Unter dem Turban
Renegaten und Korsaren.
Plötzliche Friedensschlüsse konnten Seeleute mit Arbeitslosigkeit
in ihrer Existenz bedrohen konnten. Noch schlimmer traf der Frieden aber
unternehmungslustige Kapitäne und Reeder, die mit viel Kapital ihre
Handelsschiffe zu Kapern umgerüstet hatten. Im Krieg hatten sie mit
etwas Glück riesige Gewinne gemacht; im Frieden standen sie vor dem
Ruin. Manche zogen in die Karibik und setzten den Kaperkrieg dort auf eigene
Faust fort. Sie wurden "Flibustier", wie man Piraten dort nannte. Die umstrittenen
Inseln weitab von Europa, wurden dadurch zu einem Schlupfwinkel für
zahlreiche ehemalige Söldner, die auf bessere Zeiten warteten, oder
sich ganz den neuen Erwerbsmöglichkeiten widmeten. Doch auch in der
Karibik wurde der Spielraum mit der Zeit enger, und die Flibustier mussten
sich immer mehr dem Willen der Gouverneure beugen und sich als billige
Söldnertruppe an die Friedensschlüsse in Europa halten. Die besonders
Wagemutigen führten ihre Schiffe deshalb nach Algier, Tripolis oder
Tunis und "nahmen den Turban", das heißt, sie traten zum Islam über.
Die Städte an der Barbareskenküste unterstanden dem Sultan in
Konstantinopel nur nominell und waren eigentlich selbständige Seeräuberstaaten,
die sich durch kein Abkommen gebunden fühlten.
Die Geschichte christlicher Krieger, die zu Moslems wurden, ist so alt
wie der Konflikt zwischen Christentum und Islam. Aber das 17. und frühe
18. Jahrhundert bildeten die Höhepunkte des Renegatentums. Dominierten
früher Griechen, Italiener und Spanier, so kamen jetzt mit jedem Friedensvertrag
die arbeitslosen Kaperkapitäne aus Holland, England und Frankreich.
Erst sie brachten das notwendige Know How als Schiffsbauer, Artilleristen,
Geschützgießer und Navigatoren, mit dem die Barbareskenstaaten
ihre veralteten Seekriegsmethoden revolutionieren und in den Atlantik vorstoßen
konnten. Da war John Ward ein Fischer aus Kent, der sich innerhalb weniger
Jahre eine eigene Flotte zusammengeraubt hatte, der, obwohl vom Großherzog
der Toskana und dem Herzog von Savoyen umworben, trotzdem in Tunis blieb;
der Flame Simon Dansker, der sich schließlich mit seinen Schätzen
absetzte und vom französischen König amnestiert in Marseille
zur Ruhe setzte; der Franzose Soliman, der ein großer Lehrmeister
im Schiffsbau wurde; der Holländer Jan Jansz, der unter dem Namen
Morad-Reis mit seinen Korsaren 1627 sogar Island plünderte, und auch
ein Hamburger hat als Scheele Murat von sich Reden gemacht.
Zeitweilig waren weit über die Hälfte der "Reis", wie die
selbständigen Korsarenkapitäne genannt wurden, christliche Renegaten
oder deren Söhne. Aber auch unter den einfachen Seeleuten gab es zahllose
Renegaten und christliche Sklaven. Mit der Verlagerung des Handels auf
die Weltmeere verlegten auch die Barbaresken ihre Aktivitäten immer
mehr in den Atlantik und lauerten dort auf Amerika- und Ostindienfahrer.
Zwischen 1613 und 1621 kaperten sie 447 holländische, 193 französische,
120 spanische, 60 englische und 56 deutsche Schiffe. Hinzu kam weiterhin
der gezielte Menschenraub an den Küsten, wobei einzelne Flotten ihre
Raubzüge bis Holland, England und Island ausdehnten.
Solche Tafeln befanden sich oft in Kirchen und sollten zu Spenden aufrufen.
Zehntausende christlicher Sklaven lebten in den Bagnos der Barbareskenküste
und warteten darauf, freigekauft zu werden. In Algier sollen sie im 17.Jahrhundert
fast die Hälfte der Bevölkerung gestellt haben. Viele versuchten
ihr hartes Schicksal zu erleichtern und konvertierten zum Islam. Als Schiffszimmermann,
Kanonier oder als Haussklave reicher Mohammedaner konnte man rasch Karriere
machen. Andererseits wurde damit jede Aussicht auf Freikauf zunichte gemacht,
was oft zu großer Verbitterung unter den Renegaten führte, die
sich nicht ganz zu Unrecht im Stich gelassen fühlten. Obwohl es in
Spanien und Italien tausende von islamischen Sklaven gab, dachte niemand
an einen Gefangenenaustausch. Sklaven waren ein wertvoller Privatbesitz,
auf den die Regierungen, selbst wenn sie sich dafür interessiert hätten,
keinen Zugriff hatten. Sklaverei war das persönliche Pech der Betroffenen.
