstündige Plünderung, bei der Löffler einige silberne Uhren erbeutete.

Als nach gut drei Jahren Frieden geschlossen wurde, war er Unteroffizier und fühlte sich als alter Hase. Im Garnisonsdienst schliff er nun selbst Rekruten. An Wochenenden dagegen trug er stolz seine Uniform und seinen Schnurrbart spazieren. Bei einer dieser Gelegenheiten lernte er eine wohlhabende, ältere Witwe kennen und erhielt sogar eine Heiratserlaubnis seines Regimentskommandeurs. Wahrscheinlich wäre er in Wien als Unteroffizier alt geworden, wenn es nicht zum Krieg mit dem revolutionären Frankreich gekommen wäre. So mußte er sich von seiner Braut verabschieden und mit dem Heer in die österreichischen Niederlande marschieren. Der Krieg zog sich mit kleineren Gefechten und Belagerungen in die Länge. In den Winterlagern war es kalt und die Verpflegung mager. Weihnachten 1793 ließ sich Löffler schließlich recht widerwillig von einigen Kameraden zur Desertion überreden.

Sie kamen nicht weit. Nach einem kurzen Fußmarsch im Schnee wurden sie von Husaren eingefangen und vor ein Kriegsgericht gestellt. Zu ihrem Glück begnügten sich die Richter damit, nur einen der Rädelsführer zur Abschreckung zu hängen. Die anderen wurden zu zehnmaligem Spießrutenlaufen verurteilt. Löffler wurde dabei schlimm zugerichtet, was ihn aber noch härter traf, war, daß er zum Gemeinen degradiert wurde. Im folgenden Frühjahr geriet er dann in französische Gefangenschaft. Auf ihrem Weg ins Landesinnere litten die Gefangenen stark unter Krankheiten, mangelnder Verpflegung und der feindlichen Bevölkerung. Ihre Lage besserte sich erst, als sie bei Bauern in der Champagne als Landarbeiter einquartiert wurden. Doch zumindest für Löffler währte die Gefangenschaft nicht allzu lange. Nach dem Frieden zwischen Preußen und Frankreich wurde er als preußisches Landeskind entlassen. Von den Behörden mit einem "Laufpaß" und von den Bauern mit einem dicken Freßpaket versorgt, machte er sich auf den Heimweg.

Hafen von Amsterdam Er war jetzt 27 Jahre alt und fest entschlossen, den Soldatenberuf an den Nagel zu hängen. Von seiner Reiselust kuriert, wollte er nach Hause und dort friedlich als Tuchmacher sein Brot verdienen. Zu diesem Zweck plante er einen Umweg über die Niederlande, um sich dort über den neuesten Stand seines alten Berufs zu informieren. Seine alte österreichische Uniform bestand nur noch aus dreckigen Fetzen und sein hohlwangiges Gesicht wurde völlig von einem wilden Bart überwuchert. Trotzdem traf er immer wieder genügend hilfreiche Menschen, so daß er sich ohne Schwierigkeiten bettelnd bis Antwerpen durchschlagen konnte. Dort traf er vier andere deutsche Handwerksburschen, denen er sich noch für einen Abstecher nach Rotterdam anschloß. In Rotterdam wurden die abgerissenen Gestalten freundlich von einem deutschstämmigen Holländer in sein Haus eingeladen. Von seiner Familie wurden sie herzlich aufgenommen und bestens bewirtet. Nach zwei Tagen wurde ihnen ihr Gastgeber aber doch etwas unheimlich. Vor allem nachdem sie festgestellt hatten, dass er sie mit vielen Ausreden davon abhielt, das Haus zu verlassen, und das Fenster ihres Schlafzimmers vergittert war.

Als sie sich dennoch von der Weiterreise nicht mehr abbringen lassen wollten, schlug ihnen der freundliche Herr vor, ihnen noch Rotterdams weltberühmten Hafen mit seinen Schiffen zu zeigen. Im Hafen gab es für die Landratten viel zu bestaunen, und ihr Gastgeber erbot sich sogar, ihnen die Besichtigung eines Schiffes zu ermöglichen, mit dessen Kapitän er bekannt war. Auch der Kapitän war die Freundlichkeit in Person und bewirtete seine Gäste mit Brot, Schinken und Käse und einem ganzen Korb voller Flaschen. Doch, wie sich jeder denken kann, währte die Eintracht nicht lange. Nachdem sich ihr Gastgeber aus dem Staube gemacht hatte, erklärte ihnen der Kapitän, daß sie ab sofort Angehörige der holländischen Marine seien. Ihr Gastgeber hatte für sie 500 Gulden kassiert, wodurch das sonst übliche Handgeld und der Sold für die ersten drei Monate entfielen. Angesichts der herbeigerufenen Seeleute half weder Toben noch Bitten; sie mußten sich grollend in ihr Schicksal fügen. Anders als seine Kameraden akzeptierte Löffler die neue Situation ohne Protest. Schon als Unteroffizier war er Vorgesetzten gegenüber immer eher servil als renitent gewesen. Mit den alten unruhigen, wilden Gesellen hatte er nichts mehr gemein; er gehorchte und biederte sich an.

Seine erste Fahrt führte ihn bis vor die Küste Grönlands. Das Kriegsschiff fuhr als Geleitschutz für holländischen Walfänger. Bis auf Öl und Rum waren alle Vorräte an Bord eingefroren; die Takelage mit Eis überzogen, und auch unter Deck herrschte bittere Kälte. Doch bald ging es in tropische Gefilde. Nachdem das Schiff überholt worden war, segelte es im Verband mit einer größeren Flotte nach Südafrika, um die Garnison dort gegen englische Angriffe zu verstärken. Aber nicht alle an Bord waren so anpassungsfähig wie Löffler. Während eines Zwischenstopps vor den Kanaren unternahmen drei Matrosen trotz der hohen Brandung einen verzweifelten Fluchtversuch. Zwei ertranken in den Wellen, und der dritte wurde von einem Beiboot wieder eingefangen. Als er sich halbwegs erholt hatte, wurde er zur Strafe drei Mal gefesselt unter dem mit scharfen Muscheln bewachsenen Kiel durchgezogen. Dabei erlitt er so schwere Verletzungen, daß er am nächsten Tag starb. Ein weiterer Matrose, der kurz darauf ebenfalls bei einem Fluchtversuch erwischt wurde, wurde kurzerhand zur Warnung an die Rah gehängt. Vor St. Helena kaperten sie einen englischen Kauffahrer und die Mannschaft erhielt den erbeuteten Rum. Die englische Mannschaft, darunter auch einige Hannoveraner, trat zum Großteil in holländische Dienste.

In Südafrika wurde zwar mit Befestigungsarbeiten begonnen, doch als kurz darauf die englische Flotte erschien, kapitulierten die Holländer, ohne einen Schuß abzufeuern. Löffler war jetzt wieder Kriegsgefangener und wurde mit den anderen in einem Kastell bei Kapstadt untergebracht. Es dauerte nicht lange bis die englischen Werber erschienen, um die Gefangenen für den Dienst der Ostindischen Kompanie zu gewinnen. Die meisten zögerten nicht lange und nahmen das Handgeld. Einige weigerten sich allerdings hartnäckig; sie wurden nach einiger Zeit im Gefängnis bei halben Rationen nach England eingeschifft. Unter ihnen befand sich auch Löffler. Man kann nur rätseln, warum er plötzlich soviel Standfestigkeit besaß. In seinen Memoiren berief er sich groß auf seinen Eid. Das ist allerdings in Anbetracht der Art und Weise, wie er zur holländischen Marine gekommen war, eher lächerlich. Wahrscheinlich hatte er einfach vom Krieg die Nase voll und hoffte in die Heimat entlassen zu werden. Doch diese Möglichkeit stand Leuten wie ihm nicht offen.