Besonders schwer war es für die deutschen Gefangenen, da für
sie keine diplomatische Vertretung zuständig war. Aus diesem Grund
wurde in Hamburg 1622 eine Sklavenkasse zum Loskauf von gefangenen Seeleuten
gegründet. Für diejenigen, die auf ausländischen Schiffen
gefahren waren, fühlte sich jedoch niemand zuständig.
Frankreich, England und die Niederlande hatten die Barbaresken als Hauptgegner
Spaniens zwar immer wieder unterstützt und trotz heftiger Proteste
anderer Staaten Pulver, Kanonen und Schiffsausrüstung nach Tunis und
Algier geliefert. Je mehr sie jedoch die Spanier von den Meeren verdrängten,
desto mehr wurden ihre eigenen Schiffe Opfer der Korsaren. Vor allem die
Niederländer bekämpften die Korsaren unerbittlich. Die Renegaten
hatten dabei keine Gnade zu erwarten. Während gefangene Nordafrikaner
und Türken als Sklaven verkauft wurden, warf man gefangene Renegaten
erbarmungslos über Bord, man "spülte ihnen die Füße",
wie man es nannte. Die Renegaten verfolgten deshalb wiederum ihre ehemaligen
Landsleute mit ganz besonderem Eifer und waren auch unter den Moslems für
ihr barbarisches Benehmen berüchtigt. "Daher fürchtete der holländische
Seemann niemanden mehr als den niederländischen Renegaten", charakterisiert
ein Fachmann der niederländischen Seekriegsgeschichte die Lage.
Wie bei allen Kleinkriegen waren die Fronten aber auch hier nicht klar
abgesteckt. Politische Intrigen, Schmuggel, Korruption und Profitgier bestimmten
das Geschehen weit stärker als der Kanonendonner der Geschütze.
Immer wieder lieferten einzelne Großmächte und risikobereite
Kaufleute Munition und Schiffsausrüstung. Ohne Holz, Segel und Kanonen
aus Westeuropa hätten die Barbareskenstaaten nur wenige Schiffe bauen
können. Bei einer Seeschlacht in der Ägäis beobachtete ein
Seemann 40 holländische, englische und französische Schiffe in
der türkischen Flotte, die "umb eine große Summa Geldes dienten".
Einzelne Kapitäne verkauften in Algier gut bewaffnete Schiffe samt
Ladung.
Vor allem jedoch sparten die Reeder an Bewaffnung und Besatzung, um
Ladekapazität und Profit auf Kosten der Sicherheit zu erhöhen.
Natürlich gab es Vorschriften und Gesetze, doch wie immer waren diese
nur dazu da, umgangen zu werden, wenn nur der Gewinn groß genug war.
Viele Schiffe waren derartig chronisch unterbemannt, dass in einem Gefecht
mit Seeräubern nur zwei, drei Geschütze bedient werden konnten,
sofern diese überhaupt gefechtsbereit waren und nicht nur als Ballast
im Kielraum lagerten. Es war ein Geschäft, bei dem ein gut kalkuliertes
Risiko den höchsten Gewinn brachte, und das Schicksal der Seeleute
spielte dabei nur eine unwesentliche Rolle.
Einer der armen Teufel, die dabei leider Pech hatten, war der Thüringer
Michael Kühn. Er wurde 1699 in Gotha geboren und lernte bei seinem
Vater Metzger. Jedoch auch an ihm nagte die Reiselust; er wollte etwas
von der Welt sehen. Als Handwerksbursche auf die Walz zu gehen erschien
ihm dazu nicht der richtige Weg; er wollte lieber "wenns möglich seyn
wolte, über die Säulen des Hercules hinaus, oder in Nova Zembla
Bürgermeister zu werden". Also heuerte er in Hamburg auf einem Grönlandfahrer
zu Walfang und Seehundjagd bei Spitzbergen an. Anschließend fuhr
er auf Handelsschiffen nach Lissabon, Cadiz, den Kanaren und Amerika.
Das Reisen ließ sich gerade ganz gut an, als Kühns Schiff
1724 bei einer Fahrt nach Cadiz von algerischen Korsaren überfallen
wurde. Der Hamburger Kauffahrer hatte zwar 18 Kanonen aber aus den üblichen
Sparsamkeitsgründen nur 28 Mann Besatzung, die Korsaren dagegen mehrere
hundert. Als nach stundenlanger Kanonade Segel und Masten zerschossen,
acht Mann tot und die meisten verwundet waren, wurde das Schiff geentert
und der erschöpfte Rest überwältigt. Das Schiff wurde nach
Algier gebracht, wo die Gefangenen auf dem Sklavenmarkt verkauft wurde.
Mit zwei anderen Hamburgern kam Kühn in den Besitz eines Reis,
für den sie ihr altes Schiff als Kaper umrüsten mussten. Es trug
jetzt 44 Kanonen und 300 Mann Besatzung, inklusive 18 Sklaven. Wie die
anderen Sklaven diente Kühn als Kanonier. Doch auch das Leben der
Korsaren erwies sich nicht als einfach. Beute war auf der weiten See nicht
einfach zu finden und wenn, war sie oft stark bewaffnet. Gefürchtet
waren vor allem die feindlichen Fregatten, die Jagd auf die Korsaren machten.
Auf Kühn erster Fahrt gelang es zwar gemeinsam mit einem zweiten Algerier
vor der spanischen Küste ein Hamburger Schiff zu kapern, bei der Rückfahrt
trafen sie jedoch auf vier holländische Kriegsschiffe. In einem schweren
Gefecht wurden sie böse zerschossen und mussten auf ihre Beute verzichten.
Letztendlich konnten sie nur knapp im Schutz eines Sturmes entkommen.
Im Jahr darauf wurde eine Fahrt zu den Kanaren unternommen, um dort
Sklaven zu fangen. Die Korsaren wurden aber gleich nach ihrer Landung von
der Küstenwache vertrieben. Anschließend wurden sie von einem
holländischen Kriegsschiff hart verfolgt und konnten sich nur schwer
angeschlagen nach Tanger retten. Die folgenden Fahrten blieben ebenfalls
meistens erfolglos und waren darüber hinaus meistens äußerst
verlustreich. Kühn überliefert kein rosiges Bild vom Korsarenleben.
Es war eine harte und äußerst gefährliche Arbeit, die oft
wenig Gewinn brachte. Der Seehandel der Niederländer oder von Venedig
war sicher einträglicher als der Seeraub der Barbareskenstaaten. Diese
ernährten sich eher "von den Krümeln", die vom Tisch der Großen
vielen, wie es ein spanischer Historiker formulierte.
Wie viele Seeleute dieser Zeit berichtet auch Kühn ausführlichst
von der verheerenden Wirkung der Schiffsgeschütze. Wenn die schweren
Eisenkugeln die Schiffswände durchschlugen, flogen Holz- und Metallteile
durch die Luft, die grauenhafte Verletzungen anrichteten. Er und seine
Leidensgefährten schwankten immer wieder zwischen der Hoffnung, dass
ihr Schiff erobert werden würde, und der Furcht, selbst zerfetzt zu
werden oder mit einem qualmenden Wrack unterzugehen. Einmal schien sich
die Chance zur Flucht zu bieten. Der Korsar wurde von einer Malteser Fregatte
bis unter die afrikanische Felsenküste verfolgt und dort gnadenlos
zusammengeschossen. Als die Korsaren an Land flohen, spielten die Sklaven
mit dem Gedanken, sich in der allgemeinen Panik zu den Maltesern abzusetzen.
Doch sie zauderten zu lange und wurden dann ebenfalls ans Ufer geschleppt.
Das Schiff war verloren und Kühn musste auf der Werft in Algier
mit anderen Sklaven ein Neues bauen. Das Holz für Masten und Spanten
lieferten geschäftstüchtige Holländer. Da der Bau drei Jahre
in Anspruch nahm, hatte Kühn nun ausreichend Zeit sich in Algier umzusehen.
Die Sklaven lebten in großen Häusern - den Bagnos. Dort waren
immer 40 bis 50 in einzelnen Verschlägen untergebracht. In den Bagnos
hatten sie relativ große Freiheiten. Tausende von Sklaven aus Dutzenden
von Völkern hatten sich hier auf eine dauerhafte Existenz eingerichtet.
Es gab Weinhändler, Garküchen, Bratereien und sogar eine Diebesschule.
Fast jeder Sklave stahl an seiner Arbeitsstelle und in der Stadt. Auch
hier waren die Aufseher an jedem Geschäft beteiligt. Manche Sklaven
handelten mit Branntwein und verdienten recht gut damit. Ein Italiener
hatte sogar soviel verdient, dass er sich freikaufen konnte. Das Geld hatte
er bei seinem Konsul angespart.