In England wurde er mitten im Winter in ein finsteres Verlies geworfen. Er schrieb: "Meine tägliche Kost waren Brot und Wasser, das mir, wenn ich es nicht schnell verzehrte, bei der grimmigen Januarkälte unter der Hand gefror. Selten erhielt ich eine warme Suppe und auch die nur von dem geringen Erlös aus dem Verkauf meiner holländischen Montierung. Bald war ich von allem entblößt und halb nackt. Auf dem mit Lumpen bedeckten Strohlager suchte mich Ungeziefer aller Art heim". Als seine Not ihren Höhepunkt erreicht hatte, besuchte ihn ein französischer Emigrantenoffizier und hatte keine Schwierigkeiten mehr, ihn mit einer warmen Suppe für die englische Armee zu gewinnen. Er erhielt jetzt "eine neue, schöne rote Uniform" und leistete seinen Eid auf König Georg.

Seeschlacht von Trafalgar Als Veteran wurde er Sergeant also wieder Unteroffizier und mit seiner Einheit zur Sicherung der Kolonien nach Jamaika verlegt. Schon bei der Ankunft in der Hauptstadt Kingston faszinierte ihn das Völkergemisch aus Schwarzen, Indianern, Mischlingen und Weißen aus allen Nationen. Das bunte Treiben kam ihm vor wie ein "großer Maskenball". Aber auch die Landschaft hatte es ihm bald angetan; er schwärmte von dem fruchtbaren Land, den anmutigen Zimt- und Kokoswäldern und den blühenden Fluren. Doch bevor er so richtig heimisch werden konnte wurde sein Regiment nach England zurückgerufen, da Napoleon in Ägypten gelandet war. Löffler diente auf der Flotte und lernte in der Seeschlacht bei Abukir die Schrecken des Seekriegs kennen. Als einfacher Seesoldat sah Löffler nichts von und Nelsons Manövern. Er steckte bei den Geschützen im Zwischendeck, wo der Pulverqualm Sicht und Atem nahm, Splitter und Leichenteile herumflogen.

Die Feuerkraft der Linienschiffe hatte sich in den letzten hundert Jahren gewaltig gesteigert. Sie glichen schwimmenden Festungen mit bis zu hundert schweren Geschützen und an die 1000 Mann Besatzung. Nur ganz selten wurde eines dieser Ungetüme versenkt; meistens lagen sie nebeneinander und spien sich so lange den Eisenhagel ihrer Breitseiten in die Rümpfe, bis einer der qualmenden und bluttriefenden Trümmerhaufen die Flagge strich. Abukir war einer von Nelsons großartigen Siegen, aber auch die englischen Schiffe hatten einen furchtbaren Blutzoll entrichtet. Auf Löfflers Schiff war ein Drittel der Mannschaft gefallen oder zum Krüppel geschossen. Er selbst war zwar unverwundet, hatte aber für immer das Gehör im linken Ohr verloren. Selbst ihn als alten Krieger packte am Morgen nach der Schlacht das Grauen. Die Decks glichen einer Schlachtbank und die See wälzte Wrackteile und Leichenhaufen um. "Tausende von Leichen schwammen unter den brennenden Schiffstrümmern umher; stolze, prachtvolle Schiffe waren erbärmlich zerrissen."