Im Bagno wurde "franco" gesprochen, eine Mischung aus französisch,
spanisch und italienisch. Viele Sklaven schmiedeten Fluchtpläne. Auch
Kühn war mehrmals eifrig dabei. Mit gestohlenem Holz und Pech wurden
in abgelegenen Kellern heimlich Bootsteile gezimmert, die dann an der Küste
zusammengesetzt wurden. Es waren Nussschalen und die Chancen mit ihnen
das Mittelmeer zu überqueren waren gering; dennoch gelang manchen
sogar die Flucht mit Booten aus Rinderhäuten. Weitaus mehr werden
im Sturm ertrunken oder vor Durst wahnsinnig geworden sein. Kühn hatte
so gesehen eher Glück, dass alle Fluchtversuche aufgegeben werden
mussten, da sie vorzeitig entdeckt oder verraten wurden.
Durch die Arbeit auf der Werft wurde Kühn mit der Zeit ein recht
guter Schiffszimmermann. Danach begannen wieder die Kaperfahrten. Meistens
taten sich "etliche Capitalisten" zusammen und rüsteten gemeinsam
ein Schiff aus, das dann von einem Reis geführt wurde. Seeleute und
Kanoniere waren meistens Sklaven oder Renegaten, während einige hundert
Algerier die Enter- oder Landungstruppen stellten. Wenn es dem Reis vor
der Abfahrt noch an Mannschaft fehlte, hängte er einfach eine Fahne
auf und schon strömte genug Kriegsvolk zusammen, das auf eigene Rechnung
mitzufahren bereit war. Die meisten Algerier scheinen nach Kühn Beschreibungen
reine Krieger gewesen zu sein; die Arbeit auf den Werften und Feldern überließen
sie den Sklaven, während sie selbst unter einem Reis auf Raub auszogen.
Verluste an Menschen bedeuteten ihnen nicht viel, da jederzeit genug Freiwillige
die Lücken füllten. Als Opfer bevorzugten sie deshalb Schiffe
mit schwacher Besatzung.
Mehrere Jahre kreuzte Kühn mit den Korsaren wieder im Mittelmeer
und im Atlantik. Alle möglichen Flaggen und Kriegslisten wurden eingesetzt,
um fremde Schiffe zu überrumpeln. Die Schiffe von zeitweilig verbündeten
Nationen - zum Beispiel Englands - wurden nach spanischen Gütern und
Passagieren durchsucht. Falls etwas gefunden wurde, war dies ein willkommener
Vorwand alles zu beschlagnahmen. Trotzdem gab es immer wieder schwere Verluste
im Kampf mit maltesischen und portugiesischen Schiffen.
Endlich nach 13 Jahren Sklaverei traf Kühn einen neu in Gefangenschaft
geratenen Hamburger, den er von seinen Grönlandfahrten her kannte.
Dieser erzählte ihm, dass man ihn in Hamburg für tot halte und
deshalb keinen Versuch unternommen habe, ihn loszukaufen. Erst jetzt bemühte
sich Kühn, Nachrichten in die Heimat zu schicken. Bereits ein Jahr
später wurde er zum holländischen Konsul gebeten und traf dort
seinen Bruder, der extra angereist war, um seinen Freikauf einzuleiten.
Schließlich wurde er für 570 Taler freigelassen. 200 hatte die
Sklavenkasse in Hamburg gegeben, der Rest war durch Kollekten in seiner
Heimat aufgebracht worden, wo man anscheinend ein Herz für die verlorenen
Söhne in der "Barbarei" hatte. Mit ihm kamen noch acht andere Hamburger
frei. Alle wurden mit einem französischen Schiff nach Marseille gebracht
und reisten von dort nach Hamburg.
Man kann sich natürlich zu Recht fragen, ob man Kühn soviel
Naivität abnimmt, dass er erst nach so langer Zeit versuchte Kontakt
mit der Heimat aufzunehmen, oder ob er nicht lange an seinem unfreiwilligen
Piratenleben Gefallen gefunden hatte und im Nachhinein seine Biographie
etwas geschönt hat. Wenn man von seinen Abenteuern unter der grünen
Fahne des Propheten berichten wollte, mussten Zwang und Sklaverei im Vordergrund
stehen. Kühn war zwar nicht konvertiert, sondern einwandfrei als Sklave
freigekauft worden, dennoch halte ich es für wahrscheinlich, dass
er zumindest einige Jahre ganz gerne mit den Korsaren segelte, dies aber
aus guten Gründen für sich selbst behielt.