Nach diesem Gemetzel war er froh, als sein Regiment wieder nach Jamaika zurückkehren durfte. Dort lernte er fleißig Englisch, um seinen Pflichten als Ausbilder nachkommen zu können. Die notwendige Lautstärke hatte er sich bereits als österreichischer Unteroffizier angeeignet, und so erfüllte er bald den Kasernenhof mit seinen Gebrüll, wie er stolz berichtet. Da die meisten Offiziere ihre Stellen gekauft hatten und deshalb nur wenig vom Militär verstanden, erfreute er sich relativ großer Freiheiten. Mit kleinen Schnitzarbeiten besserte er seinen Sold auf, um ihn dann in den Kneipen zu vertrinken. Im Garten des "Duke of York" saßen die Unteroffiziere oft angenehm im Schatten der Palmen und ließen die mit Rum gefüllten Bambusbecher kreisen. Dabei wurde kräftig schwadroniert, und der weitgereiste Löffler mit seinem prächtigen Schnurrbart gab immer wieder gern seine Abenteuer aus dem Türkenkrieg zum besten. Zwischen Suff und Angeberei kam es dabei manchmal zu Streitigkeiten. Löffler mußte einmal sogar ein Duell mit einem befreundeten englischen Feldwebel bestehen. Nachdem sie sich einige leichte Fleischwunden beigebracht hatten, fielen sie sich gerührt um den Hals, verbanden sich gegenseitig ihre Verletzungen und begossen im Duke of York ihre Versöhnung. Es waren die üblichen Lappalien, die in den Kolonien oft mehr Söldner das Leben kosteten, als Kämpfe mit den Eingeborenen.

Zucker in Westindien Auf Dauer erschien ihm das Leben als Ausbilder trotzdem etwas anstrengend. Außerdem machte ihm noch die Kugel aus dem Türkenkrieg zu schaffen. Mit Hilfe eines Offiziers, erreichte er schließlich seine Beurlaubung als Halbinvalide. Wie viele entlassene Söldner fand er eine Stellung als Buchhalter und Aufseher auf einer Plantage. Er war anscheinend ein milder Aufseher. Die Sklaven dauerten ihn und er hielt es für seine erste Pflicht, ihr "trauriges Los auf alle Weise erträglicher zu machen". Im Gegensatz zu den Pflanzern hatte er während seines aktiven Dienstes selbst genug Prügel bekommen und deshalb wenig Verständnis dafür, daß man Menschen wie Vieh hielt und wegen der geringsten Vergehen auspeitschen ließ. Aber auch das angenehme Leben und die Schönheit der Landschaft stimmten Löffler versöhnlich. Manchmal klingen seine Erinnerungen geradezu begeistert: "An einem jener unvergleichlich schönen Spätmorgen, wie ich sie nur auf Jamaika durchlebte, wo alles flammt und prangt, blüht und duftet, wo der klare Spiegel des Meeres in der Glut der Sonne ruht, an einem solchen Morgen arbeitete ich mit den Negern in einer weitläufigen Kaffeepflanzung". Dazu genoß er in Maßen den auf der Plantage produzierten Rum und die Welt war für ihn in Ordnung.

Nach einiger Zeit wurde er Exerziermeister der Stadtmiliz von Kingston, in der alle freien Bürger Jamaikas, Schwarze und Weiße, zusammengefaßt waren. Da er durch die wenigen Übungen der Miliz nicht viel zu tun hatte, mußte er außerdem noch kleinere Polizeiaufgaben übernehmen. Als Hilfspolizist mußte er einmal eine junge Sklavin zur Bestrafung ins Besserungshaus bringen. Von den Tränen und der Schönheit des Mädchens gerührt, bestach er den Aufseher, damit ihr die Strafe erlassen wurde. Aus dieser Begegnung wurde eine Liebesbeziehung, und bald war Löffler von dem Gedanken besessen, einen eigenen Hausstand zu gründen. Das Problem dabei waren die Besitzverhältnisse, denn er hätte nie das Geld für ihren Freikauf aufbringen können. Durch die Vermittlung eines befreundeten Offiziers erhielt er schließlich die Erlaubnis, das Mädchen gegen eine monatliche Zahlung von drei Talern zu mieten. Seinem Glück stand nun nichts mehr im Wege. Nachdem das Mädchen auf den christlichen Namen Nancy getauft worden war, wurde Hochzeit gehalten.

in den Kolonien Die Verwaltung, die an jedem neuen Kolonisten interessiert war, schenkte ihm ein kleines Grundstück und Löffler begann mit dem Bau seines Hauses. Liebevoll verzierte er die Veranda mit Schnitzereien, zimmerte Teakholzmöbel und besorgte Schildkrötenpanzer als Geschirr. Bald nach dem Bezug des neuen Heims stellten sich die ersten kleinen Löffler ein, im ersten Jahr ein Sohn und im zweiten eine Tochter. Löffler freute sich an den Kindern, exerzierte ab und zu mit seinen Feierabendsoldaten und war rundum ein guter Bürger Jamaikas geworden. Auch darin glich sein Schicksal dem von tausenden, die in Batavia, Ceylon, Kapstadt oder einer anderen Kolonie hängengeblieben waren. Sicher wäre alles dabei geblieben, wenn ihm der Krieg nicht wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte.

Mit Napoleons Einfall in Spanien hatte sich der Krieg in Europa ausgeweitet und Löfflers Bataillon wurde wieder mobilisiert. Trotz seiner vierzig Jahre und seiner Proteste mußte er wie viele seiner Kameraden von Frau und Kindern Abschied nehmen. Sein alter Freund der englische Feldwebel versprach, sich während seiner Abwesenheit um seine Familie zu kümmern. Auf der Überfahrt ertränkte Löffler seinen Kummer in Rum und träumte davon, noch ein letztes Mal seine Geschwister in Schweidnitz zu besuchen, bevor er endgültig nach Jamaika zurückkehren würde. Im englischen Kriegshafen Portsmouth wimmelte es von Truppen, aber Löfflers Bataillon aus müden, alten Kolonialkriegern war nicht für den Einsatz auf dem Kontinent eingeplant. Es sollte die englischen Eroberungen in Südafrika sichern. So kehrte er dann nach zwölf Jahren als englischer Söldner ans Kap zurück. Dort wurde seine Einheit zum Kampf gegen die Eingeborenen an die nördliche Grenze verlegt. In der Einöde verging die Zeit mit Befestigungsarbeiten, Patrouillen und kleineren Scharmützeln. Es passierte nicht viel, trotzdem forderten die langen Märsche durch Wüsten und Savannen, Krankheiten und die Speere der Hottentotten ihre Opfer, so daß nach fünf Jahren nur noch knapp die Hälfte der Truppe nach Kapstadt zurückkehrte.

Auch nachdem Napoleon endgültig geschlagen war, blieb Löffler noch einige Zeit im Dienst. Bis im Zuge der allgemeinen Demobilisierung alle Ausländer entlassen werden sollten. 1818 wurde er dann tatsächlich in Hannover verabschiedet und nach der Begleichung seiner Schulden verblieben ihm noch 16 Goldstücke, das Ergebnis von 31 Jahren Kriegsdienst. Damit machte er sich dann auf den Heimweg nach Schlesien. In einer Herberge in Leipzig wurde ihm nachts sein ganzes Geld gestohlen, und er mußte sich wieder wie in jungen Jahren bettelnd durchs Land schlagen. Bei Schweidnitz fand er schließlich seinen Bruder, der ihn zwar zuerst nicht erkannte, dann aber herzlich bei sich aufnahm. Der "englische Korporal" wurde schnell zu einer Attraktion im Dorf, und bei großen Krügen mit Bier und einer Pfeife Tabak widmete sich Löffler der Lieblingsbeschäftigung vieler alter Krieger - dem Geschichten-erzählen. "Es waren schöne Tage und Stunden, die ich jetzt verlebte. Gehoben und getragen von der allgemeinen Achtung der biederen Dorfbewohner, vergaß ich das Ungemach vergangener Zeiten und fühlte mich dabei so glücklich wie ein kleiner König," schrieb er über diese Zeit. Später schlug er sich mehr schlecht als recht durchs Leben, wahrscheinlich immer bereit ein Bier oder eine warme Mahlzeit mit seinen Geschichten zu bezahlen. Schließlich schrieb er wie schon so mancher vor ihm seine Erlebnisse auf und erhielt dafür von einem Verleger eine kleine lebenslange Pension.

© Frank Westenfelder  
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